Rätsel um kopflose Skelette geht weiter

Rätsel um kopflose Skelette geht weiter

Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen vor gut 7000 Jahren den mehr als 70 in der Fundstätte Vráble entdeckten Toten den Kopf abtrennten und sie dann scheinbar wahllos im Graben ihrer Großsiedlung bestatteten, ist noch ungeklärt. Ersten Untersuchungen zufolge scheint es sich jedoch nicht um ein Massaker oder Köpfungen lebender Menschen gehandelt zu haben. Was aber war es dann?

Die Großsiedlung von Vráble in der Slowakei war einer der größten Siedlungsplätze der Jungsteinzeit in Mitteleuropa. In der Zeit von 5250 bis 4950 vor Christus umfasste sie mehr als 310 Gebäude in drei jeweils rund 15 Hektar großen Nachbarschaften. Bis zu 80 Häuser waren gleichzeitig bewohnt – für die Menschen der linearbandkeramischen Kultur war dies eine ungewöhnlich hohe Einwohnerdichte. Der südwestliche Teil der drei Nachbarschaften von Vráble ist von einem 1,3 Kilometer langen Doppelgraben umgeben, wie Ausgrabungen eines Teams um Martin Furholt von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) gezeigt haben.

Ausgrabung
Freilegung von Gebeinen in der Fundstätte Vráble in der Slowakei. © Katharina Fuchs

77 kopflose Skelette – mindestens

Noch ungewöhnlicher jedoch: Im Graben dieses Siedlungsteils von Vráble hat das Archäologenteam in den letzten Jahren mehrere kopflose Skelette freigelegt – inzwischen sind es 77. Die menschlichen Überreste lagen ungeordnet übereinander und in verschiedensten Positionen im Graben – mal auf dem Bauch, mal auf dem Rücken, mal gehockt und mal mit gestreckten Gliedmaßen. Fast allen Toten ist jedoch gemeinsam, dass ihnen der Kopf fehlt. Ihre Schädel sind nicht in diesem Massengrab zu finden. Nur ein Kleinkind wurde mitsamt Schädel im Graben bestattet.

Doch warum sind diese Skelette kopflos? „Angesichts des ansonsten sehr unterschiedlichen Zustands der Skelette sind die Halswirbel der kopflosen Toten überraschend oft in korrekter Abfolge erhalten“, schreiben die Archäologen. Dies spreche dafür, dass die Toten relativ kurz nach ihrem Tod im Graben bestattet wurden – und dass ihr Kopf vorher vom restlichen Körper getrennt und entfernt wurde. „Die Befunde zeigen klar eine absichtliche Manipulation der Körper“, erklärt Seniorautorin Katharina Fuchs von der Universität Kiel. Solche Praktiken gelten häufig als Hinweis auf eine Krise, etwa im Zusammenhang mit Gewalt oder Konflikten.

Kein Massaker

Aber im Falle der jungsteinzeitlichen Großsiedlung von Vráble scheinen die kopflosen Skelette nicht die Opfer eines bewaffneten Konflikts oder einer Massentötung gewesen zu sein, wie die Archäologen erklären. „Zwar könne wir ein solches Szenario nicht ausschließen. Die sehr unterschiedlichen, aber dennoch einem Muster folgenden Platzierungen der kopflosen Körper sprechen jedoch eher dagegen“, schreiben Furholt und seine Kollegen. „Erste Analysen deuten vor allem an, dass es sich hier nicht um eine gewaltsame ‚Köpfung‘ gehandelt hat, sondern eher um eine gekonnte Entfernung der Schädel.“

Erste Untersuchungen legen zudem nahe, dass die Toten nicht alle auf einmal im Siedlungsgraben deponiert wurden. „Stattdessen könnten sich die Abtrennung des Kopfes und die Bestattung der einzelnen Toten über längere Zeiträume erstreckt haben – über Monate oder sogar Jahre“, so das Team. Das wirft allerdings die Frage auf, warum die jungsteinzeitlichen Bewohner der Großsiedlung diese Toten ohne ihre Köpfe beerdigten. „Wir müssen damit rechnen, dass diese Handlungen in ganz anderen Bedeutungszusammenhängen standen als in modernen Gesellschaften“, erklärt Furholt, „das macht ihre Interpretation so herausfordernd.“

Parallelen zu anderen jungsteinzeitlichen Stätten

Wie das Team erklärt, war es in vielen frühen Kulturen durchaus gängig, die Schädel von Toten abzutrennen und sie gesondert zu verwahren. „Das geschah häufig im Kontext der Ahnenverehrung oder anderen soziopolitischen, rituellen oder magischen Praktiken“, schreiben die Archäologen. Auch in jungsteinzeitlichen Gräbern in Deutschland und Mitteleuropa wurden schon kopflose Skelette gefunden. „Die erstaunlichste Parallele zu Vráble ist die Fundstätte Herxheim in Westdeutschland“, berichten Furholt und seine Kollegen. Auch in dieser jungsteinzeitlichen Siedlung wurden Tote gegen Ende der Linearbandkeramik-Kultur in einem Doppelgraben beerdigt und zuvor offenbar gezielt verstümmelt.

Die Archäologen sehen in diesen und weiteren Parallelen einen Hinweis darauf, dass Praktiken wie die Abtrennung von Schädeln und anderen Körperteilen bei Toten damals Ausdruck eines kulturellen oder sozialen Wandels gewesen sein könnten. Ob es sich dabei um eine Reaktion auf zunehmende soziopolitische Konflikte oder geänderte religiöse Vorstellungen handelte, ist allerdings noch ungeklärt. „Die Niederlegung von Körpern und Körperteilen kann Teil komplexer, bedeutungsvoller und wiederkehrender Handlungen gewesen sein“, sagt Co-Autor Nils Müller-Scheeßel von der Universität Kiel.

Untersuchungen laufen noch

Noch sind weder die Ausgrabungen in Vráble noch die Untersuchungen der Skelette abgeschlossen. Das Team schließt nicht aus, dass es in den noch nicht freigelegten Teilen des Grabens weitere kopflose Tote finden wird. Die bereits geborgenen Knochen werden zurzeit genauer untersucht, ein Fokus liegt dabei auf den Schnittspuren an den Halswirbeln. Ergänzende Isotopen- und DNA-Analysen der Funde könnten Aufschluss über Herkunft, Ernährung und Verwandtschaft der Toten geben. „Aber schon die ersten Ergebnisse zeigen, dass Vráble ein außergewöhnlicher Fundplatz ist. Er liefert uns die Schlüssel zur Diskussion grundlegender Fragen: Wie wurden Tod und Körper in der Jungsteinzeit verstanden – und welche Rolle spielten damit verbundene Praktiken im sozialen Gefüge früher bäuerlicher Gesellschaften?“, fasst Furholt zusammen.

Quelle: Exzellenzcluster ROOTS, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Fachartikel: Proceedings of the Prehistoric Society, doi: 10.1017/ppr.2026.10082

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