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#Leben mit einer gewissen Unsicherheit – evolvimus

Leben mit einer gewissen Unsicherheit – evolvimus

“Muss die Evolutionstheorie überarbeitet werden? Ja, dringend.” So eine Überschrift hätte ich eher in Illustrierten wie dem Spiegel, National Geographic oder verwandten Blogs im Internet erwartet. Nicht aber in einem wissenschaftlichen Journal wie Nature. Aber warum eigentlich? Genau solche Überschriften sind es eigentlich, die die wissenschaftliche Literatur in den letzten Jahrhunderten angetrieben und bestimmt haben. Paradigmenwechsel, provokative Hypothesen, neue Theorien – sie starten den Diskurs und führen dazu, dass sich Wissenschaftler an die eigene Nase fassen und ihr eigenes Feld aus einer neuen Perspektive betrachten. Und sie führen zum intellektuell lukrativsten Ziel der Wissenschaft: dem interdisziplinären Gespräch.

Aus genau diesem Grund hat Nature auch direkt einen zweiten Artikel auf die Seite gegenüber gedruckt: “Muss die Evolutionstheorie überarbeitet werden? Nein, alles ist in Ordnung.” In einem schönen Beispiel wissenschaftlicher Auseinandersetzung werden zwei verschiedene Seiten präsentiert, die jedoch beide nichts weniger wollen, als die Basis für Evolutionsbiologie definieren. Oder neu definieren.

Neue Erkenntnisse, neue Zweifel

Kevin Laland, Professor für Evolutionsbiologie und Verhaltensbiologie, steht mit seinen Koautoren als großer Verfechter für die EES, die Extended Evolutionary Synthesis (zu deutsch: die Erweiterte Synthese der Evolutionstheorie). Er ruft dazu auf, dass wir die momentane Theorie überdenken, da neue Erkenntnisse die darwinistische Sicht auf die Welt in Frage stellen. Selbst die modernere Sicht (in der Biologie als Modern Synthesis bezeichnet) ist mittlerweile überholt; diese stellt im Gegensatz zu Darwin, dem der Begriff DNA zwangsläufig unbekannt war, die Gene in den Mittelpunkt der Evolution. Aber laut Professor Laland ist es ein Fehler, den Genen eine solche Bühne zu verschaffen. Wie Tiere und Pflanzen aussehen, wie sie sich verhalten, das alles wird – laut ihm – ganz stark von anderen Faktoren bestimmt.

Und er hat Recht. Wir Menschen sind ein Paradebeispiel dafür, wie wenig unser genetisches Makeup eine Rolle spielt beim Überleben und Fortpflanzungserfolg. Wieviel kann man sich in unserer Gesellschaft mit Geld leisten? Geld, das wir vielleicht von den Eltern geerbt haben noch bevor wir in den Kindergarten kamen. Wie stark spielt unsere Kultur eine Rolle bei den Fähigkeiten und dem Wissen, bei den Möglichkeiten, die uns offen stehen? Und wie viel stärker ist der Einfluss kultureller Güter als der unserer Gene?

Bei anderen Tieren (solche ohne Sportwagen und staatlicher Kinderbetreuung) ist das nicht anders. Vogelmütter beeinflussen die Überlebenschancen ihrer Nachkommen durch Gerüche und Hormone, die Jungtiere verändern sich nicht gesteuert durch ihre DNA, sondern durch das Verhalten ihrer Mutter. Je nach der Jahreszeit, in der Wildmeerschweinchen geboren werden, sind sie mutiger oder schüchterner, so dass man meinen könnte, allein das Wetter oder Klima entscheidet, wie erfolgreich ein Tier ist. Und nicht zuletzt sind Pflanzen so stark von der Umwelt abhängig, dass der Standort ihren Erfolg eher garantiert als ihr Genom.

Laland et al. argumentieren, dass solche Prozesse einen stärkeren Einfluss auf Lebewesen haben, als wir bisher angenommen haben. Insbesondere Interaktionen mit der Umwelt, die Beeinflussung des eigenen Lebensraumes, nicht-genetische Veränderungen in der Entwicklung und schließlich die Übertragung anderer (z.B. kultureller) Elemente an die nächsten Generationen bestimmen alle, ob ein Organismus überlebt und sich fortpflanzt oder nicht.

Neue Begriffe, alte Konzepte

Ich schätze diese Sicht der Dinge, aber genau wie Hopi Hoekstra, Professoring für Biologie in Harvard, und ihre Kollegen teile ich sie nicht. In einem kleinen Absatz zerschmettert sie dort in Nature diese Argumentation:

Wir könnten dem kaum stärker zustimmen. Wir untersuchen [all diese Prozesse] ja selbst. Aber wir glauben nicht, dass sie ein solches Augenmerk verdienen, dass sie einen neuen Namen wie “Erweiterte Synthese” bekommen sollten.

Professor Hoekstra erzählt von Charles Darwins letztem Buch, eine Abhandlung zu Regenwürmern. Dort behandelte er ausführlich die Interaktion von Wurm und Lebensraum, und diskutierte, wie die Veränderung des Lebensraumes sich auf den Erfolg des Tieres auswirkte. Solche Beispiele sind uralt und es gibt Dutzende davon. Termitenbauten und Biberdämme sind altbekannt – warum muss man sie nun neu benennen und sie so stark in den Mittelpunkt stellen?

Eine Erweiterte Synthese oder eine erweiterte Synthese?

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