Sind Frauen wirklich besser im Multitasking?

Sind Frauen wirklich besser im Multitasking?

Im Alltag müssen wir oft mehrere Dinge gleichzeitig bewältigen: Beispielsweise, wenn wir während einer Autofahrt per Freisprechanlage telefonieren, gleichzeitig auf den Verkehr achten und zusätzlich noch Kinder auf dem Rücksitz beaufsichtigen. Oder wenn wir beim Kochen Gemüse schnippeln, mit Mitbewohnern reden und darauf achten, nicht über den Hund zu stolpern. All dies erfordert schnelle Wechsel unserer Aufmerksamkeit und effizientes Umschalten zwischen den Aufgaben – Multitasking.

Widersprüchliche Studienlage

Doch wer ist besser im Multitasking: Frauen oder Männer? Gängiger Annahme nach fällt es Frauen leichter, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Männer gelten hingegen als weniger Multitasking- begabt. Doch was ist dran an diesem Klischee? Wissenschaftliche Studien liefern bisher eher widersprüchliche Ergebnisse dazu: Einige fanden keinerlei Unterschiede in der Multitasking-Leistung beider Geschlechter, andere sahen geringe, aber nicht immer reproduzierbare Differenzen. Meist bestanden die Aufgaben allerdings in rein digitalen Tests und waren daher wenig alltagsnah.

Deshalb haben nun André und Diana Szameitat von der University of London ein Multitasking-Experiment entwickelt und durchgeführt, das deutlich näher am menschlichen Alltag liegt. Dafür absolvierten 41 Männer und 37 Frauen fünf verschiedene Aufgaben parallel. Die Besonderheit: Dieser Test fand nicht sitzend an einem Computermonitor statt, sondern an drei verschiedenen Tischen und umfasste sehr unterschiedliche Tätigkeiten.

Gemüseschnippeln, Suchaufgaben, Hinschauen und Reden

Für die zentrale Aufgabe sollte die Testperson an einem Tisch Kochzutaten nach einem Rezept vorbereiten. Doch dabei wurde sie ständig unterbrochen: Immer wieder schrillte ein Wecker, woraufhin die Testperson an einen Nachbartisch laufen und dort mit Stift und Papier zwei schriftliche Aufgaben lösen musste: die Suche nach einer bestimmten Telefonnummer in einer Liste und das Markieren bestimmter Buchstaben oder Zahlen in einer zweiten.

Die vierte Aufgabe war es, beim Kochen oder Schreiben ständig einen an der Wand hängenden Computermonitor im Blick zu behalten. Tauchte dort ein Wort auf rotem Hintergrund auf, mussten die Testpersonen zum dritten Tisch laufen und es dort niederschreiben. Als wäre dies noch nicht stressig genug, gab es parallel dazu noch eine sprachliche Aufgabe: Über einen Lautsprecher wurde alle 20 Sekunden eine Frage eingespielt, die die Testpersonen mündlich beantworten sollten – und für die ein simples „Ja“ oder „Nein“ als Antwort nicht reichte.

Um den Stress noch zu erhöhen, verkürzten die Forschenden während des insgesamt zehnminütigen Testdurchgangs die zeitlichen Abstände der verschiedenen Unterbrechungen.

Männer sind beim Multitasken eher wortkarg

Das Experiment ergab: „In vier der fünf Aufgaben gab es keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern“, berichten die Szameitats. Frauen und Männer schnitten in etwa gleich gut darin ab, das Rezept trotz Unterbrechungen zuzubereiten, die schriftlichen Aufgaben zu lösen oder die auf rot eingeblendeten Wörter zu bemerken. Anders war dies im Konversationstest: „Hier zeigte sich ein signifikanter Unterschied: Frauen beantworteten 11,6 Prozent der Fragen nicht, bei Männern waren es 27,7 Prozent“, berichtet das Team.

„Diese Resultate bestätigen, dass es keine substanziellen Geschlechterunterschiede bei manuellen oder kognitiven Aufgaben gibt“, sagt André Szameitat. „Männer und Frauen unterschieden sich aber sehr wohl in der Fähigkeit, beim Multitasken eine Konversation zu führen.“ Ob die Männer die Fragen schlicht überhörten oder ob sie bewusst nicht antworteten, um sich besser konzentrieren zu können, ist noch unklar. Die Resultate passen aber zu Studien, nach denen Frauen oft kommunikativer und gesprächiger sind als Männer, wie das Team erklärt.

Kommunikative Frauen wirken souveräner

Könnte dieser Unterschied der Grund sein, warum Männer allgemein als weniger Multitasking-begabt gelten? Um dies zu klären, führten André und Diana Szameitat ein zweites Experiment durch. In diesem zeigten sie 160 Beobachtern – 80 Frauen und 80 Männern – Videoausschnitte des ersten Experiments. Diese sollten das Verhalten der gezeigten Testpersonen danach beurteilen, wie gestresst oder souverän die jeweilige Testperson wirkte, wie gut ihre Leistungen waren, ob sie die Lage im Griff hatte und wie ihre Stimmung wirkte.

Das Ergebnis: Die Beobachtenden stuften die gezeigten Frauen als souveräner, leistungsstärker, kontrollierter und besser gestimmt ein. Diese wahrgenommenen Unterschiede verstärkten sich, wenn der Zeitdruck im Multitasking-Test zunahm: „Männer erschienen den Beobachtern mit zunehmendem Zeitdruck gestresster, während Frauen weiterhin als ruhig eingestuft wurden“, berichten die Forschenden.

Das Entscheidende jedoch: Nähere Analysen verrieten, dass sich die Beobachtenden in ihren Urteilen stark vom Konversationsverhalten der Testpersonen leiten ließen: „Dies legt nahe, dass die schlechteren Leistungen der Männer bei dieser Kommunikationsaufgabe die Einstufung beeinflussten“, schreibt das Team.

Beobachtereffekt als Wurzel des Klischees?

Nach Ansicht der Forschenden könnte dieser Beobachtereffekt erklären, warum Männer landläufig als weniger gut im Multitasking gelten: Weil Frauen sich bei solchen Aufgaben noch immer gut unterhalten können, wirken sie souveräner und weniger angestrengt – sie scheinen das Multitasking quasi nebenbei zu erledigen. Männer sind dabei hingegen eher wortkarg und wirken dadurch so, als müssten sie sich mehr konzentrieren, um das Multitasking zu bewältigen.

Sollte sich dies bestätigen, dann könnte dies auch erklären, warum sich das Klischee so hartnäckig hält, obwohl die meisten Studien keine Unterschiede in den Multitasking-Leistungen von Männern und Frauen gefunden haben: Bei kognitiven, am Bildschirm gestellten Aufgaben schneiden Männer und Frauen weitgehend gleich ab. Aber nach außen hin wirken Frauen dabei oft souveräner.

Quelle: André Szameitat (Brunel University of London) und Diana Szameitat (City St George’s, University of London), Psychological Research, 2026; doi: 10.1007/s00426-026-02279-5

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