Thüringen: Ein Land in der demographischen Krise

Thüringen: Ein Land in der demographischen Krise

Bald ist es wieder so weit. Am 20. September ist Weltkindertag. In Thüringen ist er seit 2019 gesetzlicher Feiertag. Der Freistaat ist stolz darauf, auch darauf, dass der Thüringer Friedrich Fröbel den Kindergarten erfunden hat. Und dass die Betreuung von Kindern zwischen Nordhausen und Sonneberg, Eisenach und Gera gut geregelt ist. Geht es um die Zahl neugeborener Kinder, dann sieht es in Thüringen hingegen sehr schlecht aus. Zwar fällt die Geburtenrate in ganz Deutschland seit drei Jahren deutlich. Ostdeutschland und vor allem Thüringen haben allerdings ein besonders großes Problem.

Wer mehr dazu wissen will, kann ein schlichtes Bürogebäude im Norden Erfurts aufsuchen. Dort ist das Landesamt für Statistik untergebracht. Es wird von Holger Poppenhäger geleitet. Der 68 alte Jurist, Mitglied der SPD und aus Hessen stammend, war zuvor Justiz- und Innenminister im Land. Als Präsident des Statistikamtes hält er sich mit politischen Äußerungen zurück. Doch Ende vergangenen Jahres schlug er Alarm. Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Thüringen sei dramatisch, die Geburtenrate abgestürzt und so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Politik müsse angesichts der „Geburtenarmut“ dringend handeln, die CDU-geführte Brombeer-Regierung die Situation zu ei­nem Schwerpunkt ihrer Arbeit machen. Geschehen ist allerdings bisher kaum etwas. Eine Debatte über die Geburtenrate gibt es in Thüringen nicht, ebenso wie im Rest Deutschlands.

Das Thema treibt Poppenhäger weiter um. „Thüringen braucht dringend mehr Kinder“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Zwar sind im vergangenen Jahr rund 4.500 Personen mehr nach Thüringen gezogen, als aus dem Land wegge­zogen sind. Die Zahl der Sterbefälle liegt aber weit höher als die Geburtenzahl, im Saldo kommt ein Minus von rund 18.600 Personen heraus. „Die Bevölkerung nimmt weiter deutlich ab“, so Poppenhäger. In Thüringen, das noch 2,1 Millionen Einwohner zählt, werden die Menschen weniger und älter. Das hat Folgen für die Sozialsysteme, Pflege, Renten, die Innovationsfähigkeit der Gesellschaft. Schon jetzt werden Kindergärten wegen fehlender Kinder geschlossen, als Nächstes sind die Schulen an der Reihe.

Sogar weniger Kinder als 1994

Im vergangenen Jahr hat die Zahl der Geburten im grünen Herzen Deutschlands, wie Thüringen für sich wirbt, einen neuen Negativrekord erreicht. Es wurden rund 11.800 Kinder geboren. Das waren 900 weniger als 1994. Damals wurden gut 12.700 Geburten verzeichnet – bis vergangenes Jahr war das der historische Tiefpunkt. Im Jahr 2016 waren schon wieder 18.500 Kinder auf die Welt gekommen, eine Geburtenrate von 1,63 Kindern pro Frau. Doch diese Zeiten sind vorbei. So lag die Geburtenrate in Thüringen 2023 bei 1,33 Kindern pro Frau, im vorigen Jahr nur noch bei 1,24 – in Gesamtdeutschland waren es 1,35.

„Damit liegt Thüringen zusammen mit Sachsen bei den Flächenstaaten in Deutschland ganz am Ende“, sagt Poppenhäger. Schlusslicht ist Berlin, eine junge Stadt, aber mit wenig Geburten. Ei­ne Kehrtwende ist in Thüringen nicht in Sicht. Im Gegenteil: Es wird noch schlimmer. „Wir haben gehofft, dass wir bezüglich der durchschnittlichen Zahl der geborenen Kinder pro Frau, der sogenannten Total Fertility Rate, im letzten Jahr das Tal erreicht haben. Aber die ersten Monate des Jahres 2025 zeigen, dass noch weniger Kinder geboren wurden als in denselben Monaten 2024“, sagt Poppenhäger und zeigt in einem Schaubild auf eine graue Kurve, die weiter nach unten geht.

In den größten Städten des Landes ist die Geburtenrate besonders niedrig, obwohl dort viele junge Leute wohnen. Im letzten Jahr betrug sie in der Landeshauptstadt Erfurt 1,1 Kinder je Frau, in der Universitätsstadt Jena 1,0 und in Weimar, dessen Bevölkerung durch Zuzug sogar wächst, ebenfalls 1,0. Auf dem Land zeigt sich im Grunde das gleiche Bild, selbst im katholisch geprägten Eichsfeld. Das hatte 2019 eine Geburtenrate von 2,0 Kindern. Damit lag es nah an der Ziffer 2,1, Maß dafür, dass eine Gesellschaft ihre Bevöl­kerung ohne Zuwanderung erhält. Doch das Eichsfeld kam zuletzt nur noch auf die Geburtenrate 1,5. Der Rückgang vollzieht sich also überall.

Die besonders niedrige Zahl neugeborener Kinder in Ostdeutschland hat mit den Wendejahren zu tun. In den letzten Jahren der DDR wurden in Thüringen rund 35.000 Kinder im Jahr geboren. Nach der Wiedervereinigung waren es bis Mitte der Neunzigerjahre weniger als 15.000. Von einer „halbierten Generation“ ist die Rede. Die Geburtenrate, die in der späten DDR 1,5 Kinder betrug, sank zeitweise auf weniger als 0,8 – ein Wert wie in Kriegszeiten. Zudem zogen gut ausgebildete junge Leute in Scharen aus Ostdeutschland fort, nicht zuletzt junge Frauen. In Thüringen verließen von 1991 bis 2023 rund 66.000 Frauen im gebärfähigen Alter das Bundesland.

Im Jahr 1990 lebten in Thüringen rund 1,36 Millionen Frauen, davon waren 40 Prozent im gebärfähigen Alter zwischen 15 und 45 Jahren. Ende 2023 lebten dort nur noch eine Million Frauen, von denen nur 29 Prozent im gebärfähigen Alter waren. Die Zahl der Frauen in Thüringen, so haben die Statistiker in Erfurt errechnet, ging in 33 Jahren um 21 Prozent zurück, die der Frauen im gebärfähigen Alter sogar um 42 Prozent. Dieser Rückgang ist vor allem auf den Geburtenknick zwischen 1991 und 1995 zurückzuführen. Die Frauen der geburtenstarken Jahrgänge aus der DDR-Zeit scheiden seit zwanzig Jahren aus dem gebärfähigen Alter aus, ihnen folgen die Frauen der geburtenschwachen Jahrgänge.

Dass dieses demographische Echo nicht noch stärker ausfiel, hat mit der Zuwanderung nach Deutschland zu tun, die 2014 einsetzte. Die DDR war ein weitgehend ausländerfreier Staat, entsprechend gab es kaum nichtdeutsche Frauen. Ende 2023 machten die nichtdeutschen Frauen in Thüringen durch die Zuwanderung mehr als 14 Prozent aller Frauen im gebärfä­higen Alter aus. Vor allem in den Jahren 2015 und 2016 wirkte sich das auf die Kinderzahl aus. Die Geburtenrate nichtdeutscher Frauen betrug damals in Thüringen knapp 2,4 Kinder je Frau. Das schlug auf die Geburtenrate von 1,6 Kindern durch.

Auch Migrantinnen bekamen weniger Kinder

Die Geburten deutscher Frauen gingen in den folgenden Jahren allerdings so stark zurück, dass die höhere Geburtenrate der Migrantinnen das nicht ausgleichen konnte. Sie bekamen ab 2017 zudem selbst weniger Kinder. Statistik-Chef Poppenhäger ist deshalb skeptisch, dass Zuwanderung das Problem der sinkenden Geburtenraten lösen kann. „Zuwanderung kann zwar kurzfristig die Effekte, dass weniger Kinder geboren werden, in gewissem Maße kompensieren“, sagt er. Aber der Effekt sei nicht nachhaltig, da die nichtdeutschen Frauen sich in Bezug auf die durchschnittliche Kinderzahl sehr schnell den deutschen Frauen angleichen würden.

Was aber sind die Gründe, dass die Geburtenzahl in den vergangenen Jahren so stark sinkt? Oft wird als Grund die Unsicherheit genannt, die Kriege wie in der Ukraine und im Nahen Osten, die Klimakrise oder die Corona-Pandemie hervorrufen. Dazu passt, dass die Geburtenraten in fast allen europäischen Ländern sinken. Allerdings handelt es sich um ein weltweites Phänomen. Die starke Individualisierung des Lebensstils, zu der Kinder und Familie nicht sehr gut passen, ist eine andere mögliche Ursache. Auch ist die Wahl, als Frau bewusst keine Kinder zu haben, in den westlichen Gesellschaften heute stärker akzeptiert als früher.

Letztlich ist es nicht klar, was für die sinkenden Geburtenraten ausschlaggebend ist. „Es wäre gut, Forschungsprojekte aufzulegen, die unter­suchen, worauf diese Zurückhaltung, Kinder zu bekommen, tatsächlich beruht“, sagt Poppenhäger. Nur so könne die Politik notwendige Entscheidungen treffen. Vom Land geförderte Forschungen dazu sind aber nicht vorgesehen, teilt das Erfurter Familienministerium der F.A.Z. mit.

Das Alter bei der Geburt des ersten Kindes

In einem sind sich viele Statistiker und Bevölkerungsforscher allerdings einig, wenn es um die Geburtenrate in Deutschland geht. „Ein Grund für die sinkende Zahl an Kindern ist das gestiegene Alter der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes“, sagt Poppenhäger. Das führe dazu, dass sich die Zeit für ein zweites, drittes oder sogar viertes Kind immer mehr zusammenschiebe. Studien legten nahe, dass es Eltern dann oft nicht mehr gelinge, ihre Kinderwünsche zu verwirklichen, „weil die Zeit dafür ab­gelaufen ist“. So hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden festgestellt, dass der Kinderwunsch junger Menschen in Deutschland bei rund 1,8 Kindern liegt. Der Entschluss, tatsächlich Kinder zu bekommen, wird allerdings derzeit um mehrere Jahre hinausgeschoben.

Was müsste passieren, damit die Entwicklung umgedreht wird? Theoretisch ist die Antwort klar: Es braucht wieder mehr Kinder je Frau. Dafür müssten die Mütter bei der Geburt des ersten Kindes jünger sein, damit mehr Zeit für ein zweites, drittes oder gar viertes Kind da wäre, also der Abstand zwischen den Geburten größer sein könnte. Praktisch hat die Politik in den vergangenen 15 bis 20 Jahren darauf gesetzt, Eltern die Erfüllung des Kinderwunsches zu ermöglichen, indem sie Betreuungseinrichtungen ausgebaut und so die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie vor allem für Frauen verbessert hat. Zudem wurde 2007 das Elterngeld als Lohnersatzleistung eingeführt.

Das alles geschah in der Annahme, dass so die Geburtenrate gesteigert wird. Für einige Jahre hat das anscheinend funktioniert; bis 2021 lag die Geburtenrate zwischen 1,5 und 1,6. Die neue Bundes­familienministerin Karin Prien (CDU), die diese Woche in Thüringen zum Antritts­besuch war, setzt darauf, diesen Weg fortzusetzen. Man wolle das Elterngeld weiterentwickeln, etwas dafür tun, dass die Väter sich mehr an der Elternzeit beteiligen, und die Flexibilität der Arbeitszeit fördern, sagte sie. Zudem sei beim Ausbau der Betreuung noch nicht alles geschafft, etwa wenn es um Ganztagsschulen gehe.

„Vollversorgung bei den Kitas“

Poppenhäger glaubt indes mit Blick auf die Lage in Thüringen, dass das Vereinbarkeitsmodell an sein Ende gekommen ist. „In Thüringen haben wir heute eine Vollversorgung bei den Kitas, eine umfassende Betreuung in der Schule, und die Situation am Arbeitsmarkt ist für Frauen ebenfalls gut. Es ist so gut wie alles getan, wenn es darum geht, die Institutionen möglichst gut auszustatten. Eine entscheidende Wende hat das aber nicht gebracht.“

Was aber lässt sich überhaupt tun? Poppenhäger schlägt vor, die Politik solle wieder mehr an die familienbezogene Förderung denken. „Alleinerziehend mit mehreren Kindern – das ist heute das große Ar­mutsrisiko in Deutschland, das über­wie­gend Frauen, mitunter auch Männer be­trifft.“ Prien entgegnet dazu, dass immer mehr Alleinerziehende den Kinderzuschlag nutzen, der beantragt werden kann, wenn das Einkommen nicht für die ganze Familie ausreicht.

In der Landespolitik ist kein Programm vorgesehen, das die gesunkene Geburtenrate adressiert. Thüringens Familienministerin Katharina Schenk (SPD) sieht den Geburtenrückgang zwar als ein „dringendes Problem“ und eine „bedenkliche Entwicklung“. Die habe aber letztlich ihre Ursachen in den Abwanderungsbewegungen ab den 1990er-Jahren. Es komme also darauf an, „das Abwandern junger Menschen aus Thüringen durch stabile Zukunftsaussichten zu vermeiden“, teilt Schenk der F.A.Z. mit.

Viele Forscher gehen davon aus, dass die öffentliche Debatte um Kinder eine Rolle für die Geburtenarmut spielt. Wenn jede Aufgabe und Einschränkung, die Kinder mit sich bringen, in den sozialen Medien zum großen Problem gemacht würde, schrecke das vom Elternsein ab. „Wichtig wäre aus meiner Sicht, dass es in der Öffentlichkeit wieder eine positive Erzählung zu Familie und Kindern gibt“, sagt auch Statistik-Chef Poppenhäger. Der Tenor müsse sein, dass Kinder eine Chance für die Zukunft und nicht ein Problem seien, das es zu bewältigen gelte. Und er fügt hinzu: „Double Income, No Kids – das darf kein gesellschaftliches Vorbild werden.“

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