Inhaltsverzeichnis

Es ist eine Frage, die Tesla-Aktionäre und Analysten seit Wochen beschäftigt: Wann hält der Elektroautohersteller seine nächste Hauptversammlung ab? 2024 war sie im Juni, im Jahr davor im Mai. Aber lange war von Tesla zu dieser Angelegenheit nichts zu hören. Dabei näherte sich das Ende einer Frist. In Texas, wo Tesla seinen Hauptsitz hat, dürfen Unternehmen höchstens 13 Monate zwischen zwei Aktionärsversammlung verstreichen lassen, danach wäre der 13. Juli der spätestmögliche Termin gewesen. Nun hat Tesla ein Datum genannt: Die Veranstaltung soll am 6. November stattfinden, hieß es in einer Mitteilung an die Börsenaufsicht SEC. Das ist ungewöhnlich spät für das Unternehmen.
Und die Ankündigung kam auch erst, nachdem in dieser Woche eine Gruppe von mehr als zwei Dutzend institutionellen Investoren, darunter Pensionsfonds mehrerer amerikanischer Bundesstaaten, einen Brief an den Tesla-Verwaltungsrat geschickt hatte, mit der Aufforderung, sofort ein Datum für die Aktionärsversammlung zu nennen. „Dieser Mangel an Transparenz wirft ernsthafte Fragen nach dem Respekt des Unternehmens für Aktionärsrechte auf“, hieß es in dem Brief.
Aktionärsversammlungen sind ein Instrument der Mitbestimmung. Sie geben den Anteilseignern die Gelegenheit, dem Management oder dem Verwaltungsrat Fragen zu stellen und über unternehmerische Belange abzustimmen, auch wenn dies oft eher eine Formsache ist. Unter besonderen Umständen kommt es vor, dass diese Veranstaltungen gestrichen oder verschoben werden, etwa wenn Unternehmen vor einer Fusion stehen oder sich in größeren finanziellen Schwierigkeiten oder gar einem Insolvenzverfahren befinden. Nichts von alledem scheint auf Tesla zuzutreffen.
Untätiger Verwaltungsrat?
Und gerade in diesem Jahr gäbe es besonders viel Diskussionsbedarf. Teslas Geschäft hat sich dramatisch abgeschwächt, die Verkaufszahlen und der Gewinn sind zuletzt erheblich gefallen. Erst in der vergangenen Woche meldete das Unternehmen für das zweite Quartal einen abermaligen Absatzrückgang um 13 Prozent, nachdem es schon im ersten Quartal ein Minus von 13 Prozent gegeben hatte. Diese Abwärtsentwicklung wird unter anderem mit Vorstandschef Elon Musk in Verbindung gebracht, der mit seinem politischen Engagement zu einer umstrittenen Figur geworden ist.
Teslas Verwaltungsrat ist vorgeworfen worden, den vielen von Musk losgetretenen Kontroversen untätig zuzusehen. Die Tesla-Aktie hat seit Jahresbeginn mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Das Unternehmen hat allerdings an der Börse noch immer eine Marktkapitalisierung von rund 970 Milliarden Dollar und bleibt mit weitem Abstand der am höchsten bewertete Autohersteller der Welt.
Teslas Hauptversammlungen sind üblicherweise sehr harmonische Veranstaltungen, bei denen Musk gefeiert wird wie ein Popstar und nicht allzu viele kritische Stimmen zu hören sind. Das war auch im vergangenen Jahr noch so, obwohl das Unternehmen schon damals mit rückläufigen Verkaufszahlen kämpfte. Musk ging auf den aktuellen Geschäftsalltag aber kaum ein, sondern versuchte, den Blick der Aktionäre mit großen Versprechungen in die Zukunft zu richten. Er sagte, eines Tages werde Tesla an der Börse zehnmal so viel wert sein wie das derzeit wertvollste Unternehmen. Und so, wie er es darstellte, würde diese Bewertung nicht von Teslas Geschäft mit gewöhnlichen Elektroautos kommen, die heute für den größten Teil des Umsatzes stehen.
„Wir lieben Dich, Elon“
Die Aktivitäten rund um autonomes Fahren wie Robotaxis würden nach seinen Worten einmal fünf bis zehn Billionen Dollar wert sein, der humanoide Roboter Optimus, an dem Tesla gerade arbeitet, sogar 20 Billionen Dollar. Die Aktionäre waren begeistert. In einer Frage- und Antwortrunde überschütteten sie Musk mit Schmeicheleien und sagten Dinge wie „Wir lieben Dich, Elon“ oder „Du bist ein Idol“. Die Anteilseigner stimmten zudem für ein umstrittenes und sehr üppiges Gehaltspaket für Musk, das eine Richterin im US-Bundesstaat Delaware zuvor für ungültig erklärt hatte.
Seither hat sich die Ausgangslage aber geändert. Gut einen Monat nach der damaligen Aktionärsversammlung kündigte Musk an, Donald Trump im Wahlkampf zu unterstützen. Er wurde danach zu einer allgegenwärtigen Figur auf der politischen Bühne und trat auch wiederholt mit Trump auf Kundgebungen auf. Nach Trumps Wahl zum amerikanischen Präsidenten wurde er zu einem engen Berater und bekam eine führende Rolle in der Arbeitsgruppe „Department of Government Efficiency“ oder DOGE, die radikale Einschnitte in amerikanischen Behörden durchsetzte. Damit brachte er viele Menschen gegen sich auf, darunter auch einen Teil seiner eigenen Kunden.
Es kam zu einer Welle von Demonstrationen vor Tesla-Geschäften, die bis heute andauert, und Teslas Verkaufszahlen fielen in vielen Märkten der Welt. Vor einigen Wochen kam es zu einem Zerwürfnis zwischen Musk und Trump. Der Tesla-Chef hat sich aus der Regierung verabschiedet. Er hat sich aber nicht ganz aus der Politik zurückgezogen.
„Shut up, Dan“
In der vergangenen Woche hat er angekündigt, eine neue Partei zu gründen, die „America Party“. Er begründete diesen Schritt mit seinem Ärger über ein großes Steuer- und Ausgabengesetz, das gerade verabschiedet worden ist. Ihn stört daran nach eigener Aussage, dass es die Staatsverschuldung der USA erheblich erhöhen könnte. Das Gesetz trifft aber auch Tesla, denn es streicht Förderprogramme für Elektroautos. Damit fallen Steuergutschriften weg, die Käufer von Elektroautos bislang reklamieren können, Und dies gilt als wichtiger Verkaufsanreiz. Musk hat zwar gesagt, ein Wegfall der Förderung würde konkurrierende Hersteller viel härter treffen. Aber angesichts der zuletzt rückläufigen Verkaufszahlen und Marktanteile kann Tesla derzeit jede Hilfe gebrauchen.
Musks Ankündigung, eine eigene Partei zu gründen, kam an den Finanzmärkten nicht gut an. Der Aktienkurs fiel daraufhin zu Wochenbeginn um sieben Prozent. Analyst Dan Ives von Wedbush Securities, der üblicherweise sehr wohlwollend über Tesla spricht und dessen Kursziel noch immer weit über dem gegenwärtigen Kurs liegt, forderte den Verwaltungsrat von Tesla in einem Eintrag auf der Plattform X zum Eingreifen auf. Das Gremium solle Musks politische Aktivitäten beaufsichtigen, und es solle bei der Festlegung eines neuen Gehaltspakets für ihn Bedingungen aufstellen, wie viel Zeit er bei Tesla verbringen sollte. Musk hält offenbar wenig von diesen Anregungen. Er antwortete Ives mit dem Satz: „Shut up, Dan!“ – „Halt den Mund, Dan!“
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.