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Hätte man vorher wetten wollen, welcher deutscher Tennisprofi als erster in die dritte Runde von Wimbledon einzieht, wäre Alexander Zverev ein scheinbar sicherer Tipp gewesen. So sicher, dass er einen Gewinn eingebracht hätte, der beim Besuch der schmucken Anlage an der Church Road eher für eine schnöde Schale Wimbledon-Erdbeeren (umgerechnet 3,13 Euro) gereicht hätte als für den schicken Wimbledon-Panamahut (139 Euro).
Favoritinnen straucheln und stürzen
Aber wie es halt so ist beim Rasentennis und besonders in diesen Tagen von Wimbledon: Favoritinnen straucheln und stürzen, und Laura Siegmund lacht dazu. Im März 37 Jahre alt geworden, hat die Schwäbin nun erstmals die dritte Runde beim Rasenklassiker erreicht. In der Profiära gab es nur eine Tennisspielerin, die älter war, als ihr in Wimbledon Derartiges gelang. „Ich finde es spannend. auch sich selber mal zu überraschen und nicht immer die gleichen Dinger gerade so zu wiederholen“, sagte die Schwäbin nach ihrem 6:2, 6:3-Zweitrundensieg gegen Leylah Fernandez. Für die Nummer 104 der Welt war es der zweite Sieg nacheinander gegen eine Spielerin aus den besten vierzig der Rangliste.

Siegemund hat also einen gewissen Anteil daran, dass es beim Rasenklassiker derzeit etwas crazy zugeht. Von den Top 10 war nach drei Turniertagen die Hälfte ausgeschieden, darüber hinaus erwischte es neun weitere gesetzte Spielerinnen. Für eine davon, die Kanadierin Fernandez, geriet Siegemund zur Spiel- und Spaßverderberin. Die Spielweise der Deutschen ist für Gegnerinnen ähnlich unangenehm wie die ihrer ständig schnippelnden Landsfrau Tatjana Maria. Als „raffiniert und superclever“ beschreibt die Australian-Open-Siegerin Madison Keys ihre kommende Drittrundengegnerin. Siegemund gebe keine Art von Rhythmus, „man bekommt nie zweimal den selben Ball. Wenn du mit diesem Wissen ins Match gehst, ist die Hälfte der Schlacht geschlagen“, sagte die US-Amerikanerin, die gewöhnlich mehr auf Tempo setzt als auf Taktik.
„An den alten Sachen die Zähne ausgebissen“.
Doch „an den alten Sachen habe ich mir ein bisschen die Zähne ausgebissen“. Also überrascht sie Gegnerinnen nun damit, nach einem Return mal ans Netz zu gehen, die Bälle lang die Linie herunter und beim nächsten Mal kurz, quer und langsam zu spielen. Im besten Fall kann die älteste verbliebene Teilnehmerin in der Damenkonkurrenz mit solchen Winkelzügen ihre fehlende Power wettmachen.
Laura Siegemund taugte auch deshalb nicht zur deutschen Wettfavoritin, weil sie Einzelwettbewerbe nur noch als Nebenbeschäftigung ansieht, die etwas Kitzel bietet und nebenbei die Reisekasse für sie und ihren Lebensgefährten und Trainer Antonio Zucca füllt. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist seit Jahren das Doppel, in dem sie mit Männern und Frauen gut kann. 2020 gewann sie mit Wera Swonarewa die US Open, 2016 im Mixed mit Mate Pavic ebenfalls in New York und im vergangenen Jahr mit Édouard Roger-Vasselin in Roland Garros.
„Null Zeit, den Moment zu genießen“
Mit dem Franzosen tritt Siegemund auch in Wimbledon an, was sie zu einer Ausnahmeerscheinung macht: Niemand sonst hat sich in Wimbledon ein solches Programm aufgebürdet. „Ich hatte ja nicht damit gerechnet, dass ich noch so weit drin bin im Einzel“, sagte die 37-Jährige zu ihrer Belastung, bis auf weiteres täglich entweder alleine, mit Roger-Vasselin oder ihrer brasilianischen Stammpartnerin Beatriz Haddad Maia auf den Rasenplatz gehen zu müssen.
Aber so ist es halt, wenn man auf Wettbewerb getrimmt ist und darüber seine guten Vorsätze ein Stück weit zu vergessen droht. Eigentlich hatte sich Laura Siegemund ja vorgenommen, Erfolge im Herbst ihrer Profikarriere mehr auszukosten: innezuhalten, sich zu freuen, stolz auf sich zu sein. „Leider ist es der Fluch des Tennis, dass man null Zeit hat, irgendwie den Moment zu genießen.“ Siegemunds Gegnerinnen auf dem Platz können ein Lied davon singen. Auch Madison Keys, jede Wette.
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