#Selenskyj: Ukrainische Gegenangriffe laufen

Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj laufen ukrainische Gegenangriffe entlang der Front. In welchem Stadium sie und ebenfalls laufende Verteidigungsaktionen seien, werde er aber „detailliert nicht sagen“, äußerte Selenskyj am Samstag nach einem Treffen mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau vor Journalisten. Er ließ damit offen, ob es sich um den Beginn der seit Monaten erwarteten ukrainischen Gegenoffensive handelt, äußerte sich aber gleichzeitig konkreter zur Lage als bislang.

Auf die Frage eines Journalisten nach Putins Bemerkungen zur ukrainischen Großoffensive sagte Selenskyj: „Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass Russland immer das Gefühl hat, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt“, sagte Selenskyj.

Kanadas Premierminister Trudeau war am Samstag zu einem unangekündigten Besuch in Kiew eingetroffen. Ottawa gilt als wichtiger Unterstützer Kiews und hat der Ukraine auch Panzer vom Typ Leopard übergeben.

„Das können Sie Putin so mitteilen“

Der ukrainische Präsident sagte nach dem Treffen mit Trudeau, er sei täglich im Gespräch mit seinen Generälen, unter anderen mit Armeechef Walerij Saluschnyj, und die seien „in guter Stimmung“. „Das können Sie Putin so mitteilen.“ Vertrauen könne man weder Putin noch Telegram-Kanälen, sondern nur dem ukrainischen Militär.

Am Freitag hatte der russische Präsident Wladimir Putin gesagt, die ukrainische Gegenoffensive habe begonnen. Die russische Armee spricht bereits seit sechs Tagen von großangelegten, ukrainischen Gegenangriffen. Sowohl Putin als auch Armeevertreter äußerten aber, russische Kräfte hätten die ukrainischen Angriffe zurückgeschlagen und Kiew herbe Verluste zugefügt.

Der ukrainische Generalstab hat bislang öffentlich noch nichts zum Beginn der Gegenoffensive mitgeteilt. Die Offensive wird seit März erwartet. Für ihre Durchführung hat Kiew von westlichen Verbündeten zahlreiche Waffensysteme bekommen, unter anderem deutsche Schützenpanzer vom Typ Leopard.

Mit der Großoffensive will die ukrainische Führung von Russland besetzte Territorien des eigenen Landes zurückerobern. Zuletzt gab es Berichte über schwere Gefechte im Süden der Ukraine.

Am Samstag sprach Serhij Tscherewaty, Sprecher des Ostkommandos der ukrainischen Armee, von einem ukrainischen Vorrücken um 1400 Meter rund um die zerstörte Stadt Bachmut im Osten des Landes – deren Einnahme Moskau im Mai vermeldet hatte.

Militärfachmann Oberst Markus Reisner sagte im Gespräch mit der F.A.Z., die Gegenoffensive laufe seit knapp einer Woche – zunächst in Form einer Vorbereitungsphase und mehreren kleineren Sondierungsangriffen. Laut Reisner sind die Ukrainer vor fünf Tagen in die Entscheidungsphase übergegangen. Derzeit versuche man an drei Hauptangriffsachsen vorzurücken. Die befinden sich Reisner zufolge im Raum Bachmut, beim Frontvorsprung nordwestlich von Mariupol und nördlich der Stadt Tokmak im Gebiet Saporischschja.

Widersprüchliche Angaben zu Gefechten

Nach Angaben des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW) hat die Ukraine in den vergangenen Tagen an mindestens vier Frontabschnitten Gegenangriffe durchgeführt. Demnach haben Gefechte in der Nähe der Stadt Bachmut, bei der Stadt Kreminna, im Südwesten der Region Donezk sowie im Westen der Region Saporischschja stattgefunden, hieß es in dem jüngsten Lagebericht vom Freitag (Ortszeit) unter Berufung auf Angaben aus Kiew, Moskau und von russischen Militärbloggern.

Zum Verlauf der Gefechte gab es widersprüchliche Angaben. Großbritannien geht in einigen Abschnitten von militärischen Fortschritten der Ukraine aus. Während in einigen Gegenden bei Einsätzen in den vergangenen 48 Stunden im Osten und Süden gute Fortschritte erzielt und die erste russische Verteidigungslinie durchbrochen worden sei, gehe es für die Ukrainer anderswo langsamer voran. Genauere Angaben wurden nicht gemacht. Die russische Luftwaffe sei über der Südukraine zudem ungewöhnlich aktiv gewesen, hieß es weiter. Selenskyj hatte in seiner abendlichen Videoansprache am Freitag von „besonders schwierigen Schlachten“ gesprochen.

Beobachter gehen davon aus, dass die ersten Angriffe einer Gegenoffensive Schwachstellen in der russischen Verteidigung aufspüren und Moskaus mögliche Verteidigungstaktik offenlegen sollen, bevor von Kiew größere Teile seiner im Westen ausgebildeten Soldaten und vom Westen erhaltene Waffen in den Kampf geschickt werden.

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