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„Mein Leben mit einem Oligarchen“
Noch bevor englische Medien über den Gebrauch des Buchstabens „Z“ als Putin- Emblem berichteten, hatte Alexandra Tolstoi ihre Instagram-Abonnenten auf die „horrenden naziähnlichen Symbole“ aufmerksam gemacht, die überall in Russland auftauchen. Selbst ihrem zwölfjährigen Sohn, der Russisch spricht, sei gleich aufgefallen, dass es im Kyrillischen kein „Z“ gebe, erzählt Tolstoi in der Küche ihres gemieteten Südlondoner Backsteinreihenhauses. Sie ereifert sich über ihre verblendeten russischen Bekannten und hat es sich zur Mission gemacht, ihre Follower, zu denen auch Tausende Russen zählen, über Putins Propaganda-Blase aufzuklären.
Zwischen Familienfotos, Werbung für berufliche Tätigkeiten und Spendenaktionen für Ukrainer postet sie Nachrichten, Aufrufe und Kommentare. Ihre Informationen bezieht sie auch von russischen und ukrainischen Nutzern sowie von befreundeten russischen Putin-Kritikern. Eine darunter schrieb, ihr Neffe sei als Kanonenfutter benutzt worden. Man habe ihm Pass und Telefon weggenommen, er habe nicht gewusst, wohin er geschickt werde. Die Familie sei erleichtert, dass er verletzt worden sei und nun im Krankenhaus liege.
Der Traum, in Russland Landhäuser zu retten
Ihr Einsatz gegen den Krieg bringt Alexandra Tolstoi gehässige Kommentare von bezahlten Internettrollen, aber auch von normalen Nutzern ein, die ihr Verbreitung westlicher Propaganda vorwerfen. Sie verlor Tausende Follower, bekam aber auch Zuspruch und Dank. Aus jedem Post spricht ihr Engagement gegen den Krieg und für jenes Russland, in das sie sich mit achtzehn Jahren verliebt hat. Die Menschen, die weiten Landschaften, das Leben dort entsprachen ihrem Temperament. Aber auch Putin sei Russland oder der sich dessen nationalistische Rhetorik zu eigen machende Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche. Tolstoi fürchtet, nie wieder nach Russland zurückkehren zu können. Ihr Traum, mit einer Denkmalschutzorganisation nach dem Vorbild des englischen National Trust verwahrloste Landhäuser zu retten, ist längst passé.
Täglich um 12.00 Uhr
Mit dem Namen Tolstoi ist man womöglich prädestiniert, sich zum Land der Vorfahren hingezogen zu fühlen, auch wenn Alexandra mit einer englischen Mutter und einem anglisierten Vater als höhere Tochter in England auf dem Land aufgewachsen ist. Dass sie den Namen des Großschriftstellers Leo Tolstoi trägt, verschafft ihr Aufmerksamkeit. Die 49 Jahre alte Anglorussin geriet durch ihre Abenteuerlust und ihre Teilnahme an Fernsehdokumentationen schon früh aus für sie nicht immer erfreulichen Anlässen in die Schlagzeilen. Seit Kriegsbeginn ist sie als Russlandkennerin und ehemalige Lebensgefährtin eines ehemaligen Putin-Vertrauten in den britischen Medien gefragt.
Luxusvillen hinter elektrischen Toren
Alexandra Tolstoi ist eine entfernte Verwandte des Autors von „Krieg und Frieden“ oder „Spezialoperation und Frieden“, wie sie den Klassiker nach Russlands es Überfalls auf die Ukraine inzwischen nennt. Ihr Großvater wurde 1920 als siebenjähriger Waise von seinem englischen Kindermädchen, das ihn als seinen unehelichen Sohn ausgab, vor den Bolschewiki gerettet. Mit ihr gelangte er aus Moskau nach England, wo er später ein angesehener Kronanwalt wurde. Sein Sohn Nikolai, Alexandras Tolstois Vater, befasste sich als Historiker mit dem Schicksal russischer Kriegsgefangener und im Bürgerkrieg emigrierter Antikommunisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten in die Sowjetunion und Jugoslawien zwangsrepatriiert wurden. Da er die Briten beschuldigte, Kriegsverbrechen begangen zu haben, wurde er Ende der achtziger Jahre in einen Verleumdungsprozess verwickelt, den er verlor. Der Richter sprach dem Kläger eine Millionenentschädigung zu.
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