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„Jugendbücher zu Identität und Geschlecht“
Wenn das Wesen A morgens aufwacht, muss es sich erst einmal orientieren: Wo befindet es sich gerade, wem gehört das Zimmer, das Bett – und wem gehört der Körper, in dem A nun steckt? Denn A beginnt jeden neuen Tag in einem anderen physischen Umfeld. Alles ist anders, nur nicht sein Bewusstsein und sein biologisches Alter, das gerade 16 Jahre beträgt. Mal ist A männlich, mal weiblich, schwarz oder weiß, mal lebt A in einem reichen Elternhaus, mal in prekären Verhältnissen, in einer liebevollen Familie oder unter Menschen, die sich nicht weiter um A kümmern. Und immer geht es um die rasche Anpassung an das Leben, in das A für einen einzigen Tag hineingeworfen wird. So steht es im Jugendbuch „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan, erschienen 2012 im amerikanischen Original und zwei Jahre später bei S. Fischer. Es ist nicht nur ausgesprochen spannend, denn die ständigen Besuche von A in wildfremden Körpern hinterlassen Spuren in den betreffenden Leben, die zumindest für einen Tag ganz anders als gewohnt verbracht werden, was im Umfeld – Eltern, Freunde, Geliebte – für Verwunderung und sogar Argwohn sorgt.
Es wirft auch grundsätzliche Fragen auf: Wenn der Besuch von A im Körper der Jugendlichen trotz aller Bemühungen, nicht aufzufallen, solche Veränderungen hervorbringen kann, warum bleiben die Jugendlichen sonst so in ihrem Trott, in ihren guten wie schlechten Gewohnheiten befangen? Und umgekehrt: Wenn A sich – losgelöst von irgendeinem festen eigenen Körper – so vielen derart unterschiedlichen anderen anpassen kann, welche Rolle spielt dann die Biologie überhaupt noch für die Identität eines Menschen? Empfindet sich A als einem Geschlecht oder einer Ethnie zugehörig, oder formt umgekehrt das Wesen den jeweiligen Körper? Fest steht nur, dass A ungeheuer einsam ist, weil keine rasch geschlossene Freundschaft auch nur diesen einen Tag überdauern kann – am nächsten Tag wird A ja vollkommen anders aussehen und sich vielleicht 2000 Kilometer entfernt aufhalten. Und könnte man wirklich, fragt der Autor Levithan, „jemanden lieben, der körperlich so gestaltlos, in seinem Innersten aber zugleich so beständig ist?“
Im eigenen Körper wohlfühlen
Schon lange sind Körper ein Thema im Kinderbuch, meist indem sie in ihrem jeweiligen Aussehen und ihren Funktionen beschrieben werden, also aus überwiegend biologischer Perspektive. Während dabei aber lange Zeit das im Vordergrund stand, was allen Körpern gemeinsam ist, hat sich in den vergangenen Dekaden der Blick für Unterschiede geschärft, dafür also, was einen Körper jeweils einzigartig macht. „Der eigene Körper ist das Zuhause eines jeden Menschen“, heißt es im aktuellen Buch „AnyBody“ von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl (Klett Kinderbuch): „Niemand kann vorher seine Eltern oder das Land aussuchen, in das er oder sie hineingeboren wird. Genauso kann auch niemand vorher auswählen, mit welchen körperlichen Eigenschaften er oder sie auf die Welt kommt. Aber man kann herausfinden, wie man sich mit seinem eigenen Körper am wohlsten fühlt.“
Gefangen in den Vorstellungen unserer Gesellschaft: Kinder wachsen in einem binären System auf und wissen nicht wohin, wenn sie nicht dort hineinpassen.
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Bild: Philip Schönfeld
Das ist das wesentliche Thema des alphabetisch aufgebauten Buchs: Von „Alt sein“ und „Behindert“ über Einträge wie „Geschlecht“ und „Hässlich“, „Schönheitsoperation“ und „Selbst bestimmen“ bis hin zu „Vulva“, „Zu dick“, „Zu dünn“ und „Zuhause“ geht es um die biologische Realität ebenso wie um unseren Blick darauf. Wie schon in früheren Büchern der Autorin und der Zeichnerin reagieren die Texte auf Gespräche und Fragen derjenigen, die „AnyBody“ lesen sollen – also der Kinder. Und Einträge wie etwa der zu „Schönheitsoperation“ vermeiden naheliegende Impulse. Das beginnt mit dem Satz „Manche Menschen sind mit einzelnen Körperteilen so unglücklich, dass sie sich zu einer Operation entscheiden“, signalisiert also erst mal Verständnis auch auf einem Feld, das man als Eltern lieber nicht so gern betritt und vor dem man seine Kinder eher bewahren möchte. Nachdem eine Reihe von Gründen aufgezählt sind, die es für ein solches Unglücklichsein gibt, heißt es dann aber zurecht: „Eine Operation sollte man sich gut überlegen. Fast immer gehören auch Schmerzen, Blutungen und bleibende Narben dazu. Gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt kann man gut herausfinden, ob eine Operation wirklich hilft, sich mit seinem Körper besser zu fühlen.“
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