Roboter lockt Winkerkrabben aus der Reserve

Roboter lockt Winkerkrabben aus der Reserve

Männliche Winkerkrabben locken Weibchen zur Paarung in ihren Bau, indem sie mit ihrer übergroßen Schere wedeln. Dabei winken sie deutlich länger, wenn winkende Konkurrenten in der Nähe sind, wie eine Studie zeigt. In den Versuchen reagierten die männlichen Tiere auf das Verhalten einer Roboterkrabbe und winkten ausdauernder, um potenzielle Paarungspartner zu beeindrucken – vor allem, wenn der künstliche Rivale eine kleinere Klaue hatte und diese schnell schwenkte. Damit beweist die Studie erstmals, dass auch wirbellose Tiere wie Winkerkrabben ihr Balzverhalten flexibel und dynamisch an die Wettbewerbssituation und ihre Aussicht auf Erfolg anpassen.

Weibliche Europäische Winkerkrabben (Afruca tangeri) sind bei der Partnersuche wählerisch: Sie bevorzugen Männchen mit einer größeren Hauptschere und solche, die diese überdimensionierte Schere schnell schwenken. Die Männchen winken daher bei Ebbe rhythmisch mit ihrem Scherenarm, um Weibchen in ihren unterirdischen Bau im Watt zu locken. Je näher die Krabbenweibchen kommen, desto schneller ist die Armbewegung. Folgt ein Weibchen dieser Einladung und betritt die Höhle eines Männchens, befruchtet dieses seine Eier. Das Weibchen legt die Eier dann wiederum in ihrem eigenen Bau ab. Sobald aus ihnen Larven geschlüpft sind, treiben diese mit der Flut ins Meer und wachsen dort heran. Zwischen diesen kräftezehrenden Balzritualen ziehen sich Männchen in ihre Höhle zurück – unter anderem, um sich vom Schwenken des schweren Arms auszuruhen und um Raubtieren und Kämpfen mit Rivalen auszuweichen.

Doch wie reagieren die Krabben auf Konkurrenten? „Wir wissen, dass viele Tiere ihre sexuellen Darbietungen anpassen, wenn Rivalen in der Nähe sind, aber es ist weniger darüber bekannt, ob auch Winkerkrabben dies tun und wie sie auf die Darbietungen reagieren“, sagt Joe Wilde von der University of Exeter. Flexibles Balzverhalten je nach Konkurrenzsituation ist bisher von Primaten, Vögeln und Fischen bekannt, jedoch nicht von Wirbellosen wie Krabben.

Foto der Testsituation
Der Roboter „Wavy Dave“ und eine Winkerkrabbe wedeln mit ihren Scheren. © Joe Wilde

Wink-Wettbewerb mit einer Roboterkrabbe

Um dem nachzugehen, haben Forschende um Wilde ein Experiment mit einer Roboterkrabbe durchgeführt. Der Roboter mit dem Spitznamen „Wavy Dave“ wurde per 3D-Druck gefertigt und mit einer fünf oder sieben Zentimeter großen Schere ausgestattet, die über eine App per Bluetooth bedient und bewegt werden kann. Diese Roboterkrabbe platzierten die Biologen während der Brutzeit in einem Watt im Süden Portugals, in dem tausende Winkerkrabben leben. Für jeden Test stellten sie den Roboter 30 Zentimeter vom Bau eines Männchens entfernt auf, entweder mit der großen oder kleinen Klaue ausgestattet. Zwei Kameras filmten dann je 20 Minuten lang die Reaktion der Tiere auf das Winken des vermeintlichen Rivalen – ohne dass ein Weibchen anwesend war.

Die Auswertung ergab: Wenn der Roboter winkte, winkten die Männchen länger als sonst und zogen sich seltener in ihre Höhlen zurück – vor allem, wenn ihr vermeintlicher Rivale eine kleinere Schere hatte und schnell winkte. Die Winkerkrabben winkten dann ausdauernder, allerdings selbst nicht schneller als gewöhnlich. Das deutet nach Angaben der Biologen darauf hin, dass männliche Krabben das Verhalten von Rivalen bemerken und auf die Konkurrenz reagieren. Das Team vermutet, dass die Krabben einen winkenden Rivalen als Zeichen für ein in der Nähe befindliches Weibchen interpretieren und vorsorglich mit ihm mitwinken, um mitzuhalten. Allerdings warten sie offenbar ab, bis sie das Weibchen selbst sehen und es in der Nähe ist, bevor sie sich voll anstrengen und dann auch schneller winken, wie frühere Tests nahelegten.

Erster Beweis für flexibles Balzverhalten bei Wirbellosen

Manche Krabben griffen den Roboter auch an. „Einige der Männchen versuchten, gegen ihn zu kämpfen“, berichtet Wilde. „Ein Männchen brach Wavy Dave sogar seine Schere ab. Wir mussten diesen Versuch abbrechen und den Roboter neu starten.“ Allerdings griffen die Tiere den künstlichen Rivalen seltener an und zogen sich eher zurück, wenn er eine größere Klaue hatte – wahrscheinlich, weil sie dann mit einer Niederlage im Kampf und Balzwettbewerb rechneten, vermutet das Team. „Unsere Ergebnisse zeigen die subtile Art und Weise, wie diese Krabben ihr Verhalten anpassen, um in einem dynamischen Umfeld wettbewerbsfähig zu sein. Sie investieren mehr in die Balzsignale, wenn dies wahrscheinlich am profitabelsten ist“, schließt Wilde. „Unseres Wissens ist dies der erste Beweis dafür, dass ein wirbelloses Tier sein sexuelles Signalverhalten als direkte Reaktion auf Änderungen im Signalverhalten vermeintlicher Rivalen anpasst“, erklärt das Team.

Quelle: Joe Wilde (University of Exeter) et al.; Proceedings of the Royal Society B Biological Sciences, doi: 10.1098/rspb.2025.1570




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