Jugendbuch von Daniela Dröscher: „Mädchen allein zu zweit“

Jugendbuch von Daniela Dröscher: „Mädchen allein zu zweit“

Issas Leben wird von Geld bestimmt. Ihre Mutter hat keins, ihr Vater auch nicht. Ihre beste Freundin braucht dringend welches, ihre Klassenkameraden schwimmen darin. Deswegen kann es ihnen auch total egal sein. „Na klar“, antwortet der reichste von ihnen, als Issa ihn nach 5000 Euro fragt. Und warum eigentlich sollte sie das nicht einfach annehmen?

Ihre beste Freundin Grace nennt es Umverteilung. Denn während Hendrik – wegen seines Reichtums nur SIR genannt – über 5000 Euro nicht einmal nachdenkt, müssen sich Grace und Issa schon ihr ganzes Leben lang um jeden Euro sorgen. Beide haben alleinerziehende Mütter, darauf sind sie stolz. Nicht stolz ist Issa darauf, dass ihre Mutter überhaupt nicht mit Geld umgehen kann. Weil das zum Beispiel dazu führt, dass ihr Lehrer sie peinlich berührt auf die noch nicht bezahlte Klassenfahrt anspricht. In der anschließenden Philosophiestunde geht es um soziale Ungleichheit.

Das Handbuch des Geldes beginnt mit A wie Angst

Man könnte den Inhalt des Jugendbuches von Daniela Dröscher, die mit „Lügen über meine Mutter“ vor ein paar Jahren auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und mit „Mädchen allein zu zweit“ nun ihr erstes Jugendbuch geschrieben hat, auch ganz anders wiedergeben.

Daniela Dröscher: „Mädchen allein zu zweit“
Daniela Dröscher: „Mädchen allein zu zweit“Beltz & Gelberg

So wie es vielleicht auch Issa gefallen würde: Grace und sie sind 16 Jahre alt, leben in einem 500-Seelen-Dorf. Dass die Welt ungerecht ist, wissen sie schon lange. Nur dagegen aufgelehnt haben sie sich bislang nicht – höchstens mal bei Friday-for-Future-Demos. Dann aber passiert etwas Eigenartiges: Grace’ Brüste sind über die Sommerferien groß und schmerzhaft geworden. Und weil das ein Notfall ist und ihnen scheinbar niemand helfen will, beschließen sie, sich selbst zu helfen.

Das Unbehagen über große Brüste allein wäre schon eine Geschichte wert. Denn kein Mädchen hat je darum gebeten, auf einmal so große Brüste zu haben, dass es nicht nur schrecklich wehtut, sondern sie auch von Männern angestarrt, um nicht zu sagen: sexualisiert wird. Plötzlich schämt sich Grace für ihren Körper, versteckt ihn, versucht zunehmend, seine Form zu kontrollieren – Gedanken, die vielen 16 Jahre alten Mädchen vertraut sind. Dass Dröscher das mit finanzieller Not verknüpft, macht Grace’ Situation noch dramatischer, noch ungerechter. Denn die Krankenkasse zahlt erst für eine Brustverkleinerung, wenn die Brüste groß genug sind. Grace liegt knapp darunter. Also braucht sie 5000 Euro, um die Operation privat zu zahlen.

Man muss nicht alles allein schaffen

Und da ist es wieder, das Geld. Wie ein Parasit nistet es sich in quasi jede Seite ein, lenkt die Handlung, trifft Entscheidungen für die Figuren, steht zwischen ihnen. Und zwischen den Kapiteln: Immer wieder unterbricht das von Grace geführte Handbuch des Geldes – von A wie Angst bis Z wie Zeit – die Handlung. Dabei ist Geld vordergründig gar nicht immer Thema, im Gegenteil: Dröschers Geschichte erzählt von einer bedingungslosen Freundschaft, vom Verliebtsein, vom Rebellieren – und von der Verantwortung, die manche Kinder viel zu früh für ihre Eltern übernehmen müssen. So steht für Issa schnell fest, dass sie die Schulden bei der Schule selbst bezahlen wird – sie gibt noch mehr Nachhilfe, jobbt im Café und im Club, hilft bei der Weinlese.

Sich währenddessen ausgerechnet in den SIR zu verlieben, ist durchaus heikel. Denn seine Mutter ist Vorsitzende des Fördervereins, auf den Issa angewiesen ist. Sie entwickelt ein merkwürdiges Interesse an seiner Mutter, wegen ihrer Kälte nur Cruella genannt, nach Cruella de Vil aus „101 Dalmatiner“. Issa recherchiert ihre Biographie, eine Selfmadewoman angeblich, die sich hochgearbeitet hat und nun im Kontrollwahn lebt. Es ist eine bittere Erkenntnis: Selbst die Superreichen sind Getriebene ihres Geldes. Genauer: der Angst, es zu verlieren.

Und obwohl Geld so omnipräsent in Issas Leben ist, ihr so deutlich macht, nach welchen Spielregeln sie zu spielen hat, lernt sie, dass sie nicht immer mitspielen muss. Auch wenn Kapitalismus in seiner Reinform mit Narrativen der Selfmadewoman oder des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, immer wieder Einzelkampf bewirbt: Man muss sich nicht eisern hocharbeiten, man muss nicht alles allein schaffen. Auch nicht allein zu zweit. Es gibt genug Menschen, die andere nicht nach ihrer sozialen Herkunft oder ihrem Kontostand bewerten, wie Issa feststellen wird. Und mit ihnen gilt es, sich zu verbünden.

Daniela Dröscher: „Mädchen allein zu zweit“. Beltz & Gelberg, Weinheim 2026. 192 S., geb., 18,– €. Ab 14 J.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.

Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert