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Liegt Monogamie in der menschlichen Natur? Diese Frage wird immer wieder kontrovers diskutiert. Eine Studie hat nun für vielfältige moderne und historische menschliche Gesellschaften weltweit erhoben, welcher Anteil der Geschwister beide Elternteile gemeinsam hat und wie viele Halbgeschwister es gibt. Demnach sind rund zwei Drittel des menschlichen Nachwuchses Vollgeschwister. Im Vergleich zu 34 verschiedenen Arten von Säugetieren reiht sich der Mensch damit eindeutig unter den monogamen Spezies ein. Die meisten anderen Primaten dagegen rangieren weit unten auf der „Monogamie-Rangliste“.
In den meisten heutigen Gesellschaften gelten monogame Paarbeziehungen als Standard. Doch entspricht diese Lebensweise wirklich der Natur des Menschen? Diese Frage wird in der Forschung immer wieder kontrovers diskutiert. Befürworter der Monogamie-These argumentieren, dass gerade diese Form der Paarbeziehung den Grundstein für die evolutionär wichtige starke Kooperation in menschlichen Gemeinschaften gelegt hat. Gegner wiederum führen an, dass die heutige Form der Monogamie ein recht neues gesellschaftliches Konstrukt ist, während 85 Prozent der vorindustriellen Gesellschaften polygyne Ehen erlaubten, in der ein Mann mehrere Frauen hatte.
Halb- oder Vollgeschwister?
Der Evolutionsanthropologe Mark Dyble von der University of Cambridge in Großbritannien hat nun ein neues Maß entwickelt, um zu klassifizieren, wie monogam verschiedene Menschen und Tiere ihre Fortpflanzung gestalten: Für mehr als hundert verschiedene moderne und historische menschliche Gesellschaften sowie 34 Säugetierarten erhob er den Anteil von Vollgeschwistern und Halbgeschwistern. Für den menschlichen Datensatz bezog er sowohl genetische Daten aus archäologischen Stätten ein, die bis in die Jungsteinzeit zurückreichen, als auch ethnografische Daten aus 94 menschlichen Gesellschaften auf der ganzen Welt, darunter die Hadza, ein Jäger- und Sammlervolk in Tansania, und die Toraja, ein Reisbauernvolk in Indonesien.
Dabei zeigte sich eine erhebliche Vielfalt: „Der Anteil der Vollgeschwister im Vergleich zu Halbgeschwistern variierte innerhalb der menschlichen Stichprobe stark“, berichtet Dyble. „In einer Fundstätte aus der frühen Jungsteinzeit in Großbritannien hatten nur 26 Prozent der Nachkommen beide Elternteile gemeinsam, in anderen Populationen, darunter einer jungsteinzeitlichen Fundstätte aus Nordfrankreich, lag der Anteil der Vollgeschwister bei bis zu 100 Prozent.“ Im Durchschnitt waren etwa zwei Drittel des menschlichen Nachwuchses Vollgeschwister.
Vergleich mit unseren nächsten Verwandten
Trotz der großen Schwankungen zwischen verschiedenen menschlichen Gesellschaften befindet sich der Mensch mit diesen Werten laut Dyble eindeutig im Bereich der monogamen Tierarten. „Es gibt eine enorme interkulturelle Vielfalt in den Paarungs- und Heiratsgewohnheiten der Menschen, aber selbst die Extreme des Spektrums liegen immer noch über dem, was wir bei den meisten nicht-monogamen Arten beobachten“, erklärt er. Zum Vergleich: Bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, haben nur vier Prozent des Nachwuchses beide Elternteile gemeinsam. Auch die meisten anderen Primaten, darunter Gorillas, Paviane und Makaken, rangieren in Dybles „Monogamie-Ranking“ weit unten. Bei Schopfmakaken liegt der Anteil der Vollgeschwister sogar nur bei 0,8 Prozent.
Von den untersuchten Arten ähneln lediglich die Weißhandgibbons dem Menschen. Der Vollgeschwister-Anteil liegt bei ihnen bei 63,5 Prozent und sie sind abgesehen vom Menschen die einzige Art in den Top-Rängen der Monogamie, die pro Schwangerschaft üblicherweise nur ein einziges Jungtier zur Welt bringt. Der Schnurrbarttamarin dagegen, der mit 78 Prozent Vollgeschwistern als einzige Primatenart im Monogamie-Ranking noch vor dem Menschen liegt, bringt in der Regel Zwillinge oder Drillinge zur Welt.
Evolution der Monogamie
„Basierend auf den Paarungsmustern unserer nächsten lebenden Verwandten wie Schimpansen und Gorillas, hat sich die menschliche Monogamie wahrscheinlich aus einer nicht-monogamen Gruppenlebensweise entwickelt, ein Übergang, der unter Säugetieren höchst ungewöhnlich ist“, sagt Dyble. Der Forscher weist allerdings auch darauf hin, dass bei Menschen die Monogamie bei der Fortpflanzung nicht unbedingt bedeutet, dass es keine anderen sexuellen Kontakte gibt. „Beim Menschen durchbrechen Verhütungsmethoden und kulturelle Praktiken die Verbindung von Paarung und Fortpflanzung“, erklärt er. Seitensprünge, die nicht zu Nachkommen führen, bleiben in seiner Studie außen vor.
Dennoch sieht Dyble in seinen Ergebnissen einen Hinweis darauf, dass ein überwiegend monogamer Lebensstil typisch für das menschliche Paarungsverhalten ist – wenn auch mit Ausnahmen. „Menschen haben eine Reihe von Partnerschaftsformen entwickelt, die die Voraussetzungen für eine Mischung aus Voll- und Halbgeschwistern mit starker elterlicher Investition schaffen, von serieller Monogamie – also einer Abfolge von mehreren monogamen Partnerschaften nacheinander – bis hin zu stabiler Polygamie.“
Quelle: Mark Dyble (University of Cambridge, UK) et al., Proceedings of the Royal Society B Biological Sciences, doi: 10.1098/rspb.2025.2163
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