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„Sonnenköniglich“
Dieses Interieur gleicht einem vergoldeten Traum von Versailles: Raum für Raum hat Scheich Hamad Al Thani hier das Erlesenste des französischen 17. und 18. Jahrhunderts an dekorativen Künsten in großer Dichte vereint. 2007 hatte die Herrscherfamilie von Qatar das Hôtel Lambert erworben – und kürzlich verkauft. Dank Videoaufzeichnungen und Fotografien kann nun jeder das Innere des Pariser Stadtpalais virtuell durchschreiten. Das Auge kommt dabei kaum zur Ruhe, derart überfrachtet mit märchenhaften Ausstattungsgegenständen sind die Räume. Vom 11. bis zum 14. Oktober kommt die prächtige Kollektion des Scheichs bei Sotheby’s in Paris zur Versteigerung , mit mehr als 1100 Losen in fünf Live-Auktionen und einer Online-Offerte. Etwa 50 Millionen Euro werden erwartet.
Hamad Al Thani gehört zu jenen Sammlern, die mit großer Begeisterung schnell und viel akkumulieren. Was er an Gemälden, Skulpturen, Louis-XIV- und Louis-XV-Möbeln, Vasen, Leuchtern, Goldschmiedearbeiten, Emaillekunst, Kunstkammer-Objekten, Schmuck und Porzellan für das Hôtel Lambert zusammentrug, ist maßgeblich von der klassizistisch geprägten Barockarchitektur des Stadtpalastes inspiriert. Die Provenienz, zumal bei Werken namhafter Künstler und Kunsthandwerker, ist oft erhaben. Ludwig XIV., Madame de Pompadour, Katharina die Große oder der Herzog von Windsor, aber auch die Rothschild-Familie, Coco Chanel, Hubert de Givenchy und Yves Saint Laurent finden sich unter den Vorbesitzern. Was einst ihnen gehörte, schmückte nicht irgendein Gebäude: Das Hôtel Lambert ist die schönste und teuerste Privatresidenz in Paris. 1640 wurde sie im Auftrag des Finanziers Jean-Baptiste Lambert an der östlichen Spitze der Île Saint-Louis errichtet. Der Architekt Louis Le Vau gehörte später zu den entscheidenden Gestaltern der Erweiterungen des Château de Versailles unter Ludwig XIV. Auch die Maler Charles Le Brun und Eustache Le Sueur, die fünf Jahre an den Wand- und Deckengemälden des Hôtel Lambert arbeiteten, wurden für große Ausmalungen – etwa des Spiegelsaals – nach Versailles berufen.
Taxe bis zwei Millionen Euro: Jan Sanders van Hemessens „Porträt eines bärtigen Gentilhomme“, Öl auf Holz, 91,7 mal 73 Zentimeter
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Bild: Sotheby’s
Das Hôtel Lambert war immer wieder Schauplatz geschichtsträchtiger Begegnungen. Als es 1732 von dem Finanzier Claude Dupin gekauft wurde, parlierten im Salon, den Madame abhielt, Voltaire, Montesquieu, Rousseau und der Baron von Grimm. Voltaire soll von der Schönheit und Atmosphäre des Stadtpalasts fasziniert gewesen sein. Mitte des 19. Jahrhunderts erwarb diesen die polnische Magnatenfamilie Czartoryski und machte das Hôtel Lambert zum Zentrum für die polnische Unabhängigkeitsbewegung, aber auch des kulturellen Lebens. Auf Empfängen waren Eugène Delacroix, Honoré de Balzac und Franz Liszt zugegen, Frédéric Chopin und George Sand. Chopin schrieb einige seiner Polonaisen für den jährlichen Ball.
Bis 1975 blieb der Prachtbau mit wechselnden illustren Mietern im Besitz der Nachkommen der Familie Czartoryski. Dann wurde Guy de Rothschild Hausherr und bestückte die Wände mit Gemälden aus der herausragenden Familiensammlung.
Historisches zu ersteigern: Intarsienkommode aus der Zeit Ludwigs XIV., Ebenholzfurnier und vergoldete Bronzebeschläge, 87,5 mal 145,5 mal 73,5 Zentimeter, taxiert auf 1 bis 1,5 Millionen Euro
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Bild: Sotheby`s
Als schließlich die Al Thanis das Palais für rund 60 Millionen Euro erwarben, sollte das Gebäude grundlegend modernisiert werden. Vorhaben, es mit einer Tiefgarage samt Autolift zu unterkellern, wurden indes vom französischen Kulturschutz ausgebremst. Dann zerstörte ein Brand Teile des Dachstuhls und des obersten Geschosses, darunter ein Badezimmer mit Gemälden Eustache Le Sueurs. Erst eine Restaurierung für rund 130 Millionen Euro gab dem Stadtpalais den Glanz seiner Entstehungszeit zurück.
Die Innengestaltung mit der Sammlung Al Thanis machte das Hôtel Lambert zu einem perfekten ensemble de l’ancien régime. Ein Paar ägyptischer Porphyrvasen, die auf 1680 bis 1710 datiert werden und mit Blick auf die Seine in der von Le Brun gestalteten Herkulesgalerie standen, gehören zu den wenigen Exemplaren, die aus der Epoche Ludwigs XIV. stammen. Sie werden auf eine bis zwei Millionen Euro geschätzt. Vom großen Kunsttischler André-Charles Boulle kommen nur selten Möbelstücke auf den Markt. Zwei hohe Piedestale mit Marketeriearbeiten und vergoldeten Satyrmasken wurden 1684 aus Boulles Werkstatt direkt ins Schloss Versailles geliefert. Sie schmückten die Appartements du Grand Dauphin, des letzten lebenden Sohnes von Ludwig XIV. (Taxe 500.000 bis eine Million Euro). Auch der holländische Ebenist Bernard I. Van Riesen Burgh gehört zu den Genies der Sonnenkönigszeit. Eine mit einer Erwartung von einer bis 1,5 Millionen Euro versehene Kommode mit Marketerie und vergoldeten Verzierungen wird ihm zugeschrieben. Sie war lange im Besitz der Familie Machault d’Arnouville.
Schöner trinken: teilvergoldetes und emailliertes Silbergefäß in Form eines Segelschiffs, Nürnberg, um 1630, 21 mal 16 mal 6,2 Zentimeter, Taxe 70.000 bis 100.000 Euro
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Bild: Sotheby`s
Unter den Gemälden ist das prestigeträchtigste das „Porträt eines bärtigen Gentilhomme“ von Jan Sanders van Hemessen, das aus der Sammlung des Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau stammt (1/2 Millionen). Ein Tondo von François Boucher zeigt eine junge Dame bei der Morgentoilette, die gerade ihre „Mouche“ aufgeklebt hat, den modischen Schönheitsfleck (500.000/800.000 Euro). Der Kunstkammersammlung des Hôtel Lambert, mit ihren silber- und goldschimmernden Kuriositäten, mit Quarzkristallfiguren oder Emaille aus Limoges, die Hamad Al Thani mit besonderer Aufmerksamkeit zusammengestellt hatte, wird in der Auktionsreihe eine eigene Offerte gewidmet. Ein achteckiges Schmuckkästchen des Augsburger Goldschmieds Hans Jakob Mair fällt auf: Mit silbernen Reliefmedaillons und Gold-, Edelstein- und Emailleverzierungen ist es wundervoll dekoriert (200.000/300.000 Euro).
Nach den Auktionen, deren Erlös Al Thanis Kunststiftung zugute kommt, beginnt ein neues Kapitel für das Hôtel Lambert. Das Palais wurde für mehr als 200 Millionen Euro von dem französischen Unternehmer Xavier Niel erworben und soll künftig eine Kulturstiftung beherbergen. Die sonstigen Kunstschätze der weiterhin immensen Al-Thani-Sammlung, die Werke von der Antike bis in die Gegenwart vereint, lassen sich seit Herbst 2021 im sublim restaurierten Hôtel de la Marine an der Place de la Concorde besichtigen.
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