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#Haben Sie Proust zu Ende gelesen?

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Haben Sie Proust zu Ende gelesen?

Louis Begley

Doch, ich habe die „Recherche“ ganz gelesen, vom ersten bis zum letzten Satz, als ich im Frühlingssemester meines zweiten Harvard-Collegejahres an Professor Harry Levins berühmtem Kurs über Proust, Joyce und Mann teilnahm. Gelesen und inzwischen Gott weiß wie viele Male wiedergelesen. Gerade jetzt bin ich noch einmal in der Mitte des zweiten Bandes, A l’ombre des jeunes filles en fleur („Im Schatten junger Mädchenblüte“), angekommen.

Kaum zu glauben – ich war ein achtzehnjähriger Flüchtling aus Polen in Zeiten des Krieges, und nichts in meinem Leben, weder Herkunft noch Erfahrungen, hatte mich auf den Umgang mit Prousts Romanpersonen vorbereitet –, aber sein Buch erwies sich viele Jahre später in meiner Pariser Zeit als zuverlässiger, oft unentbehrlicher Leitfaden.

Am wichtigsten und noch unglaublicher: Dass ich Prousts Roman las und liebte, hat mir das größte Glück in meinem Leben eingetragen, das Werben um Anka Muhlstein und die Ehe mit ihr. Sie ist eine Proust-Spezialistin und hat neben anderen Büchern auch „Die Bibliothek des Monsieur Proust“ (Insel, 2013) geschrieben, in dem sie die literarischen Anspielungen und Inspirationsquellen unseres Lieblingsautors aufspürt.

Vom Autor erscheint bald „Hugo Gardners neues Leben“ (Suhrkamp). Aus dem Englischen von Christa Krüger.

Berit Glanz

Meine Lesebiographie ist leider auch eine Geschichte des Vergessens von konkreten Inhalten, Motiven und Erzählsträngen der Bücher, die ich gelesen habe. Stattdessen erinnere ich mich detailliert an die Umstände des Lesens.

Von Prousts sieben Bänden zur Suche nach der verlorenen Zeit, in dem Erinnerung eine zentrale Rolle spielt, habe ich nur die Madeleine-Szene gelesen, denn als ich in der Lebensphase war, in der ich mich besonders eifrig durch einen von außen an mich herangetragenen Kanon gearbeitet habe, begann ich gerade mein Skandinavistik-Studium, und für mich stand deswegen ein anderes Werk mit großem Umfang im Vordergrund: Carl Jonas Love Almqvists „Dornrosenbuch“.

Heute, viele Jahre später, erinnere ich von diesem Leseunterfangen, vor allem einige der besonders schillernden Figuren und eine Art übergreifende Atmosphäre der Bücher, die ich aber nicht an einzelnen Textteilen festmachen kann. Ich erinnere mich auch daran, wie ich das Buch gelesen habe, an den Menschen, der ich damals war, an den Geruch meines WG-Zimmers und meine Leseecke. Eine Erinnerung, die in meinem Kopf viel deutlicher ist als der konkrete Inhalt der vielen Seiten.

Ich frage mich, ob es den Lesenden von Prousts Suche genauso geht, ob die Bücher selbst zu einer Art Madeleine werden, also einem Objekt, das unwillkürliche Erinnerungen an die Vergangenheit verursacht.

Was bleibt von den umfangreichen Lesevorhaben unseres Lebens, von den vielen Stunden, die einem literarischen Werk gewidmet werden? Die Bedeutungsgeflechte, in die sich literarische Texte in unserem Kopf einordnen, können auch durch das Studium zentraler Motive und die Auseinandersetzung mit literaturwissenschaftlicher Forschung erzeugt werden. Anders ausgedrückt, um Referenzen auf Madeleines zu verstehen, muss ich keine einzige Seite Proust gelesen haben.

Die Lektüre hat für mich aber eine viel persönlichere Dimension: Die gelesenen Texte werden zu Speichern eines vergangenen Lesemoments, einer Einschreibung meiner gegenwärtigen Person in einen sinnlichen Leseprozess, der von da an untrennbar mit dem Buch verknüpft ist.

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