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„Taylor Swifts Musik fordert keine Erinnerung mehr“
Über die Weihnachtszeit füllt sich die Welt mit Bildern von Orangen, gespickt mit nagelförmigen Nelken, rot-goldenen Schleifen und Tannenzweigen, mit seltsam anachronistisch anmutenden Wörtern wie Reisig und Lebkuchen und dem Wundern, wie der festen Form einer Zimtstange ein so weicher Duft entsteigen kann. Kulturgewachsene Artefakte, die Jahr für Jahr aus dem kollektiven Gedächtnisspeicher ins heimische Wohnzimmer geräumt werden. Es ist die gemeinsame Aufführung einer gewachsenen Tradition. Einer Tradition, die der Erinnerung eine Gegenwart verschafft.
In vielen Haushalten und Kirchengemeinden gehört dazu immer noch das Singen von Adventsliedern wie „Es kommt ein Schiff, geladen“. Ein Lied, gefunden im sechzehnten Jahrhundert unter den Schriften des Mystikers und Dominikaners Johannes Tauler, der bereits 1361 gestorben war. In der Folge wurde der Text, wie er heute gesungen wird, zwischen Reformation und Gegenreformation hin und her geformt. Verwoben hat sein Finder Daniel Sudermann die religiösen Verse mit der weltlichen Melodie von „Es wollt gut Jäger jagen vor jenem Holz“.
Kirchliches und Weltliches verschmelzen durch die damals gängige Praxis der Kontrafaktur. Gemeinsam folgen Text und Melodie dem Narrativ des Verfügbarmachens von Wasser durch die Schifffahrt. Das Schiff trägt sicher über die Weltenmeere, die nicht länger eine Gefahr bedeuten. Eine menschgemachte technische Errungenschaft dient als Metapher für die Sicherheit des Gottvertrauens. Vorwärts treibt das Schiff durch die Segel, befestigt an den kreuzförmigen Masten.
Zwingend mit dem Gedächtnis verbunden
Das Lied zeugt vom menschlichen Erleben zwischen der Unsicherheit und dem Glauben an einen Halt. Es konzentriert das innere Erleben aus dem Wissen um die Instabilität der Oberfläche und der Hoffnung, dass sie dennoch trägt. Diese Welt des inneren Erlebens wird über die Melodie in ein musikalisches Spiel überführt, in dem Text und Musik sich gegenseitig überhöhen. Das Schiff nähert sich im Wiegenrhythmus eines Dreiertakts, seine biblische Ladung wird im standhaften Viervierteltakt besungen. Die schwankende, unzuverlässige Erde vor der ewigen, Sicherheit gewährenden Gnade Gottes.
Das Lied beherbergt über sechshundert Jahre Geschichte, Anpassungen in alle Richtungen, vereint Melodie und Text unterschiedlicher Lebensbereiche, anerkennt das Natürliche wie gleichermaßen das Übernatürliche als Kosmos des Erlebens. Es trägt die Veränderung im Kern. Dieser Umstand macht die Melodie zu einem Volkslied. Und das alles umschließt seine Melodie.
Jede Melodie entsteht im Wissen um ihren Abschluss. Sie hat einen klaren Anfang und ein deutliches Ende. Sie ist sie zeitlich begrenzt. Unser kulturgebundenes Musikverständnis beschenkt uns mit einem Tongedächtnis, das es ermöglicht, Melodien gleichermaßen aus dem eigenen Inneren wie aus dem kulturell Gewachsenen heraus nachzuvollziehen. Gewachsen aus den Schlaf- und Wiegenliedern, den Balladen und Kinderliedern, die, mitgebracht aus den Kinderzimmern, dem Kindergarten oder der Schule, darauf warten, gesungen zu werden. Das Wahrnehmen der Töne in ihrem Bezug zueinander ist zwingend mit dem Gedächtnis verbunden. Ein Ton, kaum erklungen, verklingt er schon, geht in den nächsten über. In Erinnerung an den vorhergegangenen Klang entsteht die Linie, die Erzählung der Melodie.
Gemeinschaft im Lied
Vor den ersten Notenschriften wurde Musik mündlich überliefert. Sie wurde ins Gedächtnis gepflanzt. Beispielhaft stehen dafür etwa die Mythen und Epen der Antike. Die Odyssee, wie wir sie heute zwischen Buchdeckeln sprichwörtlich auf Distanz halten, um die Wörter zu erkennen, trugen die Menschen der Antike in ihren Köpfen herum. Die Geschichten schliefen in den Körpern und erwachten im Alltag, bei der Arbeit oder wenn sie zum Zwecke ihrer erneuten Erzählung geweckt wurden. Auch die verinnerlichte Melodie gräbt sich ins Gedächtnis. So hat sich das Volkslied ins kulturelle Gedächtnis eingeprägt, weil es gesungen und gepflegt wird, bis die kollektiven Urheber den einzelnen Komponisten vergessen lassen. Das Volkslied besingt die Tragik und die Freuden alltäglicher Dinge. Es entsteht aus dem unmittelbar Erlebten heraus. Musik übersetzt dieses Erleben in ein Spiel. Weil Musik keinen spezifischen Inhalt hat, spiegelt sie das Innere ihrer Hörer selbst. Musik greift in uns ein, weil sie uns etwas in uns zeigt. Sie zwingt uns, ihr und damit uns selbst zu begegnen. Das ist wie ein Vervollständigungsmechanismus. Den einen Teil liefert die Musik, den anderen wir selbst.
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