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Zu dem belagerten Haus zu gelangen, ist überraschend leicht. Vom Rand des Dorfes Qusra geht es im Auto mehrere Hundert Meter eine rumpelige, kurvenreiche Piste entlang. Weder Siedler noch Soldaten sind in der Mittagshitze in der hügeligen Landschaft zu sehen. Dann hat man das große Gebäude vor sich, das seit Tagen in zig Videos und Fernsehberichten zu sehen ist.
Ein schweres Metallgittertor öffnet sich – und wird von einem jungen Mann schnell wieder zugeschoben, kaum dass das Auto in den Hof gefahren ist. Hier harrt eine Handvoll Palästinenser aus, neben deren Haus radikale Siedler vor einer Woche ein Zelt aufgeschlagen haben.

Qusai Abu Ridi kommt heraus und heißt die Besucher willkommen. „Ihr habt Glück gehabt“, sagt der Palästinenser. „Ihr seid die ersten Besucher seit Ofer Cassif, die es zu uns geschafft haben.“ Der Knessetabgeordnete Cassif war am Freitag zu der Familie gelangt – aber nur mit Schwierigkeiten. Die Armee hatte den bekannten linken Politiker erst nicht durchgelassen. Auch andere Besucher sollen ferngehalten werden, die Armee hat eine „geschlossene Militärzone“ erklärt.
Jetzt ist Samstag. Es ist der siebte Tag, seitdem israelische Siedler unterhalb von Abu Ridis Haus einen „Außenposten“ errichteten. So etwas geschieht inzwischen praktisch jede Woche irgendwo im Westjordanland – aber nicht jedes Mal unmittelbar neben Häusern. Die Siedler blockierten die Zufahrt zu zwei weiteren Häusern und bedrohten die Bewohner. Faktisch haben sie die Palästinenser in deren Häusern eingeschlossen.

Ist die Armee unfähig oder unwillig?
Der Fall zog größere Aufmerksamkeit auf sich – die noch zunahm, als es Soldaten auch nach mehreren Tagen nicht gelang, die Siedler aus der Gegend zu entfernen. Inzwischen wird jede Entwicklung in Qusra genau beobachtet. Fernsehsender haben Kameras auf einem Hügel aufgestellt, von dem man die Szenerie überblickt; israelische Medien schicken ihre erfahrensten Reporter.
Was sich ihnen darbietet, ist – je nach Sichtweise – ein Ausweis der Unfähigkeit oder des Unwillens der Armee, gegen Siedler vorzugehen. Manche sprechen von „Chaos“, andere von einem „Theater“. So oder so wirft es Fragen auf. Die schlagkräftigste Armee des Nahen und Mittleren Ostens versagt vor den Augen der Öffentlichkeit dabei, ein Dutzend Delinquenten von einem Hügel zu vertreiben. So können die ihre De-facto-Blockade aufrechterhalten.
Manche der Palästinenser in dem Haus wirken bei alledem erstaunlich gelassen. Qusai Abu Ridi legt sich im ersten Stock des Hauses wieder auf ein kleines Bett und raucht Wasserpfeife. Durch die großen Panoramafenster hat man einen atemberaubenden Blick auf das Westjordanland. Im Abendlicht könne man von hier aus das Mittelmeer sehen, erklärt er – und vom Dach in der entgegengesetzten Richtung Jordanien. „Deshalb wollen die Siedler diesen Ort auch gerne haben.“

Rund ein halbes Dutzend Menschen befinden sich in dem dreigeschossigen Haus, das noch im Bau ist. Neben Qusai Abu Ridi und seinem 18 Jahre alten Sohn ist das zurzeit die Nachbarsfamilie: Youssef Hassan, seine Frau und ihre beiden kleinen Töchter. Sie wurde von der Armee vor wenigen Tagen aus ihrem Haus geworfen, das zwei Dutzend Meter unterhalb liegt. Die Soldaten haben das Gebäude temporär beschlagnahmt, um darin einen Posten einzurichten.
Hassans Frau Ruqaya wirkt denn auch weniger entspannt. „Ich habe Angst“, sagt sie, während die Töchter durch das Haus wirbeln. „Ich will zurück in unser Haus, aber die Soldaten lassen uns nicht.“ In dem dritten Haus lebt Youssef Hassans Bruder mit seiner Schwester und seiner Mutter. Vom Hof kann man sie an den Fenstern sehen und ihnen zuwinken.
Ein Palästinenser reicht Medikamente ins Auto
Das größte Problem ist derzeit die Versorgung. Die Siedler haben die Wasserzufuhr und teilweise auch die Stromzufuhr gekappt, die Armee hält Besucher fern. Erst am Freitag gelang es Menschenrechtsaktivisten, Lebensmittel zu bringen – die Armee erlaubte ihnen aber nur, die Tüten einige Meter vor dem Haus abzustellen, die Bewohner mussten sie dann hereinholen.

Auch am Samstag wartet ein junger Palästinenser am Ortsrand von Qusra. Als der Wagen vorbeifährt, in dem der Reporter der F.A.Z., zwei weitere Journalistinnen und ein israelischer Aktivist der Gruppe Mistaklim (Der Besatzung ins Auge blicken) sitzen, reicht er eine Tüte mit Medikamenten durchs Fenster herein. Hassans kleinere Tochter benötigt sie.
Das ist nur einer von zahlreichen bizarren Aspekten der Krise. Die begann schon mit einem ungewöhnlichen Vorfall. Nachdem die Siedler am vorvergangenen Sonntag ihr Zelt neben den drei Häusern aufgeschlagen hatten, kam ein kleiner Armeetrupp. Anstatt aber die Siedler zu vertreiben oder festzunehmen – beteten die Soldaten zusammen mit ihnen. Diese auf einem Video festgehaltene Szene rief überhaupt erst das große Medieninteresse in Israel hervor.
Auch danach gab die Armee alles andere als ein gutes Bild ab. In einer Stellungnahme verurteilte sie die Errichtung des Außenpostens und kündigte disziplinarische Maßnahmen gegen die Soldaten an. Am Mittwoch verkündete sie, die Grenzpolizei habe das Zelt entfernt. Die Siedler waren jedoch offenkundig auch danach noch dort. Daraufhin teilte die Armeeführung mit, ein zusätzliches Infanteriebataillon werde in die Gegend verlegt, um „die operative Kontrolle zu stärken“.
Trotz der angeblichen Verstärkung spielte sich indessen am Donnerstag das gleiche Schauspiel ab – und am Freitag ebenso: Am Vormittag rissen Soldaten das Zelt ab, das in der Nacht wiedererrichtet worden war. Kurze Zeit später wurden jedoch wieder Siedler gesichtet.
Rund ein Dutzend junge Siedler marschiert vor das Haus
Anstatt gegen diese durchzugreifen, begann das Militär, palästinensische Bewohner am Rande von Qusra aus ihren Häusern zu werfen. Dies geschehe, „um sie zu schützen“, behauptete die Armee in einer Stellungnahme am Donnerstag. Soldaten würden im Rahmen von „Verteidigungsoperationen“ in den Häusern Stellung beziehen. Stunden später hieß es, die Räumungsbefehle seien zurückgenommen worden, die Bewohner könnten zurückkehren. Aber auch am Wochenende besetzt eine Einheit Youssef Hassans Haus.
Die Palästinenser in Abu Ridis Haus fühlen sich trotz der Präsenz der Soldaten nicht sicher. Warum, zeigt sich etwa zehn Minuten nach der Ankunft der Besucher. Hinter der Mauer, die rund um das Gelände gezogen ist, tauchen Siedler auf. Rund ein Dutzend Israelis kommt vom Hügel heruntermarschiert. Sie sind überwiegend jung, manche vermutlich noch Teenager. Die Frisuren und die Kleidung lassen darauf schließen, dass sie zu den religiös-zionistischen Jugendbanden gehören, die vielerorts im Westjordanland Palästinenser drangsalieren.

Einige der Palästinenser und Journalisten laufen heraus, um die Siedler zu filmen. Die rufen Beleidigungen über die Mauer. Einer sieht Youssef Hassan und ruft ihm zu: „Ah, Youssef – du hast Angst, ha?“ Als sie die zwei anwesenden ausländischen Journalisten auf dem Gelände erspähen, sagt einer laut „Goyim“ (Nichtjuden). Die Szenerie ist durchaus bedrohlich, vor allem aus der Sicht des eingeschlossenen Hauses. Qusai Abu Ridi zeigt Videos, auf denen zu sehen ist, dass die Siedler auch schon auf den Hof des Hauses selbst vorgedrungen sind.
Die Soldaten diskutieren mit den Siedlern
So weit kommt es an diesem Tag nicht. Nach wenigen Minuten taucht unterhalb des Hauses eine Armeeeinheit auf. Die vermummten und bewaffneten Soldaten beginnen, mit den Siedlern zu diskutieren. Sie verweisen auf die „geschlossene Militärzone“, die allen Nichtortsansässigen den Zutritt untersagt. Widerwillig gehen die Siedler Schritt für Schritt zurück den Hügel hoch.
Manche von ihnen laufen um das Haus herum und streifen durch einen kleinen Garten, der dahinter liegt. Andere beschweren sich bei den Soldaten. Das sei selektive Strafverfolgung, sagen sie; auch die Journalisten und Aktivisten müssten gehen. Vorerst lassen die Soldaten die Besucher aber unbehelligt. Schließlich zieht die Siedlergruppe ab.
Qusai Abu Ridi weist auf den Hügel, neben dem das Haus liegt. Die Armee lasse die Siedler seit Kurzem nicht mehr im Zelt übernachten, sagt er. Sie schliefen jetzt irgendwo dort zwischen den Bäumen.
Auf diesem Hügel begannen auch die Probleme für die Bewohner der Gegend. Qusra und vier weitere palästinensische Dörfer bilden eine Art Ring. Sie sind Teil des B-Gebiets des Westjordanlands, in dem die Palästinensische Autonomiebehörde für zivile Belange zuständig ist. Bislang gab es dort keine Siedlungen.
Der Außenposten hat politische Rückendeckung
Anfang dieses Jahres errichteten Siedler jedoch in der Mitte zwischen den fünf Dörfern einen kleinen Außenposten – auf dem Hügel neben Abu Ridis Haus. Er heißt Tel Talpiot. Seither gebe es immer wieder Angriffe auf Häuser in der Umgebung, sagt Abu Ridi. Im März sei zum ersten Mal auch das Haus am Rande von Qusra attackiert worden, das seine Familie hier baue. Aus diesem Grund hielten sich seit April stets mindestens zwei Familienmitglieder in dem Haus auf. Mit der Errichtung des Zeltes neben dem Haus ist die Lage nun eskaliert; es handelt sich um einen Ableger von Tel Talpiot.
Sarit Michaeli, eine erfahrene Aktivistin und langjährige Beobachterin des Siedlungsbaus, nennt die Bewohner des Außenpostens „extrem gewalttätig“. Ende Februar verprügelten sie israelische Aktivisten der Gruppe Mistaklim. Und Mitte März erschoss ein Siedler aus Tel Talpiot einen Palästinenser aus Qusra. Viele weitere Angriffe gingen von Tel Talpiot aus. Es sei „unfassbar, wie sehr ein Außenposten in der Mitte zwischen fünf Dörfern das Leben so vieler Menschen durcheinanderbringen kann“, sagt Michaeli.

Die Israelin hebt noch einen Aspekt hervor: Tel Talpiot sei mit klarer politischer Rückendeckung entstanden, sagt sie. In Person von Amichai Chikli besuchte im April sogar ein Minister der Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den gewalttätigen Außenposten. Solche Verbindungen von den Gründern neuer illegaler Außenposten bis in die oberen Etagen der Politik sind in vielen Fällen dokumentiert. Gleichzeitig nimmt die Gewalt immer weiter zu. Im ersten Halbjahr 2026 seien schwere Übergriffe von Siedlern gegenüber dem Vorjahreszeitrum um 63 Prozent gestiegen, berichteten israelische Medien kürzlich unter Berufung auf Zahlen der Sicherheitsbehörden. Mehr als 2200 Palästinenser sind laut Angaben der Vereinten Nationen in diesem Jahr durch Siedlergewalt oder Blockaden vertrieben worden.
In der Armee wird die Nähe zu den Siedlern immer größer
Auch in der israelischen Armee nimmt die ideologische Nähe zu den Siedlern seit Jahren zu – was das zögerliche Verhalten der Soldaten erklären könnte. Manche Befehlshaber vermieden es aus Angst um ihre Karrieren inzwischen, gegen gewalttätige Siedler durchzugreifen, heißt es in einem Bericht der Zeitung „Haaretz“. Im Fall von Qusra gibt es Meinungsverschiedenheiten unter Kommandeuren über das Vorgehen. Angeblich haben auch Soldaten angekündigt, sie würden sich Befehlen widersetzen, die Siedler dort zu vertreiben. Die Armee habe inzwischen eine „siedlerorientierte DNA“, sagt Sarit Michaeli.
Gleichzeitig hat die Eskalation inzwischen die internationale Ebene erreicht. Das große Haus am Rande von Qusra gehört Qusai Abu Ridis Bruder Loui. Er ist amerikanischer Staatsbürger und lebt in Ohio. Das führte dazu, dass sogar der amerikanische Botschafter in Israel, Mike Huckabee, sich zu den Vorgängen äußerte. In einem Eintrag auf der Plattform X am Donnerstag sprach er von „widerwärtigem Verhalten“ und nannte die Siedler „israelische Terroristen“. Das ist nicht zuletzt deswegen bemerkenswert, weil Huckabee, ein evangelikaler Christ, den Siedlungsbau grundsätzlich unterstützt. In einem weiteren Eintrag auf X schrieb er denn auch, Siedler seien nicht das Problem, sondern nur eine „sehr kleine Minderheit“.
Die Verstimmung im Weißen Haus soll gleichwohl groß sein. Dort erwarte man, dass Netanjahu das Verhalten der Siedler öffentlich verurteile, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am Freitag unter Berufung auf amerikanische und israelische Regierungsbeamte. Das ist bis Sonntag nicht geschehen. Auch Verteidigungsminister Israel Katz hat öffentlich bislang kein entschiedenes Vorgehen angemahnt, sondern im Gegenteil die Verantwortung auf die Polizei abzuwälzen versucht. Zugleich hieß es, die Armeeeinheit in Qusra werde von einer anderen abgelöst. Wie die Konfrontation ausgeht, ist somit schwer zu sagen.
Qusai Abu Ridi und die anderen Palästinenser am Rande des Dorfes sagen, sie würden bleiben – sie haben Angst, dass sie nicht zurückkehren können, wenn sie ihre Häuser einmal verlassen haben. Am Sonntagnachmittag konnten Vertreter von UNICEF Wasser und Lebensmittel zu Abu Ridis Haus bringen. Einen Wassertank durften sie allerdings nicht dort lassen, das untersagte die Armee.
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