Herpesviren schon vor 2500 Jahren im menschlichen Genom

Herpesviren schon vor 2500 Jahren im menschlichen Genom

Schon vor mehr 2500 Jahren trugen Menschen Herpesviren vom Typ HHV-6 in ihrem Erbgut. Das zeigen Analysen von alter DNA aus menschlichen Skeletten, die in verschiedenen Teilen Europas gefunden wurden. Demnach zirkuliert das Virus, das heute unter anderem für Drei-Tage-Fieber bei Kleinkindern verantwortlich ist, schon seit Jahrtausenden in menschlichen Populationen und konnte bereits in der Bronzezeit von Generation zu Generation vererbt werden.

Herpesviren sind vor allem bekannt als Auslöser lästiger Lippenbläschen. Doch neben dem dafür verantwortlichen Herpes-simplex-Virus umfasst die Familie der humanen Herpesviren zahlreiche weitere Vertreter, die unter anderem für Windpocken, Gürtelrose, Pfeiffersches Drüsenfieber und verschiedene Krebserkrankungen verantwortlich sind. Sie alle haben eines gemeinsam: Wer sich einmal mit ihnen infiziert hat, behält sie in der Regel ein Leben lang. Denn die Viren verstecken sich in inaktivem Zustand in unseren eigenen Zellkernen und können in Zeiten, in denen unser Immunsystem geschwächt ist, wieder aktiv werden. Einige integrieren ihre DNA sogar in unser Erbgut.

Virus-Erbgut in alten Skeletten

Doch seit wann muss sich die Menschheit mit diesen Viren herumschlagen? Auf der Suche nach einer Antwort hat ein Team um Meriam Guellil von der Universität Wien die DNA aus fast 4000 menschlichen Skeletten aus Fundstätten in ganz Europa analysiert. Dabei fokussierten sich die Forschenden auf das humane Herpesvirus Typ 6 (HHV-6), das bei Kleinkindern das Drei-Tage-Fieber (Roseola infantum) auslöst. Übertragen wird HHV-6 üblicherweise über Schmier- und Tröpfcheninfektionen und nistet sich anschließend bevorzugt in Zellen des Immun- und Nervensystems ein. Integriert dieses Virus seine eigene DNA ins Genom der Keimzellen, kann es auch von Eltern an ihre Kinder vererbt werden.

„Während HHV-6 fast 90 Prozent der menschlichen Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben infiziert, tragen nur etwa ein Prozent das von ihren Eltern vererbte Virus in allen Zellen ihres Körpers“, erklärt Guellil. „Diese ein Prozent der Fälle sind diejenigen, die wir mit Hilfe von alter DNA am ehesten identifizieren können.“ Tatsächlich fanden die Forschenden bei elf der untersuchten menschlichen Skelette Spuren des Virus im Genom. Die älteste Probe stammt aus dem Skelett eines etwa zehnjährigen Mädchens, das vor rund 2600 bis 2800 Jahren in Italien lebte. Weitere Infizierte fanden die Forschenden in Fundstätten in England, Belgien, Estland und Russland. „Auf der Grundlage unserer Daten lässt sich die Evolution der Viren nun über mehr als 2500 Jahre in Europa zurückverfolgen“, sagt Guellil.

Seit Generationen vererbt

Die Analysen ergaben, dass bereit vor mehr als 1000 Jahren zwei verschiedene Untergruppen des Virus im menschlichen Genom vorkamen, HHV-6A und HHV-6B. Bis heute tragen manche Menschen Kopien der Viren im Erbgut, die wahrscheinlich über Jahrhunderte hinweg von Generation zu Generation weitergegeben wurden. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass alle heute bekannten chromosomal integrierten HHV-6A-Kladen bereits in historischen Populationen vertreten waren“, berichten die Forschenden. Anders als bei HHV-6B fand das Team keine Hinweise darauf, dass sich HHV-6A auch in jüngerer Zeit noch einmal ins menschliche Erbgut integriert hätte. Daraus schließen sie, dass es diese Fähigkeit im Laufe der Zeit verloren hat.

Während eine akute Infektion mit HHV-6 meist nur vorübergehende Symptome verursacht, die von selbst abklingen, kann das ins Erbgut integrierte virale Genom langfristig Krankheitsrisiken erhöhen. „Ist eine Kopie von HHV-6B im Genom vorhanden, kann das in Zusammenhang mit Angina pectoris und Herzerkrankungen stehen“, berichtet Co-Autorin Charlotte Houldcroft von der University of Cambridge in Großbritannien. Die Ergebnisse helfen dabei, die Koevolution von Mensch und Virus besser zu verstehen. „Moderne genetische Daten deuten darauf hin, dass sich HHV-6 seit unserer Migration aus Afrika zusammen mit den Menschen entwickelt haben könnte“, sagt Guellil. „Diese alten Genome liefern nun den ersten konkreten Beweis für ihre Präsenz in der fernen Vergangenheit der Menschheit.“

Quelle: Meriam Guellil (Universität Wien) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.adx5460

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