#Sie gehen von Haus zu Haus

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Sie gehen von Haus zu Haus

Wer sich ein Bild davon machen will, was in Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban geschieht, ist schlecht beraten, den Worten ihres Sprechers Sabihullah Mujahid zu vertrauen. Man werde keine Rache nehmen, hieß es auf einer Pressekonferenz. Das Gegenteil ist der Fall. Taliban-Kämpfer gehen von Haus zu Haus und suchen nach Menschen. Das sind nicht nur ehemalige Mitarbeiter der Alliierten und internationaler Organisationen, es sind Journalistinnen und Journalisten. Die Häuser von mindestens drei Mitarbeitern der Deutschen Welle seien durchsucht worden, teilte der deutsche Auslandssender am Freitagabend mit. Ein Angehöriger eines DW-Redakteurs wurde erschossen, ein weiterer schwer verletzt. Weitere Mitglieder der Familie des Journalisten, der inzwischen in Deutschland ist, seien „in letzter Sekunde entkommen“ und auf der Flucht.

Michael Hanfeld

verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

Der Intendant des Senders beschrieb die dramatische Lage, auf welche sich die Bundesregierung nicht im Ansatz vorbereitet hat. „Die Tötung eines nahen Verwandten eines unserer Redakteure durch die Taliban ist unfassbar tragisch und belegt die akute Gefahr, in der sich alle unsere Mitarbeitenden und ihre Familien in Afghanistan befinden“, sagte Peter Limbourg. „Die Taliban führen in Kabul und auch in den Provinzen offenbar schon eine organisierte Suche nach Journalisten durch. Die Zeit läuft uns davon!“

Nirgendwo mehr sicher

Die Organisation Reporter ohne Grenzen fasst in einen Satz, worauf dieser Mord und weitere Fälle hindeuten: „Afghanische Journalisten sind nirgendwo im Land mehr sicher.“ „Leider bestätigen sich unsere schlimmsten Befürchtungen: Das brutale Vorgehen der Taliban zeigt, dass unabhängige Medienschaffende in Afghanistan in akuter Lebensgefahr sind und auch ihre Angehörigen nicht verschont werden“, sagte die Vorstandssprecherin von Reporter ohne Grenzen, Katja Gloger. „Nach der Machtübernahme durch die Taliban sind Journalistinnen und Journalisten nirgendwo im Land mehr sicher. Wir fordern deshalb die Bundesregierung auf, gefährdeten afghanischen Journalistinnen und Journalisten schnellstmöglich und unbürokratisch die Ausreise zu ermöglichen und Nothilfevisa auszustellen.“

Die Deutsche Welle weist in ihrem Bericht auf einige Opfer der vergangenen Tage hin: Der Journalist Nematullah Hemat von dem privaten Sender Gharghasht TV sei vermutlich von den Taliban entführt worden. Toofan Omar, Leiter des privaten Radiosenders Paktia Ghag Radio, sei von Taliban-Kämpfern gezielt umgebracht worden. Die Fernsehmoderatorin Schabnam Dauran teilte unterdessen mit, sie könne nicht mehr arbeiten. „Mir wurde gesagt, ich könne meine Arbeit nicht fortsetzen, weil sich das System geändert habe“, sagte sie in einer Videobotschaft, aus der die Agentur AFP zitiert: „Wer das hier sieht und wenn die Welt mich hört: Bitte helfen Sie uns, unsere Leben sind in Gefahr.“

Chaos am Flughafen

Am Flughafen in Kabul spielen sich derweil chaotische Szenen ab, Hunderte Menschen warten darauf, aus dem Land zu kommen, längst nicht alle gelangen überhaupt zum Flughafen. Dort kümmern sich die Amerikaner dem Vernehmen nach allein um diejenigen, die sie für die Ausreise in die Freiheit notiert haben, die Bundeswehr ist Zaungast und wird von den Amerikanern beiseitegeschoben, die wenigen Bundeswehrsoldaten dürfen den Flughafen nicht verlassen, nicht einmal um Menschen abzuholen, die direkt vor dem Zaun sitzen und darauf hoffen, nach Deutschland zu kommen.

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