Frau Müller, Sie bieten anlässlich der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft ein Seminar über Jubelgesten im Fußball an. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Ich bin seit Jahrzehnten Gestikforscherin. Dabei interessiert mich die Multimodalität von Sprache. Gesten sind ein essenzieller Bestandteil davon. Jede Geste hat eine Ausdrucksqualität, genauso wie jedes Wort, das wir sagen, eine Ausdrucksdimension hat. Der Auslöser für dieses Seminar war ein Gespräch mit einem Bekannten, der sich gut mit Fußball auskennt. Er stellte mir den Jubel von Serge Gnabry vor: das Rühren im Kochtopf. Ich fragte mich, was das bedeuten soll. Er machte mich darauf aufmerksam, dass diese Geste für Avatare in Fußball-Videospielen übernommen wurde. Die einzelnen Spieler sind dann anhand ihrer Gesten erkennbar. Das ist dann zum Beispiel der Gnabry-Avatar. Das fand ich unheimlich interessant, vor allem dieses Wandern aus der analogen Welt in die künstlich-digitale Welt. Hier können wir Sprachentstehung im Kleinen beobachten. Wegen der WM dachte ich, dass es Spaß machen würde, mit den Studenten Fußballspiele zu schauen und die Gesten zu analysieren. Was wird inszeniert? Wie authentisch ist der Jubel noch? Das ist auf große Begeisterung bei meinen Studenten gestoßen.
Was bedeutet die Jubelgeste von Gnabry?
Sie verkörpert eine englische Redewendung: I cooked. Das bedeutet: Ich habe gekocht, ich habe es geschafft, ich habe die Aufgabe erledigt. Sprachwissenschaftlich ist das interessant, da eine Redewendung gestisch dargestellt wird. Deshalb haben wir in unserem Masterprogramm „Sprache – Medien – Gesellschaft“ dieses Seminar angeboten.

Sind Sie fußballbegeistert und, wenn ja, welche frühen Erinnerungen haben Sie an Fußball-Weltmeisterschaften?
Ja, das bin ich. An die Weltmeisterschaft 1974 erinnere ich mich. Da war ich 14 Jahre alt und durfte mit den Jungs Fußball gucken. Mein Bruder, der Fußballer werden wollte, ist dann Handballer geworden. Das hat Spaß gemacht. Zudem habe ich das Endspiel Deutschland gegen die Niederlande in guter Erinnerung, das die Deutschen dann gewannen. Heute schaue ich die Spiele gerne zusammen mit meinem Mann, der sich intensiv mit Fußball beschäftigt.
Lassen Sie uns auf die WM-Jubelgesten schauen. Deniz Undav zeigte ein paar Schritte eines kurdisch-jesidischen Tanzes und löste Begeisterung aus. Warum?
Das sind Gesten mit einer festen Bedeutung, die sofort erkennbar sind. Undav nimmt einen kleinen Ausschnitt und deutet Tanzbewegungen an – zusammen mit Antonio Rüdiger. Die drücken damit aus: Wir sprechen jetzt zusammen, wir tanzen jetzt zusammen. Dabei haben wir zwei „Gestenwörter“, die parallel gemacht werden. Es löst Freude aus, weil er damit sein Tor der jesidischen Community widmet. Das ist eine unheimlich starke Geste. Außerdem haben Torjubel eine zeitliche Entfaltung. Direkt nach dem Torerfolg fängt der Schütze an, loszurennen. Er rennt los, breitet die Arme aus, so, als würde er fliegen, manchmal mit dem ausgestreckten Zeigefinger. Dann kommt eine andere Phase, in der jemand hochspringt oder in der die geballte Faust geschlagen wird. Manche schmeißen sich auf die Knie und rutschen über den Rasen. Andere kommen hinzu, und so wird daraus ein kollektiver Jubel.

Ein Highlight war das Rudern der Norweger. Woher kommt dieser Jubel?
Das ist, wie viele Gesten, eine „Als-ob“-Geste. Also ich tue so, als würde ich rudern. Das kommt wohl aus der Tradition der Wikinger. Die Wikinger-Boote waren Ruderboote. Das zeigt, dass der Jubel sich hier auf die nationale Dimension der Identität bezieht. Nicht einer rudert, sondern alle rudern. Sie rudern im Kollektiv. Dabei rufen sie im Takt: „Ro!“ Aus dieser komplexen Handlung werden jetzt signifikante Momente rausgenommen, und die fungieren als gestische Referenz auf diese Geschichte dieser Nation, die sich mit den Wikinger-Booten, die über das Meer gefahren sind, verbindet.
Das hatte eine unglaubliche Wucht, die zuvörderst der Stürmer Erling Haaland verkörpert. Viele Fans haben den Jubel mitgemacht.
Ich finde es interessant, dass Sie von „Wucht“ sprechen. Es gibt etwas in dieser Bewegung und in diesem Ruf, das in sich eine Wucht ist. Das ist eine unglaublich kraftvolle Bewegung. Und wenn es einen wuchtigen Spieler gibt, dann ist das Erling Haaland. Weltweit ist er der wuchtigste in seiner ganzen Körperlichkeit, in der Art, wie er sich bewegt, welche Ausdrucksqualität seine Körperbewegungen haben. Diese Wucht hat sich manifestiert in der kollektiven gestischen Performance: Es ist eben nicht nur ein einfaches Rudern, sondern ein machtvolles Rudern und ein wuchtiger Schrei. Das nennen wir Ausdrucksqualität.

Jeder, der auf dem Bolzplatz kickte, hat mal den Jubel von Cristiano Ronaldo nachgemacht: Sprung, halbe Drehung und „Siu“-Schrei. Was steckt dahinter?
In unserem Kurs haben wir Studien zu Ronaldo gemacht. Er hat diesen Jubel vollkommen durchchoreographiert. Wir haben uns sein Spiel in der Champions League 2019 gegen Atlético Madrid angeschaut, als er noch bei Juventus Turin war. Er hat drei Tore gemacht. Die Art des Torjubels verändert sich mit dem Status des Tors im Spiel. Der erste Torjubel ist kurz. Der zweite Torjubel ist der entscheidende, weil mit dem zwei zu null klar ist, dass Juventus aufgeholt hat und Ronaldos Comeback gelungen ist. Es ist ein vollkommen ausufernder Jubel: Er läuft zur Ecke, breitet die Arme aus, wird von seinen Mitspielern umarmt. Beim dritten Jubel hat er zuvor einen Elfmeter verwandelt. Die Kamera verfolgt jede seiner Bewegungen und zeigt den ganzen Weg vom Tor bis zur Seitenlinie. Er kann seine Performance durchziehen. Er läuft an, er springt hoch, er dreht sich rum und landet in seiner berühmten Ganzkörperpose. Die Medien schneiden sich diese prägnanten Momente raus. Die werden geteilt und nachgemacht. Auf diese Weise entsteht eine körperliche Sprachform, eine Ganzkörpergeste.
Das wird in Tiktok-Videos aufgegriffen.
Tiktok beschleunigt das Ganze. Die Plattform erzeugt eine neue mediale Öffentlichkeit, die während einer WM an Gewicht gewinnt, weil jeder Videoschnipsel audiovisuell teilt. Das ist ein wahnsinniger Multiplikatoreneffekt im Vergleich zu den Weltmeisterschaften im 20. Jahrhundert. Die Signature-Moves, die sich mit den Spielerpersonen verbinden, sind in der Breite neuer und verbreiten sich schneller.
„Wir haben Freude an Zeichen, wir spielen damit und verändern sie. Das dient einer Gemeinschaftsbildung“, sagten Sie. Können Sie das erklären? Und haben Sie bei dieser WM die Freude verspürt?
Ja, in meinem Seminar habe ich das ausgiebig gesehen. Es hat Spaß gemacht, mit meinen Studenten die verschiedenen Jubelgesten zu sezieren. Freude und Leid liegen im Fußball eng beieinander. Die Faszination an dem Fußballspiel ist genau das: Freude über das Gelingen oder die Trauer über das Misslingen. Beides wird unmittelbar körperlich erlebt – nicht nur im Stadion, sondern über die Fernsehgeräte hinweg. Die Jubelgesten haben etwas Ansteckendes, weil sie eine Gemeinschaft stiften und zelebrieren. Das ist eine positive Form von Gemeinschaftsbildung – ohne die nationalistischen Tendenzen in der Politik. Ich ertappe mich selbst, wenn ich allein vom Fernseher sitze und ein Tor für Deutschland fällt, dass ich die Arme hochreiße und schreie. Diese geteilte Erfahrung, wir haben gemeinsam gewonnen und wir haben gemeinsam verloren, das ist eine Form von Gemeinschaftsbildung, die über den Fußball läuft.
Haben Sie eine Lieblingsgeste?
Das ist der Jubel von Gnabry, weil er die neue Dimension und Medialität verkörpert. Was mich am meisten fasziniert, ist, dass Torjubeln eine Ausdrucksgestalt ist, die eine Ausdrucksbewegung ist, die von einer Person ausgeht und sich ausbreitet auf die Mitspieler, das Stadion, das Publikum – alle werden mitgenommen. Das Torjubeln ist etwas Kollektives, das sich in der Zeit entfaltet. Deshalb freue ich mich schon auf die vielen Gesten im WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien.
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