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#Lebendige Sterblichkeit

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„Lebendige Sterblichkeit“

Was relevante Kunst sei und wie sich die Kriterien mit der Zeit ändern, darüber hat das Werk von Isamu Noguchi einiges zu berichten. An prominenten Ausstellungen mangelte es ihm nicht. Schon früh wurde der Allroundkünstler von angesagten Galerien in New York und Europa vertreten und durch Ankäufe renommierter Museen gewürdigt; 1958 nahm der Mann mit amerikanischem und japanischem Pass an der Brüsseler Weltausstellung teil, dann 1959 und 1964 an der Documenta, wurde 1968 mit einer Retrospektive im Whitney Museum bedacht.

Kurz vor seinem Tod folgte 1986 sein Soloauftritt im amerikanischen Pavillon auf der Venedigbiennale. Dort wartete er mit einem gewagten Beitrag auf, einer spiralförmigen Rutsche aus Marmor. Dieser Bildhauer ist also nicht übersehen worden, er musste allerdings, wenn er denn bei den großen Gruppenausstellungen überhaupt Erwähnung fand, einiges an Kritik einstecken.

„Deprimierend“ nannte in der „New York Times“ Hilton Kramer „so viel ästhetische Feinheit und so wenig Kraft“. Die Polemiken reichen von „penetranter Designer-Schlichtheit“ bis zu dem Eindruck, „aus Versehen in einem Lampenladen gelandet zu sein“, einmal fällt gar die Vokabel „lächerlich“. Noch immer erscheint sein Werk zwischen Skulptur, Design, Gartenkunst verschroben, bisweilen schrullig.

Der Überblick jetzt im Kölner Museum Ludwig wird dem 1904 als Sohn einer irisch-amerikanischen Pädagogin und eines japanischen Dichters geborenen Künstler aber fraglos neue Anhänger bescheren. Der Künstlerkollege Danh Vo äußert sich im Katalog begeistert darüber, wie da jemand „seinen eigenen Ansatz immer wieder modifizierte und aktualisierte“, in „transnationalen Definitionen und Kategorien“ dachte. Ansteckend sei die Neugier Noguchis auf die unterschiedlichsten Materialien – Basalt, Stahl und Eisen, Keramik, Papier und Schiefer.

Glänzende Wurst in der Kurve, lange vor Jeff Koons: Isamu Noguchis „Play Sculpture“, 1965/2021


Glänzende Wurst in der Kurve, lange vor Jeff Koons: Isamu Noguchis „Play Sculpture“, 1965/2021
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Bild: Rudolph Burckhardt/VG Bild-Kunst

Transnational ist zunächst Noguchis Kindheit und Jugend, die ihn von Kalifornien über Tokio, Chigasaki und Yokohama 1918 in ein Internat nach Indiana und dann nach New York führt, wo er sich seine Existenz als junger Porträtbildhauer sichert. Zeit seines Lebens reist der Globetrotter unablässig und ausgiebig in den Vereinigten Staaten, Europa und Asien, meist mit festen Zielen vor Augen wie 1927, als er sich dem Künstler Constantin Brancusi in Paris als Assistent andient, um ein halbes Jahr in dessen Atelier zu arbeiten und sich inspirieren zu lassen, bevor er nach London weiterzieht.

Als er 1929 in den Big Apple zurückkehrt, freundet er sich mit der Tänzerin Martha Graham und Richard Buckminster Fuller an – dessen Kopf porträtiert Noguchi als verchromte Bronze und verleiht dem Architektenvisionär einen Look des Neuen Menschen, mit einem quecksilbrig verflüssigten, spiegelnden, ungemein futuristischen Antlitz, das der Band Kraftwerk ebenso Pate gestanden haben könnte wie dem Werk von Thomas Schütte. Gemeinsam mit „Bucky“ schuf Noguchi 1932 die schnittigen Modelle des Dymaxion Car, das den Individualverkehr auf der Straße, in der Luft und zu Wasser nach vorne bringen, aber nicht in Serie gehen sollte.

Eisern: Isamu Noguchis Porträtkopf von Buckminster Fuller, 1929


Eisern: Isamu Noguchis Porträtkopf von Buckminster Fuller, 1929
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Bild: Rudolph Burckhardt/VG Bild-Kunst

Aus den zahlreichen weiteren Bildnissen von Freunden und Zeitgenossen bis hin zu einer anonymen, hermetischen „Hiroshima-Maske“ aus Eisen von 1954 scheint ein Urheber im Plural zu sprechen, ein Künstler, der keinerlei Interesse an einem stilistisch geradlinigen, wiedererkennbaren Werk offenbart.

Auch thematisch steckt Noguchi sein durchaus politisches Werk in denkbarer Breite ab. So erinnert er 1934 mit einer hängenden Skulptur an den Lynchmord an dem Afroamerikaner George Hughes, nachdem er kurz zuvor das Bakelitgehäuse für einen Wecker entworfen hat, der dann in Massenproduktion geht. Auch wer den Namen Isamu Noguchi noch nie gehört hat, dürfte seinen „Coffee Table“, einen kniehohen, gläsernen Nierentisch von 1944, oder seine Akari-Leuchten aus Papier kennen.

In der Blütezeit eines autonomen Formenkanons wie der konkreten Kunst und der Minimal Art schreckt Noguchi weder vor der traditionsbehafteten Bronze zurück, noch unterdrückt er seinen Hang zum Erzählerischen und Anekdotischen. Da Figuration und Abstraktion seinerzeit als Gegensätze in heftigem ideologischem Streit gehandelt wurden, konnte der stets leibliche Ausdruck von Noguchis Skulptur nicht überall auf Zuspruch hoffen – sie erscheint verspielt, wulstig, geschwollen, skurril, so in manchen Figuren der Fünfzigerjahre, die an Körperfragmente oder Gelenke denken lassen. Er wolle „etwas Lebendiges“ schaffen, bemerkt Noguchi bereits 1928, schafft Formen, die „eine unmittelbar bevorstehende Bewegung implizieren“.

Organisch hart: Isamu Noguchis „Trinity (Triple)“ von 1945, 1988 reproduziert


Organisch hart: Isamu Noguchis „Trinity (Triple)“ von 1945, 1988 reproduziert
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Bild: Rudolph Burckhardt/VG Bild-Kunst

Ob biomorph oder anthropomorph, überall könnten Einflüsse von Jean Arp und Henry Moore bis zu Louise Bourgeois in dieses Werk eingegangen sein. In einer menschengroßen Skulptur namens „Sterblichkeit“ lässt Noguchi ein paar rohe Holzscheite hinabbaumeln: So selten einfach in diesem Œuvre, so überzeugend.

Am Ende der Ausstellung wird in einer großen Projektion die (unrealisierte) „Sculpture to be Seen from Mars“ aus dem Jahr 1947 an die Wand geworfen: ein stilisiertes Gesicht, das als Relief aus dem Sand emporwächst und aus dem Flugzeug gesehen werden wollte. Zwei Jahre nach Hiroshima und Nagasaki reagierte Noguchi damit auf den drohenden Untergang der Erde durch die Atombombe. Als Ankauf des Museums Ludwig bleibt Köln indessen eine rot lackierte Welle erhalten, die sich formschön und makellos im Kreis rundet: „Play Sculpture“, entworfen 1965, Noguchis Antwort auf Donald Judd. Kunst für Kinder, zum Anfassen.

Es ist insgesamt ein flexibles Künstlertum, das für dieses Œuvre einnimmt, weniger das singuläre Einzelwerk. Sollen sich doch weiterhin die Geister daran scheiden. Der polyglotte Geist Isamu Noguchi sah sich schon 1942 einem Credo verpflichtet, das heute eher als damals auf Verständnis zählen kann: „Hybrid zu sein stellt Weichen für die Zukunft.“

Isamu Noguchi. Museum Ludwig, Köln, bis 31. Juli. Der Katalog im Prestel Verlag kostet 35 Euro.

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