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„Lynchmord oder Unglücksfall?“
Ein möglicherweise antisemitischer Übergriff auf einen jungen Mann, Jérémy Cohen, in einer Pariser Vorstadt bewegt im Endspurt des Präsidentschaftswahlkampfes die Franzosen. Der Tod des behinderten Mannes jüdischen Glaubens in Bobigny liegt bereits sieben Wochen zurück, aber erst jetzt wird groß darüber berichtet. Am Dienstag hat Marine Le Pen den Verdacht geäußert, die Regierung könnte den Tathergang vertuscht haben, „weil man über so etwas nicht in der Wahlkampagne reden wollte“. Sie beklagte im Radiosender France Inter eine mutmaßliche Instrumentalisierung von Polizei und Justiz. „Ich frage mich, ob wir nicht eine parlamentarische Untersuchung brauchen“, sagte sie. Es müsse herausgefunden werden, ob der Fall mutwillig verschwiegen wurde.
Präsident Macron äußerte sich bislang nicht dazu, ließ aber einen Beamten des Präsidialamtes bei der Mutter des Verstorbenen anrufen. Der Präsident verfolge den Fall und werde über die vollständige Aufklärung wachen, teilte der Elysée-Palast mit. Der Vater des Opfers, Gérald Cohen, sagte im Fernsehsender BFM-TV, dass er überall um Hilfe gebeten habe, nachdem die offiziellen Ermittlungen auf der Stelle traten. Die Polizei hatte ihm die Kippa, die jüdische Kopfbedeckung, seines Sohnes gebracht, die am Tatort gefunden worden war. Seither nage an ihm der Verdacht, sein Sohn könne aufgrund seines Glaubens gepeinigt worden sein.
Video zeigt Hetzjagd und Prügelszenen
Nach einem Aufruf in der Nachbarschaft hatte Cohen eine Videoaufzeichnung erhalten, die ein Augenzeuge von seinem Fenster aus aufgenommen hatte. Bevor er scheinbar kopflos über die Straßenbahngleise rannte und vom Zug erfasst wurde, war Jérémy Cohen regelrecht gejagt worden. Der Augenzeuge filmte, wie er von einer Horde junger Männer an einem Hauseingang umzingelt wurde. Es ist nicht ersichtlich, warum die Männer sich auf Cohen stürzten. „Sie schlugen ihn, schlugen ihn, ohne dass er sich wehrte. Als er am Boden lag, traten sie ihn mit Füßen“, schilderte Gérald Cohen am Dienstag im Fernsehen.
Um die Würde seines Sohnes zu bewahren, hat er darum gebeten, das Video nicht zu zeigen. Aber er äußerte sein Unverständnis, dass der Tod seines Sohnes wie ein banaler Verkehrsunfall dargestellt wurde und die Öffentlichkeit nicht über die Verdachtsmomente informiert wurde. In seiner Not habe er sich an Eric Zemmour gewandt, den rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten, der ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammt.
Zemmour hat immer wieder einen grassierenden Antisemitismus in der überwiegend von Franzosen mit muslimischen Einwanderungshintergrund bewohnten Banlieue beklagt. Er verbreitete den Videomitschnitt in den sozialen Netzwerken gegen den Willen des Vaters und machte den Fall schlagartig bekannt. „Der Tod Jérémy Cohens ist das erschreckende Symptom der Tragödie unseres Landes“, sagte Zemmour.
Der Anwalt der Familie Cohen betonte, das einzige Ziel seiner Mandanten sei, dass ermittelt und die Todesumstände aufgeklärt würden. Ein Gewerkschaftssprecher der Polizei, Mathieu Valet, schilderte im Fernsehsender C’News, dass die Polizisten bei ihren Ermittlungen in dem Wohnviertel in Bobigny keinerlei Zeugenaussagen erhalten hätten. Auch das Video sei ihnen vorenthalten worden. Es sei ein Viertel, in dem mit Rauschgift gehandelt werde und das Vertrauen in die Polizei gering sei. Bislang ist kein Tatverdächtiger festgenommen worden.
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