#Grigory Sokolov spielt beim Klavierfestival Ruhr

In Mülheim an der Ruhr, wo das Grün in wilder Gelassenheit die Flussufer vor der wuchtigen Stadthalle säumt, hat das Dunkel von Saal und Bühne, in welches Grigory Sokolov seine Klavierabende geradezu rituell tauchen lässt, noch einmal eine andere historische Resonanz: „Die Dunkelheit ist da, und alles schweiget; mein Geist vor dir, o Majestät, sich beuget. Ins Heiligtum, ins Dunkle kehr ich ein; Herr rede du, lass mich ganz stille sein“, dichtete der pietistische Mystiker Gerhard Tersteegen hier. Gut sechshundert Meter von der Stadthalle entfernt ist er 1769 gestorben.

Sokolov selbst – den der aus Hongkong stammende Pianist Anson Yeung in seinem Fanvideo auf Youtube „The God of Piano“ nennt, wobei er mit einem Minimum von Widerspruch rechnen kann – hat für sein Programm in dieser Saison Musik von äußerster Kargheit gewählt: drei Suiten und fünf Einzelstücke von Henry Purcell, dazu die B-Dur-Klaviersonate KV 333 und das erratische h-Moll-Adagio KV 540 von Wolfgang Amadé Mozart, Musik, die keinen Virtuosen verlangt und von Kinderhänden bewältigt werden kann. Der Pianist, der im Dunkeln wohnt, erscheint der Welt als Kind.

Sokolovs erstaunliche Verzierungen

Und trotzdem klingen Purcells Grounds, Tunes und Tänze so, wie nur Sokolov sie spielen kann. Von Pianisten der ganzen Welt wird er beneidet um die prickelnde Perfektion seiner Verzierungen. „The Cleanest Ornaments I’ve ever heard“ heißt ein weiteres Fanvideo auf Youtube, auf dem Frederick Viner die rasenden Triller und Girlanden Sokolovs transkribiert hat, die dieser aus Jean-Philippe Rameaus „La Poule“ hervorzaubert. Von jungen Klavierstudenten hört man heute Sätze wie: „Ich kriege bei seinen Trillern jedes Mal eine Gänsehaut. Ich möchte wissen, wie er das macht.“

Auch hier, beim Klavierfestival Ruhr, sind Sokolovs Verzierungen bei Purcell je und jäh Ausdruck einer lustvoll empfundenen Schönheit und Zerbrechlichkeit. Die Synkopen im Ground in G-Dur (über dem gleichen Bass wie Bachs Goldbergvariationen) federn singend nach; die Oberstimme in den Akkorden der Schlussvariation schimmert silbern wie auf einem Virginal des siebzehnten Jahrhunderts. In der Corant der g-Moll-Suite entsteht aus dem Wechselspiel von Trillern und perlend herabtropfenden Achteln das Bild von zitterndem Laub im Regen. Und die Praller in der Hornpipe der d-Moll-Suite imitieren in einer abenteuerlichen Balance aus Drastik und Deli­katesse das Flattern der Lippen eines ­blasenden Hornisten. Englische Barockmusik wird zu einer Folge von lyrischen Miniaturen, allein durch die einzigartige Weise ihrer Verklanglichung.

Ohnesorg nimmt Abschied

Franz Xaver Ohnesorg, der nach 28 Jahren an der Spitze des Klavierfestivals die Intendanz im nächsten Jahr an Katrin Zagrosek abgeben wird, verabschiedet sich in Mülheim schon vom Publikum, das den Saal bis auf den letzten Platz gefüllt hat. Auch über Sokolovs Programm liegt etwas von Abschied. Kenner der pianistischen Geschichte wissen, das Mozarts B-Dur-Sonate und sein h-Moll-Adagio zu den Werken gehörten, die Vladimir Horowitz in seinen letzten Lebensjahren noch aufnahm. Und mit dem h-Moll-Adagio, einer weit in die Romantik vorgreifenden Todesbetrachtung, den Abend zu schließen, statt es in lebenszugewandtere Musik einzubetten, ist eine beklemmende Stellungnahme.

Beklemmend ist auch Sokolovs Mozartspiel selbst. Er, der sonst jedem Gedanken die ihm gemäße Zeit gab und die Musik atmen ließ, bis die Zeit sich selbst erfüllte, buchstabiert nun im Kopfsatz der B-Dur-Sonate das Metrum aus. Die Achtel auf den schweren Taktteilen bekommen solch einen Nachdruck, als würde der Musik eine Uhr vorgehalten. Statt die Zeit zu erfüllen, unterwirft sich die Musik der Zeit wie einem fremden Maß und wird klingend gewahr, dass ihre Zeit abläuft. Auch im h-Moll-Adagio atmen die Pausen nicht, sammelt sich in ihnen weder Erwartung noch Erschöpfung. ­Immer geht es gleich, bei schönstem, erlesenstem, unnachahmlichem Klang, weiter, als müsse noch etwas geschafft werden, bevor die Zeit abgelaufen ist.

Auch bei den Zugaben stellt sich dieser Eindruck ein, weniger bei „Le sauvages“ und „Le tambourin“ von Rameau als beim B-Dur-Prélude von Sergej Rachmaninow, dem bedrohlich anschwellenden „Regentropfen“-Prélude von Frédéric Chopin und bei dessen beiden Mazurken in a-Moll op. 68 Nr. 2 und f-Moll op. ­ 63 Nr. 2. Es fehlt der Musik die „Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben“, wie Tersteegen dichtete. Gerade bei der letzten Mazurka ist es, als würden wir in eine kosmische Hoffnungslosigkeit stürzen und den Klängen bei ihrem langsamen Ersticken zuhören.

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