GLP-1-Agonisten: Abnehmspritze gegen Sucht?

GLP-1-Agonisten: Abnehmspritze gegen Sucht?

GLP-1-Medikamente wurden ursprünglich gegen Diabetes entwickelt, kommen inzwischen aber auch zunehmend als Abnehmspritzen zum Einsatz. Doch durch ihre Wirkung auf das Belohnungszentrum im Gehirn können sie womöglich auch gegen Süchte helfen. Daten von über 600.000 US-Veteranen zeigen, dass Personen, die aufgrund von Diabetes mit GLP-1-Agonisten behandelt wurden, seltener von Drogen oder Alkohol abhängig wurden. Bei bestehenden Süchten senkte die Behandlung die Wahrscheinlichkeit für Überdosierungen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle. Damit könnten GLP-1-Agonisten einen neuen Weg eröffnen, die Ursachen von Sucht zu bekämpfen.

Wirkstoffe wie Semaglutid und Tirzepatid binden an die gleichen Rezeptoren wie das körpereigene Sättigungshormon GLP-1 und entfalten dadurch eine appetitzügelnde Wirkung. Deshalb kommen die ursprünglich gegen Diabetes entwickelten GLP-1-Agonisten zunehmend als Abnehmspritzen zum Einsatz. Doch ihre Wirkung könnte noch darüber hinaus reichen, denn GLP-1-Rezeptoren haben einen weitreichenden Einfluss auf unser Belohnungssystem. Personen, die mit GLP-1-Medikamenten behandelt werden, berichten von einem verminderten Interesse an Alkohol und Nikotin und Beobachtungsstudien haben bereits nahegelegt, dass die Behandlung mit einem geringeren Risiko für Substanzmissbrauch verbunden ist.

Suchtrisiko reduziert

Diese Spur hat nun ein Team um Miao Cai vom St. Louis Health Care System in den USA weiterverfolgt. Dazu werteten die Forschenden Patienteninformationen aus den Datenbanken des US Department of Veterans Affairs aus. Diese enthalten Informationen über den Gesundheitszustand und medizinische Behandlungen von US-Veteranen. Für ihre Studie nutzten Cai und seine Kollegen die Gesundheitsdaten von 606.434 US-Veteranen mit Typ-2-Diabetes, die entweder mit GLP-1-Agonisten oder mit einem anderen Diabetesmedikament behandelt worden waren.

Das Ergebnis: Veteranen, die GLP-1-Agonisten erhielten, hatten ein um 14 Prozent geringeres Risiko, eine Drogensucht zu entwickeln. Ihr Risiko, von Alkohol abhängig zu werden, war um 18 Prozent geringer, für Cannabis um 14 Prozent, für Kokain und Nikotin um 20 Prozent und für Opioide sogar um 25 Prozent. Auch Patienten, die bereits eine Suchterkrankung hatten, profitierten von der Behandlung mit GLP-1-Agonisten. Sie wurden innerhalb der dreijährigen Beobachtungszeit 30 Prozent seltener in die Notaufnahme eingewiesen, erlitten 40 Prozent weniger Überdosierungen und 50 Prozent weniger Todesfälle. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein potenzieller Nutzen nicht auf eine einzelne Diagnose oder Substanz beschränkt ist, sondern sich auch auf akute und lebensbedrohliche Folgen einer Sucht erstrecken kann“, schreibt Fares Qeadan von der Loyola University in Chicago, der nicht an der Studie beteiligt war, in einem begleitenden Kommentar.

Gegen das Verlangen

Den Forschenden zufolge wäre eine solche breite Wirksamkeit ein Novum in der Suchtbehandlung. „In der Suchtmedizin zielen Behandlungen üblicherweise nur auf ein Problem ab – zum Beispiel hilft ein Nikotinpflaster gegen Rauchen, aber nicht gegen Alkoholkonsum –, aber es gibt kein Medikament, das für mehrere Suchtmittel wirkt, geschweige denn bei allen“, sagt Cais Kollege Ziyad Al-Aly. „Die Ergebnisse zu GLP-1-Medikamenten legen nahe, dass sie wirklich gegen alle wichtigen Substanzen wirken, indem sie wahrscheinlich das Verlangen selbst dämpfen.“

Damit könnte die Wirkstoffklasse neue Möglichkeiten eröffnen, um Menschen zu helfen, die von mehreren Substanzen zugleich abhängig sind oder die von Drogen wie Methamphetaminen abhängig sind, gegen die es bisher noch keine medikamentöse Behandlung gibt. Dafür sind allerdings zunächst klinische Studien erforderlich, die den Nutzen und mögliche Risiken beim Einsatz von GLP-1-Agonisten gegen Sucht untersuchen – auch im Vergleich zu etablierten Therapien.

Sollten sich Semaglutid und Co. tatsächlich als wirksame Suchttherapeutika erweisen, stellen sich auch Fragen nach der Verteilungsgerechtigkeit. „GLP-1-Rezeptoragonisten sind nach wie vor kostspielig, und der Zugang ist zwischen den Ländern und innerhalb der Länder ungleich verteilt“, gibt Qeadan zu bedenken. „Eine Ausweitung der Indikation sollte nicht zu einer Vergrößerung der gesundheitlichen Ungleichheiten oder zu einer Verlagerung der Versorgung weg von etablierten Indikationen führen.“ Für Patienten jedoch, die mit Suchterkrankungen zu kämpfen haben und ohnehin gegen Diabetes oder Adipositas behandelt werden müssen, können GLP-1-Agonisten schon jetzt die Behandlung der Wahl darstellen: „Für sie können diese Medikamente einen doppelten Nutzen bieten und beide Erkrankungen zugleich behandeln“, sagt Al-Aly.

Quelle: Miao Cai (Veterans Affairs St. Louis Health Care System, Missouri, USA) et al., BMJ, doi: 10.1136/bmj.s325

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