
Tim Berners-Lee, Begründer des World Wide Web, schildert in seinem Buch dessen Entwicklung von den ersten Ideen bis zur Gegenwart.
Ein viktorianisches Handbuch, in dem man alles über Haushalt und das alltägliche Leben nachschlagen konnte, und die Kaffeetheke am CERN in der Schweiz, wo Wege sich kreuzen und Menschen sich austauschen: sie standen Pate für den Ort, an dem wir Informationen erlangen und miteinander verknüpfen – und der heute nicht mehr wegzudenken ist.
Berners-Lee erzählt aus seinem Leben ebenso leichtfüßig wie er technische Details und Prinzipien erklärt, die Computerfreaks nostalgisch werden lassen dürften. Was hinter Abkürzungen wie URL, HTTPS oder der berühmten „Fehlermeldung 404“ steckt, das Ringen um Standards, das Vernetzen mit Personen und Institutionen und all die Schritte auf diesem langen Weg machen aber nur einen Teil des Buchs aus.
Tim Berners-Lees Plan war und ist ein Netz, das allen offensteht und das von Menschlichkeit geprägt ist. Das Web gehört nicht den Tech-Konzernen, es ist nicht für Datenraub, Manipulation, Hetze oder Überwachung gedacht, sondern als offene Plattform für alle. Dieser Vision durfte der britische Informatiker auf der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 mit der Leuchtschrift „This is for everyone“ Ausdruck verleihen und sie leitet sein Handeln bis heute.
Sein Blick auf das, was aus seiner Idee geworden ist und was hinzukam, ist differenziert. Er sieht die Chancen ebenso wie die Risiken. Weder Horrorszenarien noch Glorifizierung sind seine Sache. Visionär sind seine Ideen noch immer, etwa ein sicheres „Wallet“ für die eigenen Daten und ein universeller „Faktencheck-Button“ auf Webseiten. Alternativen zu ungesunden, destruktiven Orten im Netz sind längst auch schon da. Doch das Web bleibt wohl immer unvollendet. Und mit der KI nimmt die Entwicklung eine neue Wendung. Auch hier, so plädiert Tim Berners-Lee, müssen wir das „for everyone“ im Fokus behalten: die Mitgestaltung durch alle im Sinne aller – eben wie in der Kaffeeküche: Reden, zuhören, vernetzen. Schön, dass man das jetzt ganz old-fashioned in einem Buch nachlesen kann, obwohl das viktorianische Zeitalter längst vorbei ist. Barbara Messing
Tim Berners-Lee
This is for Everyone. Die unvollendete Geschichte des World Wide Web
Rowohlt Verlag, 384 S., € 28,–
ISBN 978-3-498-00381-4
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Wissenschaft kategorie besuchen.