#„Nicht die beste Idee“

„Nicht die beste Idee“

Dänemarks Nationaltrainer Kasper Hjulmand hat den Modus der Fußball-Europameisterschaft mit zahlreichen Flugreisen für die Teams während einer Pandemie kritisiert. „Nach allem, was wir erlebt haben, ist eine Reise nach Baku für uns wie ein Spaziergang im Park“, sagte der 49-Jährige am Montag mit Blick auf den Zusammenbruch des dänischen Spielmachers Christian Eriksen während des ersten EM-Spiels. „Aber wenn Sie mich etwas genereller fragen, sage ich: Diese Turnierform ist nicht die beste Idee. Eine Gruppenphase mit vier Teams an einem Ort wäre besser gewesen. Wenn du bei so einem Turnier das Beste von den Spielern sehen willst, darfst du sie nicht so herumreisen lassen – nicht durch zwei Zeitzonen für ein Spiel.“

Ko-Gastgeber Dänemark durfte alle drei Vorrunden-Spiele in Kopenhagen bestreiten, reist aber nach seinem Achtelfinale gegen Wales (4:0) in Amsterdam nun zu einem Viertelfinal-Spiel gegen Tschechien nach Baku in die Hauptstadt Aserbaidschans (Samstag, 18.00 Uhr im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM und bei MagentaTV).

Lauterbach fordert Spiel-Verlegung

Auch bei der Landung der deutschen Fußballer am Montag in London waren die Corona-Sorgen im Gepäck – und die Kritik längst da. Robin Gosens brachte beides zum Ausdruck. „Über 40.000 Zuschauer im Stadion im einzigen Land in Europa, wo die Inzidenzen hoch sind. Das macht es für uns nicht ungefährlich“, sagte der Nationalspieler: „Für das Gesamtbild ist es sicher alles andere als optimal.“

Vor dem EM-Achtelfinale der Deutschen am Dienstag im Wembleystadion gegen England (18.00 Uhr/im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM, ARD und MagentaTV) sehen auch zahlreiche Politiker und Gesundheitsexperten die generelle Zuschauer-Politik der Europäischen Fußball-Union (UEFA) als suboptimal. Die Furcht vor der Delta-Variante und die Warnungen vor der ersten paneuropäischen Endrunde als Superspreader-Event nehmen zu.

„Die Halbfinals und das Endspiel sollten nicht im Londoner Wembley-Stadion stattfinden, sondern verlegt werden an einen anderen Ort“, sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der sich am Montag im Tagesspiegel zudem für eine Reduzierung der Zuschauerzahl ausgesprochen hat: „Was man relativ sicher anbieten kann, ist, wenn jeder fünfte Platz besetzt ist. Also in Wembley wären das bei einem Fassungsvermögen von 90.000 Plätzen insgesamt 18.000 Sitzplätze.“ Am Dienstag sind allerdings 45.000 Besucher zugelassen – darunter bis zu 2000 deutsche Fans, die in Großbritannien oder Irland leben.

Bei den Halbfinals und dem Endspiel dürfen sogar über 60.000 Zuschauer in die Arena – obwohl die Inzidenzen auf der Insel aufgrund der zuerst in Indien entdeckten Variante weiter steigen. Nicht nur Lauterbach („Das ist ein Brandbeschleuniger für die Delta-Variante“) hält das für unverantwortlich. Immunologe Carsten Watzl kann die hohe Auslastung in einigen Stadien grundsätzlich nicht nachvollziehen. „Dieses Bild ist ehrlich gesagt ziemlich irritierend“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie am Montag im ZDF-Morgenmagazin: „Wir müssen es in Deutschland schaffen, die Ausbreitung der Delta-Variante niedrig zu halten. Das kann nur gelingen, wenn wir nicht allzu viele zusätzliche Reiserückkehrer ins Land holen. Da sind volle Fußballstadien sicher das falsche Signal.“

„Volle Fußballstadien sicher das falsche Signal“

Das gilt vor dem Hintergrund von steigenden Inzidenzen auch für den Spielort St. Petersburg, in dem laut der Organisatoren trotz allem das geplante Viertelfinale am Freitag ausgetragen werden soll. Angesichts der Lage in Russland, gemeldeten Infektionen rund um Partien sowie dem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO über Zusammenhänge von EM-Spielen und dem Anstieg von Fallzahlen sieht Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth das Turnier äußerst kritisch. „Ich bin wirklich riesengroßer Fußball-Fan. Aber man kann unter diesen Bedingungen, in dieser angespannten Situation nicht eine Europameisterschaft so durchführen, wie sie durchgeführt wird“, äußerte die Grünen-Politikerin in der Augsburger Allgemeinen.

Tippspiel zur Fußball-EM


Die Kritik an der UEFA hält seit dem Frühjahr an. Damals beschloss der Verband, trotz der Pandemie eine Zuschauer-Garantie von den EM-Gastgebern zu verlangen. Das Vorgehen wurde von vielen Kritikern als Erpressung gesehen. Wegen des Widerstands aus München stand der deutsche Spielort lange auf der Kippe.

Da Dublin und Bilbao grundsätzlich keine Garantien abgeben wollten, wurden sie gestrichen. Nachdem zuletzt bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ihre Bedenken angemeldet hatten, wird der Druck auf die UEFA nun auch von anderen Politikern erhöht. So forderte CSU-Generalsekretär Markus Blume die UEFA auf, ihr Stadionkonzept „noch einmal genau“ zu prüfen. Niemandem sei damit geholfen, „Europameister im Inzidenz-Höhenflug zu werden“.

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