Otmar Issing: Neunzig ist das neue Fünfzig

Otmar Issing: Neunzig ist das neue Fünfzig

Wenn man 90 Jahre alt wird und zur Party kommt die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, hat man im Leben irgendwas richtig gemacht. Am Donnerstagabend ehrte die Bundesbank ihren früheren Chefökonomen, den späteren ersten EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing, zu dessen rundem Geburtstag mit einer akademischen Feierstunde. Aber so förmlich das klingt, so außergewöhnlich und jenseits des protokollarisch Normalen fiel die Veranstaltung in Frankfurt im Europapavillon der Bundesbank aus.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass Issing für seine 90 Jahre außergewöhnlich präsent ist und aufgrund seiner freundlichen und höflichen Art nicht nur unter Gleichgesinnten, sondern auch bei Andersdenkenden hohe Wertschätzung genießt. Er war der Chefvolkswirt der EZB, als der Euro geboren wurde – den „Mister Euro“ haben sie ihn deshalb getauft.

Eine bunte Mischung von Gästen aus vielen Jahrzehnten Notenbankgeschichte erschien zur Feier. Der Ökonom Hans-Werner Sinn, der einst die Eurorettungspolitik überaus kritisch begleitet hatte, war ebenso dabei wie Jürgen Stark, der einst im Kampf um die Anleihekäufe als EZB-Chefvolkswirt das Handtuch geschmissen hatte.

Applaus von der EZB-Präsidentin

EZB-Präsidentin Christine Lagarde war in der Einladung zur Feier gar nicht annonciert gewesen, gehörte dann aber zu den enthusiastischen Fans, die Issing für sein Lebenswerk stehenden Applaus gaben. Ernst Welteke, 83, war auch dabei, jener Bundesbankpräsident der frühen Nullerjahre, in dessen Amtszeit das Euro-Bargeld eingeführt wurde; und der sich damals versehentlich vor seiner ersten Frankreichreise nach der Euro-Umstellung von seiner Sekretärin noch Francs in den Koffer packen lassen wollte.

Vor allem Issings Einsatz für die Unabhängigkeit der Notenbank stand im Mittelpunkt der Rede von Bundesbankpräsident Joachim Nagel, der von mehreren Vorstandsmitgliedern begleitet wurde. „Als Sie 1990 zur Bundesbank kamen, brachten Sie einen scharfen Verstand und eine feste Überzeugung mit: Zentralbanken sollten unabhängig sein“, sagte Nagel: „Sie haben sich nicht nur für diesen Grundsatz eingesetzt, sondern ihn auch fest in der DNA des Eurosystems verankert.“

Nebenbei erzählte der Bundesbankpräsident noch die Anekdote, dass er unlängst eine recht umfängliche Rede zur Künstlichen Intelligenz gehalten habe und dabei die Seiten des Manuskripts völlig durcheinandergeraten waren – aber niemand habe es gemerkt.

Mit Mervyn King, dem früheren britischen Notenbankchef, verbindet Issing nicht nur eine lange Freundschaft, sondern auch die Liebe zum Tennisspiel. King griff in seiner Rede tief in sein Reservoir amüsanter Begebenheiten. Zu einer früheren EZB-Feierstunde in der Alten Oper in Frankfurt habe die absperrende Polizei ihn mit dem Taxi nicht durchlassen wollen. Erst als er auf Deutsch sagte: „Ich bin ein Freund des Fußballers Thomas Hitzlsperger“, habe der Polizist eingelenkt.

Zurück zur Geldpolitik von damals?

King schlug nicht nur halb ernsthaft vor, die EZB könne ja jetzt die alte Strategie von Issing wieder einführen, die Geldpolitik auf zwei Säulen ruhen zu lassen, den realwirtschaftlichen und den monetären Daten zur Inflation. Der frühere britische Notenbankchef wagte sich sogar noch weiter vor. Man höre ja, Deutschland bekomme jetzt womöglich bald die Chance, den EZB-Präsidenten zu stellen. Da solle man doch unbedingt an Issing denken. Ohne Frage gelte doch heute: „Neunzig ist das neue Fünfzig.“

Der frühere Bundesbankpräsident Axel Weber, der einst fast EZB-Präsident hätte werden können, sagte, er schätze Issings Ideen, seine Offenheit, seine Philosophie und seine intellektuelle Neugier. „Otmar in zwei Worten, das sind Stabilität und Disziplin.“ Er erinnere sich noch daran, wie Jürgen Stark ihm selbst damals in der Bundesbank einen Kompass geschenkt habe. Darum gehe es in der Geldpolitik: Kurs halten.

Issing selbst trank erst mal in aller Ruhe ein Glas Wasser, bevor er zu seiner Rede ansetzte.  Er wisse gar nicht, was er zu so viel Lob sagen solle: „Aber wer bin ich, dass ich so illustren Rednern widerspreche?“

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