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Sinkende Grundwasserpegel, schmelzende Gletscher und austrocknende Feuchtgebiete: Ein neuer Report hebt hervor, dass Teile des globalen Wasserkreislaufs bereits unwiederbringlich geschädigt sind. In vielen Regionen weltweit ist sauberes Wasser bereits heute Mangelware. Statt von einer „Wasserkrise“ müsse deshalb die Rede von einem „Wasserbankrott“ sein, so der Bericht. Die Situation erfordere demnach ein „Insolvenzmanagement“ in weltweiter Zusammenarbeit, um die verbleibenden Ressourcen gerecht und sicher zu nutzen, ohne sie weiter zu schädigen.
Bereits 2022 kamen Forschende zu dem Schluss, dass die planetare Grenze für eine sichere und nachhaltige Wassernutzung überschritten ist. Wir Menschen verbrauchen also mehr Wasser, als uns eigentlich zur Verfügung steht. Dadurch beuten wir die Grundwasservorräte so dauerhaft aus, dass sie sich nicht mehr auf ihr ursprüngliches Niveau regenerieren können. Die Wasserverschmutzung verschärft das Problem zusätzlich. Bisher ist in diesem Zusammenhang oft von einer „Wasserkrise“ die Rede – ein Begriff, der impliziert, es handele sich um eine vorübergehende Herausforderung, die sich mit kurzfristigen Maßnahmen bewältigen lässt.

Von der Krise zum Bankrott
Ein Bericht der United Nations University (UNU) in Ottawa, erstellt unter Leitung des iranischen Umweltwissenschaftlers und ehemaligen Vizepräsidenten des UN-Umweltprogramms Kaveh Madani, kommt nun zu dem Schluss, dass in der aktuellen Lage eher der Begriff „Wasserbankrott“ oder „Wasserinsolvenz“ angemessen ist. „Globale Wasserinsolvenz wird als anhaltender Zustand des Versagens nach einer Krise definiert“, so der Report. „In diesem Zustand haben die langfristige Wassernutzung und Verschmutzung die erneuerbaren Zuflüsse und sicheren Entnahmegrenzen überschritten. Wichtige Teile des Wassersystems können realistischerweise nicht mehr auf das frühere Versorgungsniveau und die frühere Ökosystemfunktion zurückgebracht werden.“
Die Auswirkungen sind bereits heute gravierend. Rund 2,2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser und fast vier Milliarden Menschen sind mindestens einen Monat im Jahr von schwerer Wasserknappheit betroffen. Aktuell werden mehr als die Hälfte der weltweiten Nahrungsmittel in Regionen produziert, in denen die Wasservorräte zurückgehen oder instabil sind. „Millionen von Landwirten versuchen, immer mehr Nahrungsmittel anzubauen, während ihre Wasserquellen schrumpfen, verschmutzt sind oder ganz verschwinden“, sagt Madani. „Ohne einen raschen Übergang zu einer wassersparenden Landwirtschaft wird sich die Wasserinsolvenz rasch ausbreiten.“
Wasserkreisläufe aus dem Gleichgewicht
Die Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen durch den Menschen führt dazu, dass die globalen Wasserkreisläufe aus dem Gleichgewicht geraten und ihre Fähigkeit zur Regeneration mehr und mehr verlieren. Über die Hälfte des häuslichen Wasserverbrauchs und mehr als 40 Prozent des zur Bewässerung genutzten Wassers stammen heute aus Grundwasser. Dadurch sinken die Pegel immer weiter und die Böden sacken ab. Das betrifft dem Report zufolge bereits heute eine Fläche von mehr als sechs Millionen Quadratkilometern, fast fünf Prozent der globalen Landfläche. Die Kapazität der Böden zur Wasseraufnahme wird dadurch eingeschränkt. Das bedeutet nicht nur, dass die Grundwasserreserven dauerhaft erschöpft sind, sondern erhöht paradoxerweise auch das Hochwasserrisiko. Denn nach starken Regenfällen kann das Wasser nicht mehr ausreichend im Boden gespeichert werden und führt deshalb zu Überschwemmungen.
Auch weitere natürliche Wasserspeicher gehen zurück: Seit den 1970er Jahren sind den Forschenden zufolge 410 Millionen Hektar natürlicher Feuchtgebiete verloren gegangen, was fast der Landfläche der Europäischen Union entspricht. Die globale Erwärmung lässt zudem die Gletscher abschmelzen und vernichtet damit die größte Süßwasserreserve der Welt. „Einige Gebirgszüge laufen Gefahr, innerhalb weniger Jahrzehnte ihre funktionsfähigen Gletscher zu verlieren, was die Wasserversorgung von Hunderten Millionen Menschen gefährdet, die auf Flüsse angewiesen sind, die von Gletschern und Schneeschmelze gespeist werden“, führt der Bericht aus.
Wege zu einer sicheren und gerechten Nutzung
Statt eines Krisenmanagements brauche es deshalb ein Insolvenzmanagement, fordert Madani. Die begriffliche Analogie zur Finanzwelt kann aus seiner Sicht dabei helfen, die Ernsthaftigkeit und Unumkehrbarkeit der Situation zu unterstreichen und zugleich neue Lösungsstrategien fördern. „Die Priorität liegt nicht mehr darauf, ‚zur Normalität zurückzukehren‘, sondern darauf, weitere irreversible Schäden zu verhindern, Rechte und Ansprüche innerhalb der geschwächten Tragfähigkeit neu auszubalancieren, wasserintensive Sektoren und Entwicklungsmodelle zu transformieren und einen gerechten Übergang für die am stärksten Betroffenen zu unterstützen.“
In Deutschland haben wir dank der geografischen Lage bislang so viel Wasser zur Verfügung, dass wir üblicherweise nur einen kleinen Teil der natürlichen Wasservorräte verbrauchen. „Dennoch tragen wir wesentlich dazu bei, die planetare Grenze für Süßwasser zu überschreiten. Denn Deutschlands Wasserverbrauch findet überwiegend im Ausland statt“, erklärt Rike Becker vom Imperial College London, die nicht an dem Bericht beteiligt war. „Durch den Import von sogenanntem ‚virtuellen Wasser‘ in Lebensmitteln und Industriegütern tragen wir wesentlich zur Übernutzung von grundwasserführenden Gesteinsschichten, zu hohen Grundwasserentnahmen und Wasserverschmutzung in anderen Regionen bei.“
Generell offenbart der Bericht eine große Verteilungsungerechtigkeit zwischen den Verursachern und Leidtragenden der Wasserinsolvenz. Am härtesten trifft es Kleinbauern, ländliche und indigene Gemeinschaften sowie einkommensschwache Stadtbewohner und junge Menschen. „Wasserbankrott wird zu einem Treiber für Fragilität, Vertreibung und Konflikte“, sagt UN-Untergeneralsekretär Tshilidzi Marwala, Rektor der UNU. „Ein fairer Umgang damit – der sicherstellt, dass gefährdete Gemeinschaften geschützt werden und unvermeidbare Verluste gerecht verteilt werden – ist heute von zentraler Bedeutung für die Aufrechterhaltung von Frieden, Stabilität und sozialem Zusammenhalt.“ Die Wasserinsolvenz kann damit für die globale Gemeinschaft zugleich eine Herausforderung und eine Chance sein. „Wasser kann nationale Prioritäten mit internationalen Prioritäten in Einklang bringen und die Zusammenarbeit zwischen und innerhalb von Nationen verbessern“, heißt es im Report.
Quelle: Kaveh Madani (United Nations University), doi: 10.53328/INR26KAM001
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