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#Satansmusik mit tödlichen Folgen

Satansmusik mit tödlichen Folgen

Die Maßnahmen sind drastisch, aber nötig. Hunderttausende Menschen haben sich in Louisiana schon infiziert. Greift der Staat nicht ein, wird sich das Virus ungehindert verbreiten. Die Folgen wären fatal. Deswegen werden ab sofort alle Schulen und Colleges, Kinos und Theater geschlossen, sämtliche Konzerte und Sportveranstaltungen abgesagt, Menschenansammlungen auf Straßen verboten. Wir schreiben das Jahr 1918 und befinden uns in New Orleans. Der Erste Weltkrieg ist fast vorbei und hat siebzehn Millionen Tote gefordert. Nun rollt die Spanische Grippe an, der am Ende, aber das ahnt bislang niemand, noch mehr Menschen zum Opfer fallen werden.

Kai Spanke

Im Angesicht großer Gefahr kommen die Leute auf seltsame Ideen. So warnt ein Prediger, der seinem Sendungsbewusstsein freien Lauf lässt, mit einem Schild, auf dem zu lesen steht: „Jazz ist tödlich.“ Metaphorisch liegt der Geistliche in „King Zeno“, dem dritten Roman des 1980 geborenen Amerikaners Nathaniel Rich, gar nicht so verkehrt. Denn Jazz ist anders als alle Arten von Musik, die man vor dem zwanzigsten Jahrhundert kannte; er ist nicht nur neu, sondern flirrend und unberechenbar. In einer einstigen Baptistenkirche, die zum Club umgestaltet wurde und im Zeichen profaner Bedürfnisse steht, spielt sich eine Band in „schwindelerregende Raserei“.

Literarische Wimmelbilder 

Isadore Zeno, ein junger Kornettist, der zu den drei Protagonisten gehört, erlebt, wie die Kombo den 1917 erstmals aufgenommenen „Tiger Rag“ in „etwas nicht mehr Wiederzuerkennendes, ja geradezu Furchterregendes“ verwandelt. Im Saal tanzen Huren und Zuhälter, Uhrmacher und Hafenarbeiter zu dieser „Satansmusik“. So gesehen, ist Jazz gleichermaßen vitalisierend und tödlich, er zielt auf den Körper, fordert die Affekte heraus – und erstickt die Partituren wohlgeordneter Kompositionen aus der Vergangenheit.

Nathaniel Rich: „King Zeno“. Roman.


Nathaniel Rich: „King Zeno“. Roman.
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Bild: Rowohlt Berlin Verlag

Mit der Ordnung ist es so eine Sache in Richs Roman. Einerseits gleichen manche Kapitel geduldig erzählten, fein gestrickten Kunstwerken, die so viele Details enthalten, dass sie auch als literarische Wimmelbilder taugen. Andererseits zerfransen die Einzelheiten immer wieder zu einer streckenweise geradezu improvisierten Mischung aus Gedanken und synästhetischen Eindrücken. Wenn etwa der Polizist Bill Bastrop seiner Frau von den Kriegserlebnissen aus Frankreich berichtet, ist er nicht eine Figur, die sich erinnert, sondern jemand, der wieder am Ort seines Traumas ankommt – wo er sich als Feigling erwiesen hat: Er wittert den Geruch von verwesendem Fleisch, hört den Lärm des Artilleriefeuers und blickt dem Tod ins Antlitz. Bill möchte die Reminiszenzen unbedingt loswerden, „doch er vermochte die nassen Marschen seines Gehirns nicht trockenzulegen“.

Hurrikan Katrina 

Seine zerebralen Feuchtgebiete finden ihre geographische Entsprechung an einem Ort, wo sich kürzlich noch ein alter Wald befand. Nun sind die Bäume gerodet, weil hier in den kommenden Jahren der Industrial Canal entstehen wird, welcher den Mississippi mit dem Pontchartrain-See verbindet. Die Arbeiter, Isadore ist einer von ihnen, buddeln sich durch den Schlick in der Zeit zurück und fördern Dinge zutage, „die seit Ewigkeiten ungestört geruht hatten“. Ein passendes Bild, gilt doch: kein Zukunftsprojekt ohne mementomorihaften Blick in die Vergangenheit.

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