Kommt im Sommer ein Super-El-Niño?

Kommt im Sommer ein Super-El-Niño?

Pazifischer Hitzestau: Die Indizien für einen erneuten, starken El Niño noch in diesem Jahr mehren sich. Das pazifische Klimaphänomen könnte die globalen Temperaturen noch weiter anheizen und Wetterextreme verursachen. Die Wahrscheinlichkeit für einen El Niño in den kommenden Monaten liegt inzwischen bei 82 bis 96 Prozent, schon jetzt hat sich der tropische Pazifik ungewöhnlich stark erwärmt. Der kommende El Niño könnte zudem ein besonders starker „Super-El Niño“ werden – es wäre erst der dritte der letzten 30 Jahre. Was aber wären die Folgen?

Alle paar Jahre heizt das Klimaphänomen El Niño den zentralen Pazifik anomal stark auf und verändert Meeresströmungen und Winde über dem gesamten Pazifikraum. Die normalerweise stetig westwärts wehenden Passatwinde schwächen sich stark ab, parallel dazu stockt der Aufstieg kalten Tiefenwassers vor der Westküste Südamerikas. Dadurch entwickelt sich ein riesiger Warmwasserkeil im tropischen Pazifik, der die normalen Wetterverhältnisse dieser Region umkehrt und auch die globalen Temperaturen in die Höhe treibt. Der letzte El Niño ereignete sich 2023/2024, er fiel besonders stark aus und brachte globale Rekordtemperaturen.

Erste Vorboten schon im Frühjahr

Kommt jetzt direkt der nächste El Niño? Erste Hinweise auf sich anbahnende El-Niño-Bedingungen meldeten Forschende der US National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und der europäischen Klimaüberwachungszentren bereits im Frühjahr dieses Jahres. Erhöhte Oberflächentemperaturen des tropischen Pazifiks und ein wachsender Pool anomal warmer Wassermassen in tieferen Meeresschichten lieferten erste Indizien für das Klimaphänomen. Auch die Passatwinde über Teilen der El-Niño-Region haben sich schon im März 2026 abgeschwächt.

Das Problem jedoch: Bis in den Mai hinein können Wetterturbulenzen solche El-Niño-Vorzeichen auch wieder verschwinden lassen. Daher sind Prognosen im Frühjahr notorisch unzuverlässig und haben schon häufiger zu einem „Fehlalarm“ geführt.

Meerestemperatur-Anomaölien
Anfang Mai gemessene Anomalien der Meerestemperaturen in verschiedenen Teilen des äquatorialen Pazifik. © NOAA/CPC

Wahrscheinlichkeit von 82 bis 96 Prozent

Jetzt gibt es neue Daten: Am 14. Mai hat die NOAA eine aktualisierte El-Niño-Vorhersage veröffentlicht, die bereits deutlich präziser ist. Demnach liegen die Meeresoberflächentemperaturen im äquatorialen Pazifik inzwischen je nach Region zwischen 0,4 und einem Grad über dem langjährigen Mittel – als Schwelle für einen El Niño gelten 0,5 Grad. „Die unter der Meeresoberfläche liegenden Wasserschichten bis in 300 Meter Tiefe haben sich in den letzten sechs Monaten stetig weiter erwärmt“, berichtet die NOAA. Auch die Passatwind-Anomalien bestehen weiter.

Auf Basis dieser Daten beginnt mit 96-prozentiger Wahrscheinlichkeit noch in diesem Jahr ein neuer El Niño. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Klima-Anomalie schon zwischen Mai und Juli beginnt, liegt bei immerhin 82 Prozent, wie die NOAA mitteilte. „Der Zustand des Ozeans weist derzeit sehr deutlich in Richtung eines aufkommenden El-Niño-Ereignisses“, kommentiert die Klimaforscherin Johanna Baehr von der Universität Hamburg. „Die Frage ist daher weniger, ob sich ein El-Niño-Ereignis entwickelt, sondern eher, wann ein solches Ereignis einsetzt und wie stark es ausfallen wird.“

El Niño Prognose
Prognose zur Stärke des kommenden El Niño im Verlauf der nächsten Monate. © NOAA/CPC

Wird es ein „Super-El-Niño“?

Wie stark der kommende El Niño wird, ist momentan noch ungewiss. Ein besonders intensiver „Super-El Niño“ tritt per Definition dann ein, wenn die pazifischen Meerestemperaturen längere Zeit mehr als zwei Grad über dem langjährigen Mittel liegen. Diese Schwelle hat das Klimaphänomen in den letzten 30 Jahren erst zweimal überschritten: 1997/98 und 2015/16. Der starke El Niño von 2023 erreichte diese Schwelle zwar kurzzeitig, blieb aber nicht lange genug darüber.

2026/27 könnte nun der dritte El Niño werden, der diese Schwelle knackt: Die NOAA beziffert die Chance auf einen „Super-El-Niño“ mit 37 Prozent, weitere gut 30 Prozent sprechen für einen starken, aber knapp unterhalb der Super-Kategorie liegenden El Niño. „Die stärksten El-Niño-Ereignisse entstehen dann, wenn sich Atmosphären- und Ozeanzustand gegenseitig verstärken. Entscheidend wird dafür die Entwicklung dieses Zusammenspiels im Sommer sein“, erklärt Baehr.

Die Klimaforscherin betont zudem, dass der Begriff Super-El-Niño irreführend sein könne: „Einerseits kann er missverstanden werden, weil er automatisch mit besonders dramatischen Auswirkungen verbunden wird.“ Das sei aber keineswegs automatisch der Fall. Der Begriff beziehe sich zunächst nur auf die Höhe der marinen Temperaturanomalie. „Andererseits ist derzeit keineswegs sicher, ob sich tatsächlich ein außergewöhnlich starkes Ereignis entwickelt“, so Baehr weiter.

Was wären die Folgen eines starken El Niño?

Sollte der kommende El Niño erneut stark oder sogar sehr stark ausfallen, hätte dies Auswirkungen auf das globale Klima: Der aufgeheizte Pazifik wird dann auch die globalen Mitteltemperaturen in die Höhe treiben und höchstwahrscheinlich für neue Temperaturrekorde sorgen – spätestens im Jahr 2027. Zu den wahrscheinlichsten Wetterextremen gehören Trockenheit und erhöhtes Waldbrandrisiko in Australien, Indonesien und im südlichen Afrika, aber auch vermehrter Starkregen an der Westküste Süd- und Mittelamerikas und ein schwacher indischer Monsun.

„Der Einfluss des El Niño auf Europa ist dagegen komplexer und deutlich weniger direkt als in der Pazifikregion“, erklärt Baehr. Bei uns sei das Klimaphänomen nur ein Einfluss unter vielen. Ob das Wetter in Europa tatsächlich durch einen El Niño messbar beeinflusst wird und auf welche Weise, ist daher strittig. Diskutiert werden vermehrte Kälteeinbrüche im winterlichen Mitteleuropa, aber auch häufigere und intensivere sommerliche Hitzewellen in Südeuropa.

Quelle: National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), ENSO Forecast 14.5.2026 (PDF); Nature, Science Media Center

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