#Pflücke den Tag

Pflücke den Tag

In ganz großen Schritten hat Paul McCartney seine Trilogie fertiggemacht und brauchte dafür fünfzig Jahre. Was, mehr nicht? Es ging ja im Grunde alles ganz schnell und ohne jede Hilfe. „McCartney“, noch ohne Zählung, hatte er bereits im Kasten, als er im April 1970 offiziell das Ende der Beatles bekanntgab. Rein privat hing der Himmel für ihn voller Höfner-Violin-Bässe, wie der selbstzufriedene Singalong „The Lovely Linda“ zum Einstieg signalisierte, für den er dann auch ordentlich Prügel bezog. Mangel an Geschmack warf man ihm nicht nur für dieses Album, sondern für das komplette Frühwerk vor, bis eben „Band on the Run“ alle mundtot machte. Die Kritik ging auf groteske Weise fehl: Nicht erst aus heutiger Sicht hat der solo Gewordene als Pate des Powerpop zu gelten.

Edo Reents

Mit „McCartney II“ gab er 1980 den Wings den Laufpass. Die vielen Synthesizer irritierten ein wenig, verrieten aber auch seinen Sinn für Zeitgenossenschaft, der wegweisend sein konnte. Bei der Single „Coming Up“ fuhr er seine Krallen aus, ein makelloses Popstück wie zu jener Zeit „Upside Down“ von Diana Ross oder seine späteren Duette mit Ebenbürtigen wie Stevie Wonder und Michael Jackson.

Gospel der Dankbarkeit und des Schmerzes

Und jetzt legt er uns noch „McCartney III“ (Capitol Records) unter den Weihnachtsbaum. Man nimmt das Geschenk dankend an, schon wegen der guten Laune, die einige seiner Blödeleien verbreiten: „Yankee toes and Eskimos can turn to frozen ice“ – wussten Sie das? Oder das mit dieser „Lavatory Lil“, die so nett tut, aber Vorsicht: „You think that she’s a winner when she’s cooking you dinner / But she’s really moving in for the kill … You think she’s being friendly, but she’s looking for a Bentley.“ Der Boogie hämmert dazu, als wäre Little Richard noch am Leben. Machtvoll rockt dann „Slidin’“ zu psychedelisch weggetretenen Versen.

Das Hauptstück, „Deep Deep Feeling“, ist ein achteinhalbminütiger, durchkomponierter Gospel der Dankbarkeit und des Schmerzes, den – was sonst – heftige Liebe bereitet, textlich leider einfallslos. Womöglich ist das Absicht, und man darf dem bald Achtzigjährigen entweder Senilität oder Souveränität attestieren. Nun ist sowieso anzunehmen, dass jemand, dem jede Lebensregung zu Musik gerät, darauf pfeift, was die Leute von ihm denken, wie er in „Seize the Day“, dem schon wegen des Ray-Charles-Gedächtnis-Intros auf der Wurlitzer-Orgel überzeugendsten Stück der Platte, zugibt: „I don’t care to be bad / I prefer to think twice / All I know is it’s quite a show / But it’s still alright to be nice.“

Fünfzig Jahre solo

Diese achselzuckende Freundlichkeit zeichnete Paul McCartney immer aus und prägt auch dieses späte Werk, das nur bedingt mit der notorischen Eingängigkeit aufwartet, die schon seine Fireman-Arbeiten verweigerten. Gleichwohl ist dies jetzt keine Ambient-Platte, dafür ist das gitarristische Element, auch das akustische, zu stark, von dem auch hier wieder Miniaturen zehren, deren wie aus dem Ärmel geschüttelte Melodiosität immer noch Rätsel aufgibt.

Fünfzig Jahre solo: Niemand wird sagen wollen, dass im Vergleich dazu das knappe Beatles-Jahrzehnt nicht mehr viel zählt. Keiner der vier durfte sich Hoffnungen darauf machen, die Menschheit nur als Einzelner zu interessieren. Paul McCartney aber hat es dabei am weitesten gebracht. Der gehässige Sport, ihn gegen den vermeintlich genialeren John Lennon auszuspielen, ist aus der Mode gekommen. „I bless the day when you came into my life“, singt er zwischendurch. Das wird einer Frau gelten. Aber ganz ohne Narzissmus geht es bei so einem nicht, er denkt dabei wohl auch ein wenig an sich. Und wenn er sich schon freut, dass es ihn gibt, dann ist Dankbarkeit ja wohl das Mindeste, was er von uns erwarten kann.

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