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In vielen Online-Diskussionen dominiert eine sehr aktive Minderheit die Debatte, während die Mehrheit schweigend mitliest. Doch wer kommentiert eigentlich in sozialen Medien und warum? Wie lässt sich der Einfluss von Power-Usern begrenzen und wie lassen sich mehr Menschen dazu motivieren, sich an der Diskussion zu beteiligen? Diese Fragen haben Forschende in einem großen Feldexperiment mit 520 Freiwilligen auf der Plattform Reddit untersucht. Eine toxische Gesprächsatmosphäre wirkt demnach auf stille Mitleser abschreckend – motiviert allerdings ausgerechnet die Power-User zu noch mehr Kommentaren.
In Kommentarspalten und Social-Media-Foren bestimmen meist wenige, dafür aber besonders aktive Nutzer die Diskussion – oft solche, die besonders extreme Positionen vertreten. Die Mehrheit dagegen hält sich zurück. „Diese Ungleichheit in der Sichtbarkeit kann die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung verzerren und die Polarisierung verstärken“, erklärt ein Forschungsteam um Lisa Oswald vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.
Online-Diskussionen im Fokus
Um herauszufinden, welche Faktoren dazu beitragen, dass sich manche Nutzer an Online-Diskussionen beteiligen und andere nicht, rekrutierten Oswald und ihre Kollegen 520 US-amerikanische Freiwillige auf der Plattform Reddit und teilten diese zufällig einem von sechs eigens zu diesem Zweck erstellten privaten Subreddits zu. Über vier Wochen hinweg tauschten sich die Teilnehmenden zu insgesamt 20 verschiedenen politischen Themen aus. Die Forschenden gaben dabei täglich Diskussionsanstöße und beteiligten sich teilweise moderierend. „Es war ein aufwendiges Feldexperiment, aber Kleinstgruppen im Labor fangen den Öffentlichkeitscharakter sozialer Medien nicht ein“, sagt Oswald.
Die Forschenden analysierten 5819 Kommentare innerhalb der Subreddits sowie fast 63.000 weitere Kommentare, die die Teilnehmenden im Zeitraum rund um die Studie in anderen Bereichen der Plattform posteten. Zudem befragten sie die Testpersonen vor, während und nach der Studie unter anderem zu ihrer Wahrnehmung der Diskussionsatmosphäre, ihrem Vertrauen in Politik, Medien und Wissenschaft und dazu, wie informiert sie sich bei bestimmten politischen Themen fühlten.
Abschreckend für die einen, motivierend für die anderen
Dabei zeigte sich: Wer die Diskussion als toxisch, respektlos, polarisiert oder wenig konstruktiv
wahrnahm, fühlte sich in der Regel wenig motiviert, selbst einen Kommentar beizutragen. Doch bei denjenigen, die sich dennoch entschieden, aktiv mitzudiskutieren, entfaltete die aufgeheizte Atmosphäre genau die gegenteilige Wirkung: Sie motivierte zu mehr Kommentaren. Besonders aktiv waren Männer, politisch stark Interessierte und Menschen, die ohnehin regelmäßig online kommentieren.
Am hitzigsten verliefen die Diskussionen dazu, wie sich die USA im Israel-Gaza-Konflikt verhalten soll, gefolgt von Themen wie genderneutraler Sprache und Prostitution. Wirtschafts- und Klimathemen riefen dagegen weniger Emotionen hervor. Moderierende Aufforderungen wie „Bitte bleibt respektvoll“ zeigten den Forschenden zufolge kaum Wirkung. Allerdings weisen sie darauf hin, dass die Debatten in der Regel recht sachlich verliefen, sodass nur ein geringer Spielraum für Verbesserungen bestand.
Rahmenbedingungen für Beteiligung
Oswald und ihre Kollegen testeten außerdem verschiedene Maßnahmen, um stille Mitlesende zu motivieren, etwas zur Diskussion beizutragen. Finanzielle Anreize von zwei US-Dollar pro Tag für mindestens einen konstruktiven Kommentar steigerten die Beteiligung tatsächlich, konnten die Dominanz einzelner Vielschreiber jedoch nur geringfügig reduzieren. „Das spricht dafür, dass Rollen in Diskussionen erstaunlich stabil sind“, sagt Oswald. Als wirksam und praktisch einfacher umsetzbar erwies sich soziale Anerkennung: Wer innerhalb der Community positives Feedback erhielt, beispielsweise in Form sogenannter Upvotes, mit der andere ihre Unterstützung für einen Beitrag ausdrücken können, entschied sich mit höherer Wahrscheinlichkeit auch am folgenden Tag dazu, einen Kommentar zu verfassen.
Um Diskussionen ausgewogener zu gestalten, schlagen die Forschenden vor, dass Plattformen positive Anreize für eine breitere Beteiligung schaffen, etwa eine erhöhte Sichtbarkeit für Beiträge von Erstkommentierenden sowie qualitativ hochwertige Beiträge. Wichtig sei zudem, Regeln zur Verringerung sichtbarer Toxizität konsequent durchzusetzen. Auch Kommentarobergrenzen für besonders Aktive könnten die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung realistischer machen. „Man kann nicht einfach einen Regler drehen, um die Beteiligung zu erhöhen“, sagt Oswald. „Aber man kann Rahmen schaffen, die das Sprechen leichter machen – gerade für diejenigen, die bisher nur mitlesen.“
Quelle: Lisa Oswald (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.ady8022
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