Handball zwischen Kult und Kommerz: Final Four in Köln

Handball zwischen Kult und Kommerz: Final Four in Köln

Neulich in Melsungen. Hinter dem Tor steht eine Wand, keine Tribüne. Immer wenn die Kamera dorthin schwenkt – sehr häufig, denn wir sprechen vom Handball –, sieht das Ganze verdächtig nach Turnhalle aus. Weil dort die Fans in Rot und Weiß fehlen, stattdessen nur Offizielle der MT Melsungen mit ernstem Blick dem Spiel folgen.

Die Rothenbach-Halle auf dem Kasseler Messegelände ist nicht die einzige Bundesligaspielstätte, die professionellem Handball den Hautgout der Provinz anheftet. Den möchte die Liga-Vereinigung HBL gern abstreifen, und der Rechteinhaber Dyn noch viel lieber: Ihr Chef Christian Seifert hat den Klubs einen straffen Wachstumskurs verordnet, vor allem was die Aktivitäten ihrer Stars in den sozialen Netzwerken angeht. Auch sollen die Heimspiele zu spektakulären „Events“ mutieren.

Viele Klubs stöhnen über die neuen Aufgaben. Zum einen weil sie gar nicht einsehen, warum sie Seifert helfen sollen, die Abozahlen seines Streamingdienstes in die Höhe zu treiben. Zum anderen weil ihnen die finanziellen und personellen Mittel fehlen, sich neben den sportlichen Zielen auch mutigen unternehmerischen zu widmen. Der Handball steckt in der Klemme von Kult und Kommerz.

Animationen auf dem Boden als neues Element

Gegenentwurf zum Kasseler Mief wäre die große weite Welt der Unterhaltung in der Lanxess-Arena zu Köln-Deutz: Willkommen beim Handball-Spektakel! Als Chiffre für das, was einige ablehnen, andere fordern, stammt beim diesjährigen Final Four um den Pokal des Deutschen Handballbundes (DHB), das am Sonntag die Füchse Berlin für sich entschieden, der Glasboden aus deutscher Produktion. Bekannt aus der NBA und der Basketball-Bundesliga (die Bayern spielen im SAP-Garden dauerhaft auf einem solchen), setzt nun auch der Handball auf Hightech unter den Füßen.

Als „innovativen Pionier“ bezeichnete der „Kicker“ die HBL, denn der Videosportboden, mehr als 500.000 Euro teuer, verleiht dem Handball völlig andere Möglichkeiten von Show, Werbung und spielbegleitender Unterhaltung. Sportartspezifische Markierungen auf dem Spielfeld liefert er in allen Formen und Farben – ein nicht unerheblicher Vorteil.

In Köln erlebten die 20.000 Menschen am Wochenende eine abgespeckte Form der Animation. Niemand soll überfordert werden. Aber es war schon beeindruckend, wie der Boden schachbrettartig in vielen Farben illuminiert wurde, als das Vorprogramm startete. Da wirkt ein handelsübliches Bundesligaheimspiel plötzlich bieder und fad.

„Ich glaube, dass dadurch mehr Menschen zum Handball kommen“

Lasershow, Trommeltänze und die gläserne Unterlage zogen selbst hartgesottene Manager in ihren Bann: „Ich finde es spektakulär. Man muss Dinge einfach mal probieren. Für mich ist das Final Four mit diesem Boden unsere Premiumveranstaltung“, sagt der Magdeburger Geschäftsführer Mark-Henrik Schmedt der F.A.Z., „aber die Urtugenden des Handballs, Kampf, Leidenschaft, Nahbarkeit, die gehen dadurch nicht verloren.“

Die Spieler hatten am neuen Untergrund wenig auszusetzen; er sei wärmer als der bekannte, vielleicht etwas härter und ungewohnt, weil er von unten leuchte: „Ich glaube, dass dadurch mehr Menschen zum Handball kommen“, sagte der Norweger im Berliner Team, Tobias Gröndahl. Neue Fans, die die Traditionalisten verdrängen, weil es denen zu laut, zu grell, zu marktschreierisch geworden ist?

Genau dieser Verlust ist die Furcht der alteingesessenen Handball-Liebhaber. Schon jetzt überdröhnen die von der Regie eingespielten Beats und Bässe manchen Gesang der Menschen auf den Rängen. Das Quietschen der Sohlen, das Schmatzen des Balles, das fehlt auf dem Glasboden – doch die Vorteile der Kölner Endrunde als Vorstoß in die Handball-Moderne scheinen zu überwiegen: „Ich gratuliere der HBL und bedanke mich, welch großes Ereignis sie hier auf die Beine gestellt hat“, sagte der Lemgoer Coach Florian Kehrmann.

„Wir genießen dieses Wochenende von Anfang bis Ende. Von unseren Fans kommt nur positive Rückmeldung“, urteilte Markus Pütz, einer der Coaches des Bergischen HC.

Neue Möglichkeiten auch für die Liga?

Der BHC hatte auch für den vorläufigen Höhepunkt gesorgt, als er am Samstag nach Siebenmeter-Werfen überraschend den Champions-League-Sieger SC Magdeburg aus dem Turnier beförderte (31:30) und am Sonntagnachmittag auf den deutschen Meister Füchse Berlin traf – sie hatten im ersten Halbfinale des Samstags den TBV Lemgo 39:36 bezwungen.

Bei so viel Lob wollte das Lächeln aus Frank Bohmanns Gesicht gar nicht mehr verschwinden. Doch der 62 Jahre alte Geschäftsführer der HBL sagte im Gespräch auch stöhnend, wie viel Arbeit seines vergleichsweise kleinen Teams hinter der Organisation dieses „Events“ stecke, das Jahr für Jahr Menschen aus ganz Europa anzieht.

Logisch, dass nicht jedes x-beliebige Heimspiel eines Bundesligavereins diese Dimensionen an Aufwand und Kosten rechtfertigen könnte. Nicht einmal ansatzweise. Allerdings brachte das Gesehene an diesem Wochenende schon einige der anwesenden Bundesligamanager ins Nachdenken: Was lässt sich abschauen?

Der Handball zwischen jung und alt

Nach wie vor beschränken sich die Spiele zwischen Flensburg und Stuttgart auf 60 Minuten Handball. Ohne Schnickschnack. Viele treue Fans schätzen das. Inklusive Plausch mit den Profis nach Spielende. Sie sind ein älteres, zahlungskräftigeres Publikum als beispielsweise das eher jüngere im Basketball.

Kein Klub will es sich mit ihm verscherzen. Zumal niemand die Frage verlässlich beantworten kann, ob ein höherer Unterhaltungswert wie in Köln jüngere Menschen in die Hallen treibt. Bis auf Weiteres wird der professionelle Handball den Spagat zwischen Schulturnhalle und Hightech-Arena aushalten müssen.

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