
Wer auf TikTok „Get Ready With Me“-Clips in die Timeline gespült bekommt, dem fällt früher oder später auf: Der Jutebeutel ist wieder da. Zu weiten Hosen, oversized Hemden, Perlenketten und Tanktops, die die Gen-Z-Männer heute auf TikTok präsentieren, gehört nicht selten auch ein passender Stoffbeutel – bei Frauen ist es nicht anders. Der Beutel flattert dann meistens ähnlich luftig herum, wie das aufgeknöpfte, etwas zu große Hemd.
Manchmal versteckt er sich auch dahinter – in jedem Fall ist er nicht das it-Piece des Outfits – flotte Sprüche oder aufsehenerregende Logos sind meistens nicht mehr drauf zu sehen. Manch einer dreht das gute Stück gar auf Links, damit kein Logo zu sehen ist. Und oft ist er auch kein klassischer Jutebeutel im Schallplattenformat mehr, mit den weiten Trageschlaufen, die in den Nullerjahren so lässig an den Schultern der Hipster baumelten, sondern eine etwas weitere Variante, aus dickerem Stoff, die mehr Platz bietet.
Wobei, lässig waren die Jutebeutel ehrlich gesagt in den seltensten Fällen: Packte man die Tasche zu voll (zwei Flaschen Sekt reichten dafür schon), schnitten die Träger ganz unangenehm in die Schultern. Beim Tanzen im Club musste man aufpassen, dass sich keine andere Person in den Schlaufen verfing und sich versehentlich die Finger brach. Und wer damit seinen fünf Pfund schweren Laptop zur Uni schleppte, der musste auf gutes Wetter hoffen, denn wasserdicht waren die Stoffbeutel ebenfalls nicht. Warum wurden also diese höllischen, unpraktischen Taschen zum Trendaccessoire der Nullerjahre? Und warum kehren sie jetzt wieder?
2007 mutmaßte Thomas Vitzthum in der Tageszeitung Die Welt, dass der Siegeszug des Stoffbeutels wohl einfach pragmatische Gründe habe: Die engen Röhrenjeans, die zu der Zeit ebenfalls voll im Trend waren, hatten einfach nicht genug Platz in den Hosentaschen: Das Handy (damals kein schlankes Smartphone), Schlüssel, Zigaretten, das alles passte nicht hinein. Eine schicke Designertasche hätte umgekehrt aber auch nicht zum schrabbeligen, vage vom Punk inspirierten Look der Indie-Szene gepasst: Stoffbeutel waren das perfekte Accessoire.
Bedruckt waren sie mit den Logos von Supermärkten, Umweltinitiativen, Baumärkten, Baufirmen, Bands oder später dann, zum Höhepunkt des Hypes mit Motiven von kleinen Indie-Designerinnen – je obskurer, desto besser; oder mit Schnauzbärten und ironischen Sprüchen („Nicht schubsen, ich hab Joghurt in der Tasche“). Die Schlaufen waren stets so lang, dass man sich den Beutel einfach über die Schulter werfen konnte.
Getragen wurde damit alles: Pullover, Jacken und Lippenpflegestifte in die Clubs, Schreibzeug und der Laptop in die Uni, zwei Flaschen Sekt zum netten Abend mit Freunden (wie gesagt: die armen Schultern). Irgendwann wurden sie dann von Turnbeuteln ersetzt, die dem Athleisure-Trend Rechnung trugen und im Club angeblich praktischer waren, aber trotzdem fies in die Schultern schnitten, wenn man sie zu vollpackte. Und schließlich hielt die Bauchtasche Einzug in Bars und auf Tanzflächen, lässig über die Schulter geworfen, sodass sie auf der Brust prangte.
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