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#Juden in Deutschland: Wo bleibt unser Mitgefühl?

Schlaflose Nächte, eine neue, alte Angst und die quälende Sorge um die Geiseln: Nach dem Pogrom der Hamas in Israel sind Juden in Deutschland fassungslos. Wo bleibt unser Mitgefühl?

Der Fußweg vor dem Gebäude der jüdischen Gemeinde Kahal Assad Jisroel ist doppelt abgesperrt. Zwischen kreisförmig aufgestellten Metallgittern ist vor dem Haus an der Berliner Brunnenstraße eine Art geschützter Platz entstanden. Drum herum Plastikbarrieren mit Warnlichtern. Wenn sein Sohn fragt, warum vor dem Kindergarten neuerdings solche Hürden stehen, drückt Dovid Gernetz sich um die Antwort herum. Dem Kind bloß nicht noch mehr Angst machen, als das Objektschützer im Leben eines Vierjährigen ohnehin schon tun. Gerade ist die Polizeipräsenz vor dem unauffälligen Haus mit dem Kindergarten darin und der Synagoge im Hof verdoppelt worden. Von den älteren Kindern der Gemeinde, erzählt Gernetz, wollten viele nicht mehr zur Schule.

Julia Schaaf

Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Eva Schläfer

Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

An den Metallzaun gelehnt liegen regennasse Blumen zwischen Grablichtern. „We stand by your side“ und „Ihr gehört dazu“ hat jemand auf Schilder geschrieben. Gernetz, Assistenz-Rabbiner der modern-orthodoxen Gemeinde, ist dankbar für die spontane Mahnwache am vorigen Freitag. Er zeigt über den eingezäunten Vorplatz hinweg zu dem Polizeihäuschen neben dem Eingang: Ungefähr dort war in der Nacht zum 18. Oktober ein Molotowcocktail gelandet. Kein Sachschaden. Aber bei allem Entsetzen über den Terror der Hamas in Israel – bis dahin, sagt Gernetz, sei die Bedrohung vergleichsweise weit weg gewesen. Seit dem versuchten Anschlag ist für ihn klar: „Gaza ist auch hier.“ Der Rabbiner sagt : „Wir lassen uns nicht einschüchtern.“

Die Anteilnahme nach dem Anschlagsversuch hat die Gemeinde sehr gefreut - Blumen und Solidaritätsbekundungen auf dem Gehweg.


Die Anteilnahme nach dem Anschlagsversuch hat die Gemeinde sehr gefreut – Blumen und Solidaritätsbekundungen auf dem Gehweg.
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Bild: Julia Zimmermann

Gehst du in die Synagoge? Wirklich? Hast du keine Angst?

Das sind Fragen, die Juden Juden stellen, in diesen Tagen seit dem 7. Oktober, weil sie ein mulmiges Gefühl auf dem Weg in die Synagoge haben. Wer vielleicht früher in der U-Bahn seine Kippa unter einer Kappe versteckt hat, öffnet neuerdings in der Öffentlichkeit seinen Insta-Feed nicht mehr, der israelischen Flaggen wegen.

Viele haben Verwandte oder Freunde in Israel

Wie geht es dir? Wie geht es Ihnen?

Auch diese Frage bekommen Juden in diesen Tagen vor allem von anderen Juden gestellt, wenn überhaupt, weil Juden klar ist, dass die Antwort eine Version sein wird von: schlecht. Viele haben Wurzeln in Israel, Verwandte und Freunde und neuerdings – Tote. Oder sie kennen Menschen, die dort Wurzeln, Verwandte, Freunde haben und neuerdings – Tote. Gleichzeitig erleben Juden in Deutschland, dass auch hier von manchen das Töten gefeiert wird – eine neue Dimension des Judenhasses, glauben einige. Trotzdem interessiert sich die sogenannte Mehrheitsgesellschaft enttäuschend wenig für dieses Leid. Höchste Zeit, nachzufragen und zuzuhören.

Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main.


Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main.
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Bild: Michael Braunschädel

Neben dem Jüdischen Museum in Frankfurt am Main steht gut sichtbar ein Polizeifahrzeug. Das parkt dort standardmäßig, besetzt mit zwei Beamten, die das Sitzen normalerweise wörtlich nehmen. Seit dem 7. Oktober jedoch pa­trou­illieren sie in kurzen zeitlichen Abständen rund um den Gebäudekomplex. An diesem regnerischen Mittwochmittag bildet sich vor dem Eingang eine kleine Schlange, die Sicherheitsvorkehrungen wurden verschärft. Momentan wird jeder Besucher einzeln in die Schleuse gebeten und kontrolliert, um dann noch einmal zu warten, bis die zweite Tür zum Foyer entsichert wird. Vom Grabbeltisch der Buchhandlung schaut Hannah Arendt von einem Buchcover, Titel: „Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher“. Der Satz stammt aus einem ihrer Texte aus dem Jahr 1941.

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