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#Gibt es dumme Fragen?

Gibt es dumme Fragen?

Als Kind hat man öfter den Satz gehört, es gebe keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Die Geltung des Satzes blieb nicht auf dieses Lebensalter beschränkt. Bei Vorstellungsgesprächen wurde man mit Fragen konfrontiert, die, positiv gefasst, sehr unkonventionell waren. Als Journalist hat man später die Erfahrung gemacht, dass es bei manchen Interviews bestimmte Fragen braucht, provokante, überraschende, um den Verteidigungsring des Gegenübers zu durchbrechen. Zu diesem Zweck darf man sogar den Advocatus Diaboli spielen. Unverschämt oder verletzend sollten die Fragen allerdings auch nicht sein. Aber nicht zuvorderst aus moralischen Gründen, sondern weil der oder die Interviewte sonst dicht macht, den Raum verlässt oder spätestens bei der Autorisierung das Interview zurückzieht.

Timo Frasch

Dieser Tage kann man besonders in den sozialen Netzwerken immer wieder lesen, dass es sehr wohl dumme Fragen gebe. Anlass sind zwei Interviews in der Zeitschrift „Der Spiegel“. Mitte Oktober eines mit der Virologin Sandra Ciesek. Sie wurde eingangs gefragt: „Ihnen ist klar, dass Sie die Quotenfrau sind?“ Vergleichbare Provokationen folgten. Das wurde weithin als sexistisch gebrandmarkt, etwa von der Soziologin Jutta Allmendinger, die in der Pandemie mit der steilen These hervorgetreten war, die Gleichberechtigung von Frau und Mann werde durch Corona um drei Jahrzehnte zurückgeworfen. Dass es zwei Frauen waren, die das Interview geführt hatten, wurde als Entlastungsgrund nicht akzeptiert.

Nun gibt es im „Spiegel“ ein neuerliches Interview, mit der ehemaligen FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin über ihre Brustkrebserkrankung. Alle möglichen Leute schlagen gerade darauf ein. Selbst bayerische Staatsministerinnen twitterten, die Fragen des Interviewers seien „schlimm“ und „unterirdisch“. Man fühlte sich an einen Satz des Philosophen Jacob Taubes erinnert, den er über den in der Nachkriegszeit wegen seiner nationalsozialistischen Verstrickungen gern gedissten Carl Schmitt gesagt hatte: „Jeder Privatdozent in der Politologie (muss) in seiner Antrittsvorlesung natürlich einen Tritt in den Arsch von Carl Schmitt geben.“

Einer der Kernvorwürfe an den Interviewer lautete, er habe etwas thematisiert, das Äußere von Frauen, das in der Politik keine Rolle spiele – oder keine Rolle spielen dürfe. Auf Letzteres kann man sich gefahrlos einigen. Dass das Aussehen in der Politik aber wirklich keine Rolle spielt, das glauben nur Leute, die keine Ahnung haben. Es spielt eine Rolle, schon deshalb, weil diejenigen, die über Karrieren entscheiden, wissen, dass es auch für das Wahlvolk nicht ohne Belang ist.

Das gilt übrigens nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Im Fall der möglichen Kanzlerkandidaten der Union wird in gar nicht mal so wenigen Kreisen weniger über die politischen Taten der Herren gesprochen als über deren Körpergröße (Laschet, Spahn, Söder), Gesichtszeichnung (Röttgen, Söder, Laschet) oder Frisur (Söder, Spahn, Röttgen). Von den Taten haben die meisten Bürger nämlich allenfalls eine grobe Vorstellung; wie die Politiker aussehen, sieht man hingegen jeden Tag im Fernsehen. Das auszublenden, bedeutet, sich dümmer zu stellen als man ist.

Es gibt triftige Hinweise darauf, dass zwischen dem Interviewer und der Interviewten Koch-Mehrin Interessenkongruenzen bestehen, die über das konkrete Interview und auch über ein journalistisch unbedenkliches Maß hinausgehen. Was auch immer daran ist: Es wirft ein Schlaglicht darauf, dass es im Interview immer auch um die Interessen zweier Seiten geht, die man, etwa im Wege der Autorisierung, in Einklang bringen muss. Im konkreten Fall bekommt Koch-Mehrin vom Interviewer, der erkennbar und etwas penetrant in die Rolle des „alten weißen Mannes“ schlüpft, eine Vorlage nach der anderen. Sie verwandelt und geht als Siegerin vom Platz. Sie ist also keinesfalls das Opfer. Auch hier sollten sich Journalisten nicht dümmer stellen als sie sind – und vielleicht noch mal die Interviews gefeierter Interviewer wie André Müller zur Hand nehmen. Wie der im Interview mit seiner eigenen Mutter umgeht! Schlimm. Unterirdisch. Aber schon auch lesenswert.

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