
Nein, unter Druck gesetzt fühlte ich mich nicht, nur weil dieser Film Guillermos Traumprojekt war. Dass er ihm am Herzen lag, hat mich eher beflügelt. Wenn man mit Menschen zusammenarbeitet, die mit Leib und Seele bei der Sache sind, geht das weit darüber hinaus, dass jemand nur auf Gelingen oder Erfolg hofft. Dann ist die Liebe, die jemand investiert, ansteckend. Dass Guillermo für diesen Film, der ihm so viel bedeutet, ausgerechnet mich ausgesucht hatte, war der größte Vertrauensbeweis überhaupt und ein schöner Push für mein Selbstbewusstsein.
Del Toro interpretiert Mary Shelleys Geschichte weniger als gescheitertes Experiment denn als Beispiel für gescheiterte Elternschaft. Sie auch?
Ich habe sofort verstanden, warum ihn diese Sichtweise interessierte. Technik und Wissenschaft sind nicht das, was ihn im Herzen bewegt; abgesehen davon, dass diese Interpretation der Geschichte schon oft genug erzählt wurde. Was ihn schon immer umtreibt, in fast allen seinen Filmen, sind Vaterbeziehungen und die generationelle Weitergabe von Schmerz. Beziehungsweise die Frage, wie man aus einem solchen Kreislauf ausbricht. Für mich ist Victor Frankenstein ohnehin eher Künstler als Wissenschaftler. Diese myopische Besessenheit kenne ich durchaus: die Vorstellung, man müsse nur diese eine Sache wirklich gut hinbekommen, dann ergebe plötzlich alles im Leben Sinn. Nur dass man fast immer irgendwann zur Einsicht kommt, dass auch auf der anderen Seite so eines Unterfangens nicht alles Sinn ergibt.
Selbst bei einer Rolle wie Victor Frankenstein suchen Sie also nach persönlichen Anknüpfungspunkten?
Klar, als Schauspieler versuche ich immer, einen Bogen zu meinen eigenen Erfahrungen zu schlagen. Und in diesem Fall konnte ich auf emotionaler Ebene viel anfangen mit dieser Idee, gegen alle Widerstände und jede Wahrscheinlichkeit alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, sein Ziel umzusetzen. Gerade als ich jung war, zu Beginn meiner Karriere, war ich genauso: meinem großen Traum nacheifernd, ohne Rücksicht auf Verluste. Außerdem haben Guillermo und ich uns ausführlich über unsere Väter, unsere komplizierten Beziehungen zu ihnen und unsere Ängste, davon irgendwas auf unsere Kinder zu übertragen, unterhalten. Es gab also viele Elemente, durch die ich Zugang zu der Figur fand. Schwieriger zu finden war der richtige Tonfall. Der ist ja ein wenig überhöht, gerade im Fall von Victor. Viel Text, und Guillermo wollte, dass ich schnell spreche, ohne Pausen oder Nuscheln. Opern und Shakespeare, sogar die geliebten Telenovelas seiner Kindheit waren seine Referenzen, definitiv nicht Realismus.
Das Opulente ist auch in der visuellen Gestaltung des Films enorm wichtig. Hatten Sie beim Dreh von „Frankenstein“ schon ein Gefühl dafür, wie der Film am Ende aussehen würde?
Nichts bereitet einen darauf vor, einen Film von Guillermo del Toro zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen. Aber bei „Frankenstein“ haben wir fast immer mit echten Kulissen und Sets gearbeitet statt mit Green-Screen-Bildern, die erst später am Computer entstehen. Deswegen hatten wir beim Spielen schon eine ganz gute Ahnung davon, wohin die Reise optisch gehen würde. Zudem hat Guillermo oft nach jeder Einstellung die Aufnahmen sofort in den Schnitt gegeben. Das habe ich so noch bei keinem anderen Film erlebt. Hier konnten wir uns tatsächlich oft schon abends komplette Szenen ansehen, die wir gerade erst gedreht hatten.
Jacob Elordi, der im Film Frankensteins Kreatur spielt, hat über die Dreharbeiten gesagt, sie hätten ihn als Schauspieler für immer verändert. Was waren in Ihrer Karriere einschneidende Momente?
Gleich nach meinem Abschluss an der Schauspielschule drehte ich einen Film mit dem Regisseur Scott Z. Burns, der damals ein guter Freund wurde. „Pu-239“ war nicht nur mein erster großer Filmjob, es war auch das erste Mal, dass ich mich in einem anderen Land als den USA oder meiner Heimat Guatemala befand. Wir drehten in Rumänien – allein diese Erfahrung hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Noch wichtiger war dann später die Arbeit mit den Coen-Brüdern bei „Inside Llewyn Davis“, meiner ersten echten Hauptrolle.
Der Dreh in Rumänien ist 20 Jahre her, mittlerweile sind Sie ein Profi. Haben Sie einen Gradmesser, an dem Sie sich bei der Auswahl Ihrer Projekte orientieren?
Ich verlasse mich vor allem auf Gespräche, deswegen ist es mir wichtig, mich bei jedem Angebot in Ruhe hinzusetzen und mich auszutauschen mit der Person, die hinter der Kamera stehen wird. Ein gutes Drehbuch ist toll, und eine coole Rolle ist reizvoll, genauso wie das Wissen, welche spannenden Filme der Regisseur oder die Regisseurin zuvor schon gedreht haben. Aber all das hilft nichts, wenn ich keine Wellenlänge mit ihm oder ihr habe. Filme zu drehen, ist eine langwierige und intensive Angelegenheit, da brauche ich jemanden an meiner Seite, mit dem ich mich in diesem Prozess wirklich ausführlich austauschen möchte.
Was motiviert Sie in und zu Ihrer Arbeit? Finden Sie darin das Gleiche, was Sie schon mit Mitte 20 in der Schauspielerei gesucht haben?
Nein, das hat sich über die Jahre verändert. Im Lauf der Zeit habe ich immer mehr die Berufung hinter dem Beruf entdeckt. Ich denke darüber nach, was das Ritual der Performance mit mir macht. Warum brauche ich das so sehr? Und was bedeutet es, wenn ich mal nicht arbeite, nicht spiele? Bin ich dann überhaupt noch Schauspieler? Kommt mir meine Berufung abhanden? Nicht dass ich heute auf all diese Fragen Antworten hätte, aber früher habe ich sie mir nicht einmal gestellt. Damals habe ich einfach versucht, nach jeder Rolle schnellstmöglich die nächste zu bekommen. Heute will ich hinter diesen Rausch blicken, den ich verspüre, wenn ich eine Rolle spiele, ich will begreifen, was genau diese Befriedigung, die damit einhergeht, mit mir selbst zu tun hat.
Klingt ein wenig, als wären Sie nicht so gut darin, Pausen einzulegen und auch mal eine Weile nichts zu tun.
Ich werde aber besser darin! Nicht ohne Grund ist „Frankenstein“ meine erste echte Rolle seit der Hauptrolle in der Serie „Moon Knight“ vor drei Jahren. Da hatte ich bewusst eine Pause eingelegt, denn ich hatte das Gefühl, dass ich mich mal zurückziehen und neu kalibrieren muss. Auch in seiner Berufung sollte man die Bodenhaftung nicht verlieren.
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