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Ich bin ein Jude“, gesteht am Ende von Lessings frühem Lustspiel „Die Juden“ ein edler Reisender. Zuvor hatte er einen adligen Gutsherrn aus der Hand seines betrügerischen Verwalters gerettet und soll nun zum Dank die Tochter des Barons bekommen. Doch das geht nicht, deshalb muss er sich outen. In seiner Inszenierung am Berliner Ensemble von 2003 saß der damals 89 Jahre alte Spielmacher George Tabori mit allen anderen Mitwirkenden am Rande der Spielfläche, einem Stückchen Kunstrasen, auf der Bühne. Bei den Worten geht plötzlich das Licht aus, das scheinbar arglose Rokoko-Picknick fliegt von starkem Lärm begleitet auseinander, und jeder begreift: Lessings Stück von 1749 wird hier zum Vorausspiegel der späteren Katastrophe der deutschen Geschichte. Der Spielmacher am Bühnenrand blickte damit auch auf sein eigenes Leben zurück. Nicht nur seinen Vater Cornelius Tábori hat er in Auschwitz verloren.
Er überlässt sich dem Erinnerungsstrom
Mit der Suche nach dem Vater in der Gedenkstätte des Vernichtungslagers enden Taboris Erinnerungen „Autodafé“, die vor mehr als zwanzig Jahren bei Wagenbach als Buch erschienen sind. Sie erzählen von einem Leben, das am 24. Mai 1914 in Budapest begann, bis zum Londoner Exil in Berlin stattfand und nach zwei Jahrzehnten in Amerika 2007 auch dort endete. Nicht nur der Titel erinnert an Elias Canetti, dessen Roman „Die Blendung“ 1946 auf Französisch als „Auto-da-Fé“ erschienen war. Auch den Sinn für groteske Lebenserzählungen teilen die beiden. Wie Canetti in drei umfangreichen Bänden so charakteristische Episoden wie den Versuch in der „Geretteten Zunge“, ihn mundtot zu machen, miteinander verknüpft, so gelingt es Tabori, auf nur achtzig Seiten Szenen seines Lebens in pointiertester Form vor Augen zu führen.

George Tabori: „Autodafé. George Tabori erzählt aus seinem Leben“. Autorenlesung.Der Audioverlag Berlin 2023, 1Mp3-CD, 64 Min., 15,– €.
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Bild: Verlag
Teilweise liest er sie in einer Produktion des Deutschlandfunks Kultur von 2002 aus dem Buch vor. Noch schöner aber sind in diesem Hörbuch die Passagen, in denen er die Szenen auf Fragen von Jörg Jannings hin aufs Neue frei erzählt. Die Stimme ist die eines alten Mannes, die immer lebendiger wird, je mehr sich Tabori dem Erinnerungsstrom überlässt. Stark ergreift ihn etwa die Erzählung von der Mutter, die nach einem Schlaganfall noch selbst die Rettung rief, dann ins falsche Krankenhaus gefahren wurde und verstarb, bevor sie das richtige erreichte. Oder er lacht sich ins Fäustchen über den gut gemeinten Versuch des Vaters, ihn im Etablissement „Chez Madame Claire“ eine wichtige Erfahrung des Lebens machen zu lassen. Als Tabori sich endlich für das letzte der vorbeistolzierenden Mädchen entscheidet, um die Sache hinter sich zu bringen, gesteht er dieser im Séparée, er sei nicht so unschuldig, wie der draußen wartende Vater glaube. Nur dürfe er das keinesfalls erfahren.
Die Leser wissen aus dem ersten Kapitel, dass George seine ersten Erfahrungen schon mit dem Kindermädchen Alma machte. Jetzt lässt er dem Vater die Freude, der im Café ausharrenden Mutter einen sprechenden Blick zuzuwerfen, die Mission, aus dem Sohn einen Mann zu machen, sei erfolgreich beendet.
Solche Schelmenstücke dominieren die Erinnerungen und verraten den späteren Theatermacher. Als er 1932 mit dem Vater von Budapest nach Berlin fährt, zieht der sich irgendwann auf einen Kaffee zurück. Der Schaffner kommt und fragt nach den Tickets. Mit Schrecken stellt man fest, dass der Zug unterwegs geteilt wurde und der Speisewagen inzwischen nach Wien fährt. Es wird telegraphiert, und George muss lange auf einer Station warten, bis der beschämt nachreisende Vater endlich wieder auftaucht.
In Berlin beginnen die Lehrjahre im Hotel Hessler am Ufa-Palast. Taboris theatraler Einstand als Kellner ist ein Orangensaft, den er der Hauptdarstellerin aus dem Film „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ aus Verwunderung auf den Schoß kippt. Doch der Direktor steht immer hinter ihm. Als ihn der Oberkellner als „Judenjungen“ denunziert, fliegt dieser raus, nicht Tabori – ebenso wie ein paar Nazischergen, die Kaffee und Kuchen bestellen, ohne dafür bezahlen zu wollen.
Rendezvous per Tischtelefon
Was auf den ersten Blick wie eine Reihe lustiger Sketche wirkt, ist fast immer von scharfer Beobachtung und groteskem Witz geprägt. Ein im Delphi-Tanzpalast am Zoo per Tischtelefon angebahntes Rendezvous mit einer etwas buchhalterischen Dame endet in der Rankestraße auf einer mit dem Kopf von Kaiser Wilhelm bestickten Tagesdecke. Die meisten Erinnerungsstücke führen auf so einen Umschlagpunkt zu, wie man ihn auch in der Inszenierung von Lessings „Die Juden“ erlebte.
Tabori ist ein Meister des Wendepunkts, auch im Auschwitz-Stück „Die Kannibalen“ hat er das bewiesen. Nach dem Besuch der Gedenkstätte hat er im Hotel eine seltsame Begegnung mit einem Mann in Reitstiefeln. Die Beleidigung „Du Schweinehund“ legt er ihm als linguistisch unsinnige Doppelung auseinander. Dann erscheint der Vater in KZ-Kleidung. Endlich kann er ihn fragen, ob er vor der Gaskammer wirklich einem Mitgefangenen namens Mandelbaum höflich den Vortritt ließ.
Statt einer Antwort greift der Reitstiefelknecht gewaltsam ein. George Tabori fällt auf seinen Vater, den ewigen Wanderer. Der Umschlagpunkt ist erreicht, und der Traum vorbei. Auf dem Rückflug nach Wien erbricht Tabori, „schreiend wie ein verwundeter Esel, seinen Kummer in die Papiertüte“.
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