August ist der grausamste Monat. Man sollte ihn meiden und lieber im Spätherbst hierherkommen, wenn die Trabrennpferde am Strand von Granville nach dem Training ihre zarten Gelenke im Wasser kühlen oder, noch besser, im Winter, wenn es richtig kalt ist und die Salzkristalle des Meerwassers auf dem erstarrten Schlick thronen wie Diamanten in einer Ackerfurche. Wenn man dann den Blick über die 40.000 Hektar große Bucht, die größte der französischen Küsten, wandern lässt, sieht man den Mont Saint-Michel wie eine Fata Morgana am Horizont schweben: Kloster, Kerker, Camelot, himmlische Verheißung und irdische Verdammnis, der Himmel auf Erden für mittelalterliche Pilger und die Hölle für die Unglücklichen, die hier unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten wurden in jenen Jahrzehnten zwischen 1789 und 1863, in denen der Mont Saint-Michel Frankreich nur noch als Gefängnis diente.
„Eine Kröte in einem Reliquienschrein!“ soll Victor Hugo angesichts des Kerkers auf dem Mont gerufen haben, als er 1836 die Insel besuchte, um als Mitglied der französischen Denkmalspflege eine Bestandsaufnahme der heruntergekommenen Anlagen vorzunehmen. Aber die Empörung des Schriftstellers nutzte zunächst wenig. Im Jahr 1850 lebten knapp zwölfhundert Menschen hier – Aufseher, Soldaten, Gefangene. Sechzehn Jahre später waren es fast tausend weniger; das Gefängnis war geschlossen, aber nun drohte die Insel zu veröden, bis sie 1874 endlich unter Denkmalschutz gestellt wurde. Nun erst durfte das Heiligtum, das der Erzengel Michael im Jahr 708 mit energisch sich in einen Bischofsschädel bohrendem Zeigefinger gefordert haben soll, als gerettet gelten.
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