„Nato in Afghanistan: Wenn der Dschihad zurückkehrt“
Javier Gutierrez und Antonio Rodriguez wurden am 8. Februar 2020 getötet. Ein afghanischer Soldat hatte mit einem Maschinengewehr plötzlich das Feuer auf sie und weitere Kameraden eröffnet. Es war kein Unfall, sondern Absicht. Ein „Insider-Angriff“, wie es im Militärjargon heißt. Die amerikanischen Unteroffiziere, beide Spezialkräfte, waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein gutes Jahr ist das her. Bis heute sind sie die letzten Nato-Soldaten, die am Hindukusch durch feindliche Einwirkung gefallen sind, zwei von mehr als 3500. Aber wird das auch so bleiben, wenn die Allianz ihren Einsatz dort länger fortsetzt als mit den Taliban vereinbart?

Thomas Gutschker
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.
Das ist die heikelste Frage, wenn die Nato-Verteidigungsminister an diesem Donnerstagnachmittag über die Zukunft ihrer Mission „Resolute Support“ in einer Videokonferenz beraten. Aus Washington wird sich Lloyd Austin zuschalten, der neue amerikanische Verteidigungsminister. Mit Entscheidungen wird nicht gerechnet, aber die Verbündeten erwarten sich wenigstens Hinweise darauf, was Amerika vorhat. Für Deutschland gilt das besonders. Ende März muss der Bundestag sein Mandat für die Bundeswehr verlängern. Noch lässt Präsident Joe Biden den Deal überprüfen, den sein Vorgänger Donald Trump Ende Februar 2020 mit den Taliban geschlossen hatte. Die Islamisten verpflichteten sich, ihre Verbindung zu Al Qaida zu kappen, Friedensgespräche über eine Machtteilung im Land aufzunehmen und einen Waffenstillstand zu schließen. Amerika sagte im Gegenzug den Rückzug sämtlicher internationaler Kräfte bis Ende April 2021 zu.
Dass es so kommen wird, ist höchst unwahrscheinlich. Für einen geordneten Rückzug würden die Militärs eigentlich drei Monate brauchen, sagen sie. Dafür ist es schon zu spät. Und die Überprüfung des Taliban-Deals sendet selbst ein politisches Signal. Die neue amerikanische Regierung zweifelt nicht nur daran, dass die Islamisten ihren Teil erfüllt haben. Sie zweifelt auch an dem Kurs, den der Vorgänger im Weißen Haus eingeschlagen hatte: schnell raus, koste es, was es wolle. Unter Trump hat Amerika seine Verpflichtungen übererfüllt. Es dürfte noch 6500 Soldaten am Hindukusch haben. Tatsächlich sind es bloß 2500. Trump hatte die Truppenzahl seit November halbieren lassen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte seinerzeit eindringlich vor einem „überstürzten Abzug“. Viele Verbündete stimmten ein, Deutschland eingeschlossen.
Wenn man hohe Nato-Beamte fragt, wie es nun weitergehen soll, zeigen sie auf einen Expertenbericht: „Das steht alles drin, lesen Sie den!“ Anfang des Monats präsentierte die vom Kongress eingesetzte überparteiliche Afghanistan Study Group ihren Vorschlag. Es ist ein beherztes Plädoyer dafür, die Truppen am Hindukusch zu lassen und zugleich die innerafghanischen Verhandlungen zu unterstützen. Der Regierung Biden empfehlen sie „einen sofortigen diplomatischen Vorstoß, um das Rückzugsdatum Mai 2021 hinauszuschieben, damit der Friedensprozess mehr Zeit bekommt, um ein akzeptables Ergebnis zu erzielen“. Führende Demokraten und Republikaner haben das seither unterstützt. „Es gibt genug politische Unterstützung dafür“, heißt es bei der Nato.
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