#Gebäude vom Band

Bislang waren die meisten Häuser Unikate und das Ergebnis handwerklicher Arbeit. Doch das ändert sich nun. Standardisierung und Digitalisierung stellen die Bauwirtschaft auf den Kopf.

von HARTMUT NETZ

Noch gilt in der Baubranche die Maxime: Jedes Haus ist ein Unikat. Bis heute werden fast alle Gebäude in Manufakturbauweise errichtet. Auf der Baustelle dominiert Handarbeit, getreu dem Prinzip: Ein Mann, ein Hammer. Doch das ändert sich gerade. Standardisierung und Digitalisierung stellen die Bauwirtschaft auf den Kopf. Die Holzbaubranche macht bereits seit geraumer Zeit vor, wie sich Häuser von der Stange produzieren lassen. Bei der Weiterentwicklung, dem modularen Bauen, laufen ganze Wohnsegmente vom Band. Geplant werden Gebäude künftig anhand virtueller 3D-Modelle in der Cloud. Der Baustellenbetrieb reduziert sich dagegen auf das Zusammenfügen vorgefertigter Elemente und haustechnische Restarbeiten. Bauen wandelt sich zum durchindustrialisierten Prozess.

Vor allem das Bauen mit standardisierten Modulen findet bei immer mehr Bauherren Anklang. Dahinter steckt die Hoffnung, mithilfe industrieller Vorfertigung in der Fabrik die Bauzeit verkürzen und die Kosten senken zu können. Eine Hoffnung, die auch in der Rahmenvereinbarung für serielles und modulares Bauen zum Ausdruck kommt, die der GdW Spitzenverband der Wohnungswirtschaft 2018 gemeinsam mit dem Bundesbauministerium und der Bauindustrie unterzeichnet hat.

Kompakt

  • Beim industrialisierten Bauen werden ganze Gebäudesegmente wie Nasszellen oder Küchenzeilen komplett in der Fabrik vorgefertigt.
  • Wird gemeinsam digital in der Cloud geplant, lassen sich viele Rückfragen und Missverständnisse vermeiden.
  • Wird gemeinsam digital in der Cloud geplant, lassen sich viele Rückfragen und Missverständnisse vermeiden.

Die Idee: Aus einem Katalog von neun Anbietern wählen Wohnungsunternehmen passende Wohngebäude in Modulbauweise aus, die sie leicht modifiziert in ihrer Region zum Festpreis realisieren. Einzelne Elemente wie Wände oder Treppen bis hin zu ganzen Wohnsegmenten wie Nasszellen oder Küchenmodulen, komplett mit Leitungen, Fliesen und Steckdosen, werden im Werk vorgefertigt und auf der Baustelle zum Gebäude zusammengefügt. Damit ließen sich zügig bezahlbare Wohnungen in guter städtebaulicher Qualität schaffen, heißt es in der Rahmenvereinbarung.

Beschaulichkeit auf der Baustelle

Wie diese Art des Bauens die Abläufe auf der Baustelle umkrempelt, konnte man exemplarisch beim Neubau zweier Mietshäuser mit insgesamt 50 Wohnungen besichtigen, die der Immobilienkonzern Vonovia 2018 in der Dresdner Stübelallee in Modulbauweise realisiert hat. Früher füllten auf so einer Baustelle Lkw mit drehender Mischtrommel Frischbeton in Schalungen, Maurer zogen die Wände Ziegel für Ziegel hoch und Kolonnen anderer Arbeiter verputzten diese mit Spritzputzgerät und viel Handarbeit, um dann ihren Platz den Elektrikern, Fliesen- und Estrichlegern sowie Sanitär- und Heizungsmonteuren für den Innenausbau zu überlassen. Es herrschte geschäftiges Treiben mit viel Lärm und aufgewirbeltem Staub. In der Stübelallee hingegen ging es im Vergleich dazu recht beschaulich zu.

Ein Schwerlastkran hob die standardisierten, etwa sieben mal drei Meter großen Betonmodule vom Tieflader über das Baugerüst, drehte sie in passgerechte Position und setzte sie zentimetergenau auf ein vorbereitetes Mörtelbett. Die Module wurden montagefertig mit Fenstern, Kabeln, Steckdosen, Rohrleitungen, Fliesen, WC und Waschbecken angeliefert. Kaum war ein Lkw entladen, kam auch schon der nächste. So wuchsen die Häuser jeden Tag um acht Module. In nur einem Monat war das erste Haus aufgestapelt und die Handwerker konnten mit dem Innenausbau und den noch anstehenden Restarbeiten loslegen. Und das ging fast geräuschlos vonstatten, denn der Großteil lärmender Arbeiten wie Bohren, Hämmern oder Schweißen war ja bereits im Werk erledigt worden.

Mehr Tempo, weniger Kosten

Modulares Bauen spare im Vergleich zu konventionellen Bauweisen perspektivisch etwa ein Fünftel der Kosten, hat die Beratungsgesellschaft McKinsey ermittelt. Entscheidender Vorteil sei die Verkürzung der Bauzeit, sagt Thomas Kirmayr, Geschäftsführer der Fraunhofer-Allianz Bau, zu der sich zwölf Forschungsinstitute der Fraunhofer-Gesellschaft aus dem Bauwesen zusammengetan haben. Die vorgefertigten Module seien schnell auf die Baustelle geliefert, das Zusammenfügen Routinearbeit: „Die Firmen wissen schon vorab, was zu tun ist“, erläutert Kirmayr. „Denn alle Schnittstellen sind standardisiert. Dadurch werden Fehlerquellen reduziert und Arbeitsabläufe beschleunigt.“

Allerdings ist der Modulbau eine noch junge Industrie. „Die Vorfertigungskapazitäten müssen erst aufgebaut werden“, gibt Kirmayr zu bedenken. „Das hat nicht jede Firma im Fokus.“ Denn die dafür notwendigen Investitionen seien immens. Vorfertigung benötigt weiträumige Fabriken, die standardisierte Produktionsprozesse für Beton- und Stahlbau, Dämmung sowie den gesamten Innenausbau mit Wasser-, Heizungs- und Elektroinstallation in einer Halle vereinen: Fließbandfertigung eben, wie sie Henry Ford vor über 100 Jahren für die Automobilproduktion einführte. Mit dem Prinzip der „moving assembly line“ industrialisierte der US-amerikanische Fahrzeugpionier 1913 die Herstellung von Automobilen und steigerte den Ausstoß seines Modells T, auch Tin Lizzy oder Blechliesel genannt, auf das Achtfache.

Nach dem Fließbandprinzip fertigen auch die neun Anbieter aus dem Katalog der GdW-Rahmenvereinbarung ihre Gebäudemodule. Dafür wird der Produktionsablauf in ein Dutzend oder mehr Stationen gegliedert, die sich grob an der Arbeitsabfolge vom Rohbau zum Innenausbau orientieren. Bei Betonmodulen geht es los mit einem Käfig aus Stahlbewehrung, der später für die Stabilität von Böden, Decken und Wänden sorgt. Er wird über eine Innenschalung gezogen, mit Kabeln für die Elektrik versehen, außen von allen Seiten verschlossen und mit Beton verfüllt. Ist der Beton ausgehärtet und das Fenster gesetzt, beginnt der Ausbau: Die Innenwände werden verputzt und gefliest, Steckdosen angeschlossen und Waschbecken festgeschraubt. Fertige Module werden verpackt und mit einem Tieflader auf die Baustelle geliefert.

Die Masse macht’s

Modulfertigung rechnet sich allerdings nur über die Masse. Wer modular bauen will, muss demnach auch modular planen können – und zwar am besten deutschlandweit. Dem steht jedoch die deutsche Kleinstaaterei im Weg. Jedes Bundesland hat seine eigene Bauordnung mit voneinander abweichenden Auflagen. Um im großen Stil modular bauen zu können, sind deshalb sogenannte Typengenehmigungen nötig, die es erlauben, Systembauten gleicher oder ähnlicher Ausführung an mehreren Orten zu errichten, ohne jedes einzelne dieser Gebäude dem aufwendigen örtlichen Genehmigungsprozess unterziehen zu müssen. Einmal genehmigt, vielfach gebaut, sozusagen. Zwar wurde ein entsprechender Passus 2019 in die Musterbauordnung eingefügt, aber bislang lediglich von wenigen Bundesländern übernommen.

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