Über 30 Jahre ist es her, dass die Schauspielerin Gillian Anderson ihren Durchbruch in „Akte X“ feierte und als FBI-Agentin Dana Scully mit ihrem Kollegen David Duchovny übernatürlichen Ereignissen und Verschwörungstheorien nachging. Seither war sie die Ermittlerin Stella Gibson in „The Fall“, die Sexualtherapeutin Jean Milburn in „Sex Education“ oder Margaret Thatcher in „The Crown“. Auf dem Münchner Filmfest wurde Andersen jetzt mit dem Cinemerit Award ausgezeichnet und hat dort die Verfilmung des Bestsellers „Der Salzpfad“ von Raynor Winn vorgestellt, die Geschichte einer 1014 Kilometer langen Wanderung entlang der englischen Küste – ein Anlaufen gegen die Hoffnungslosigkeit.
Mrs. Anderson, wie kritisch sind Sie, wenn es um Literaturadaptionen für die Leinwand geht?
Ich bin durchaus anspruchsvoll und streng. Bei diesem speziellen Projekt war mein Anspruch auch kein Problem, da das Drehbuch von Rebecca Lenkiewicz stammt, einer phantastischen Schriftstellerin und Dramatikerin. All die Drehbücher, die ich von ihr kenne, und ich habe auch neuere gelesen, haben mir gefallen. Ich finde sie sehr talentiert.
Was schätzten Sie an Lenkiewiczs Herangehensweise an dieses Buch?
Vor allem, dass sie es so karg und nüchtern gehalten hat. Sie hat bewusst die Langsamkeit der Vorlage bewahrt, ihren Rhythmus übersetzt. Das führt dazu, dass der Zuschauer sich voll und ganz auf jeden Schritt des unplanbaren Vorhabens einlassen muss und es erleben kann, genau wie im Buch. Für die Protagonisten ist es völlig irrelevant, wie lange sie für diesen Weg benötigen. Ich habe selbst an ein paar Adaptionen gearbeitet: Manchmal entscheidest du, dass es das Beste ist, wenn eine Adaption ein eigenes Ding wird. Vor Jahren arbeitete ich an der Verfilmung von Edith Whartons „The House of Mirth“ („Das Haus der Freude“) unter der Regie von Terence Davies. Es gab Elemente, an denen ich sehr hing, die aber in der Adaption ausgelassen waren. Ich habe mich damals mit Terence in vielen Gesprächen darüber auseinandergesetzt. Irgendwann fand ich mich damit ab, dass der Film nicht das Buch war und es auch nie sein könnte. Und dass ich einen Weg finden musste, um die neue Version, das Drehbuch als eigenständig anzunehmen. Manchmal musst du dich verabschieden von deinen Vorstellungen, deiner Subjektivität und deiner Überzeugung, wie etwas aussehen sollte. Und zulassen, dass eine neue Entität entsteht.
Die Geschichte des Films erzählt von einem Paar, das gleichzeitig Haus, Ersparnisse und Erwerbsmöglichkeiten verliert und beschließt, den über 1000 km langen South West Coast Path zu begehen. „Der Salzpfad“ war ein Überraschungserfolg: Die Autorin war eine Debütantin, die ihre eigene Geschichte angeblich aus Notizen aufschrieb, die sie auf ihrem Weg in den Reiseführer kritzelte. Das Buch verkaufte sich zwei Millionen Mal. Warum berührt diese Geschichte so?
Weil sie sich echt anfühlt. Filme sind heute oft voller CGI-Effekte, voll Lärm, Action und Vorgetäuschtem. Diese Geschichte hat für Menschen etwas sehr Identifizierbares, besonders zu einer Zeit, in der es viele Veränderungen auf der Weltbühne gibt und damit auch viel Unsicherheit. Wir wissen nicht, ob wir in einer Woche in einen Krieg involviert sein werden, egal wo auf der Welt wir leben, wie hoch die Zinsen sind oder ob wir unsere Hypothek noch zahlen können. Neben diesen zwei Faktoren illustriert die Story, wie immens widerstandsfähig Menschen sind. Dass wir durchhalten, egal was passiert. Dass wir jede noch so schlimme Angst, wir Schicksalsschläge überwinden können. Die beiden haben von einem Tag auf den anderen absolut alle materiellen Güter verloren und erhielten in derselben Woche auch die Nachricht einer tödlich endenden Krankheitsdiagnose.
Sie haben auch einige Bücher veröffentlicht, die Trilogie „Vision of Fire“, „We – A Manifesto for Women everywhere“ und letztes Jahr „Want – Sexuelle Fantasien der Frauen im 21. Jahrhundert“. Was empfinden Sie als größte Herausforderung beim Schreiben?
Ich habe noch keines dieser Bücher alleine geschrieben. Das liegt daran, dass ich manchmal mit der Struktur kämpfe, mit technischen Details, mit der Vielzahl der Möglichkeiten. Wenn mir aber jemand Direktiven gibt und ich mich darauf konzentriere, sie zu erfüllen, dann bin ich sehr gut. Selbst beim letzten Buch hatte ich nicht das Gefühl, dass ich es allein bewerkstelligt hätte. Mit Ko-Autor fühlt sich das Schreiben für mich sicher an. Aber vielleicht werde ich eines Tages das Sicherheitsbedürfnis ablegen und vom Berg springen.
Wie organisieren Sie Ihre vielen Leidenschaften, zwischen Theater und Film, Buchprojekten und Regieplänen?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich es überhaupt nicht gut ausbalanciere, manchmal bin ich ziemlich gut im Multitasking und oft, wie bei meiner Produktionsfirma, kann ich mich auch auf gute Teams verlassen. Von dem Wunsch, Regie zu führen, musste ich mich erst mal verabschieden. Ich hatte viele Jahre lang die Filmrechte an Elizabeth Rosners Roman „Die Geschwindigkeit des Lichts“ optioniert und wollte es unbedingt selbst inszenieren. Aber dazu hätte ich eineinhalb Jahre lang nicht spielen können. Solch eine Auszeit wollte ich mir nicht nehmen. Dazu sind die angebotenen Filme zu aufregend, zu inspirierend und so vielfältig, als dass sie mein Interesse nicht erhalten würden. Wenn ich dazwischen mal Zeit habe, habe ich so viele Ideen, dass meine Gedanken mir mit 100 Stundenkilometern durchs Gehirn rasen.
Eine Ihrer Ideen war, die Vorgeschichte von Tennessee Williams’ Figur Blanche DuBois zu erfinden und als Kurzfilm aufzuführen. Das erfordert schon Chuzpe, für eine ikonische Literaturfigur ein Prequel zu entwickeln. Wie kam es dazu?
Das Londoner Theater Young Vic hatte Fördermittel zugesprochen bekommen, um mit einigen ihrer Künstler Kurzfilme zu drehen, und fragte mich, ob ich eine Idee für ein Thema hätte. Da ich gerade ein Engagement von „Endstation Sehnsucht“ in New York beendet hatte, machte es mir Vergnügen, zu überlegen, wie Blanches Leben wohl ausgesehen haben könnte, bevor sie sich gezwungen sieht, in New Orleans bei ihrer Schwester Unterschlupf zu suchen. Geschrieben hat das Skript von „The Departure“ dann mein Freund, der Schriftsteller Andrew O’Hagan, ich führte Regie und spielte Blanche.
In „Der Salzpfad“ agieren Sie ausschließlich mit Jason Isaacs als Rays erkranktem Ehemann. Wie haben Sie die Nähe angelegt, die innige Zuneigung eines Paares, das seit der Jugend in einer fast symbiotischen Beziehung lebt?
Mit jedem Schauspieler fängt man an Tag eins bei null an. Aber wenn man erst mal lange Spaziergänge mit jemandem unternimmt – unternehmen muss, ergibt sich vieles von allein. Auch wenn das Paar von ihrer tiefen Liebe getragen wird, verarbeitet jeder allein seine individuellen Gefühle der Trauer, des Zorns und der Schuld. Dieser Prozess ist Teil der Reise: loslassen, sich von vorgefassten Konzepten verabschieden.
Empfanden Sie die Natur als dritte Protagonistin des Films?
Das war schon ein besonderer Gig für mich, der Landschaft und dem Wetter so ausgesetzt zu sein. Ich tendiere dazu, ein bisschen zurückgezogen zu sein. Die Natur spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber weil ich so beschäftigt bin und weil sich heute so viel von unserem Geschäft auf Bildschirmen, in virtuellen Meetings und Zooms abspielt, war es sehr heilsam und kathartisch, draußen zu sein und mich jeden Tag intensiv zu bewegen, in der frischen Luft und vor der Schönheit der Landschaft.
Kann Entwurzelung auch eine Art von Heimat werden?
Ich bin mir selbst mein Zuhause. Es ist leicht, sich zu bewegen, wenn du in dir selbst verwurzelt bist.
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