Titandioxid-Nanopartikel in Milch und Muttermilch nachgewiesen

Titandioxid-Nanopartikel in Milch und Muttermilch nachgewiesen

Titandioxid ist als Lebensmittelzusatz seit 2022 in der EU verboten, denn diese Nanopartikel gelten als zellschädigend und potenziell krebserregend. Doch über die Umwelt und die Nahrungskette gelangen sie trotzdem in unser Essen und Trinken. Dies bestätigen jetzt Analysen von Milch, Babymilchpräparaten und Muttermilch: In allen untersuchten Proben wiesen Forschende Titandioxid-Nanopartikel nach, teilweise in Konzentrationen von bis zu mehreren Milliarden Nanopartikeln pro Liter. Ob bio oder konventionell machte dabei keinen Unterschied.

Nano-Titandioxid wird in verschiedensten Alltagsprodukten eingesetzt – von Farben über Sonnenmilch und Kosmetika bis zu Arzneimitteln. Bis zum Jahr 2022 wurden diese weißen Nanopartikel auch als Zusatzstoff E171 in Lebensmitteln verwendet – beispielsweise als Aufheller in Kaugummis, Zuckerguss und Fertigsoßen oder als Nanobeschichtung von Schnittkäse und Süßwaren. Doch Studien lieferten in den letzten Jahren immer mehr Indizien dafür, dass die Titandioxid-Nanopartikel gesundheitsschädlich sind. Demnach können sie beim Einatmen und bei oraler Aufnahme tief in Gewebe und Zellen eindringen und Entzündungen, Zellschäden und Krebs auslösen. Sie können sich zudem in Körpergeweben anreichern. Deshalb hat die EU im Jahr 2022 Titandioxid als Lebensmittelzusatz verboten. In anderen Produkten ist es jedoch weiter erlaubt.

Tiermilch, Babymilchpräparate und Muttermilch im Test

Das Problem jedoch: Durch die industrielle Produktion von Titandioxid und seinen massenhaften Einsatz in Farben und Düngemitteln sind diese Nanopartikel längst überall in der Umwelt präsent. Analysen haben sie in Meerwasser, Seen und Flüssen nachgewiesen, aber auch in der Luft, in Böden und sogar vereinzelt im Trinkwasser. Das legt nahe, dass das Titandioxid über die Umwelt auch in die Nahrungskette und damit in unsere Lebensmittel gelangt. Ob das der Fall ist und in welchem Maße, haben nun Forschende um Camille Rivard vom französischen Nationalen Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt (INRAE) am Beispiel von Milch untersucht. „Milch ist ein guter Indikator für die Belastung von Mensch und Nutztieren mit Umweltschadstoffen, aber bisher wurde sie noch nicht auf Titandioxid-Nanopartikel untersucht“, erklärt das Team.

Für ihre Studie sammelten Rivard und ihre Kollegen zunächst Milchproben, die Kuhmilch stammte von verschiedenen konventionell und ökologisch wirtschaftenden Bauernhöfen im Umland von Paris, alle Milchkühe waren Weidegänger mit Kraftfutter-Zufütterung und gehörten verschiedenen Rinderrassen an. Milchpulverproben wurden in mehreren Supermärkten und Online-Shops in Europa gekauft, die Milchpräparate für Babynahrung stammten von sechs Herstellern und umfassten ebenfalls sowohl konventionelle wie ökologische Produkte. Zehn Frauen aus Paris und dem Pariser Umland spendeten für die Untersuchung Muttermilch. Alle Proben wurden mittels Röntgenspektroskopie und Massenspektrometrie mit induktiv gekoppeltem Plasma (ICP-MS) untersucht.

Titandioxid-Nanopartikel in allen Proben

„Wir haben titanhaltige Partikel in allen analysierten Milchproben gefunden“, berichten die Forschenden. Der größte Teil dieser Partikel erwies sich als Titandioxid, dieses war meist in zahlreichen „Hotspots“ innerhalb der Milchproben konzentriert. Im Schnitt hatten rund ein Drittel der Titandioxid-Partikel die Größe von Nanopartikeln, die restlichen waren Aggregate von Nanopartikeln oder Mikropartikel, wie Rivard und ihr Team berichten. Die als gesundheitsschädlich geltenden Titandioxid-Nanopartikel unter 100 Nanometer Durchmesser fanden sich in 100 Prozent der untersuchten Frischmilchproben und in 83 Prozent der Babymilchpräparate – unabhängig davon, ob sie aus konventioneller oder ökologischer Produktion stammten. Die Konzentrationen in Babymilchpräparaten reichten von sechs Millionen bis zu 3,9 Milliarden Titandioxid-Partikeln pro Liter, bei Frischmilch und Milchpulver waren es zwischen 16 und 348 Millionen Titandioxid-Nanopartikel pro Liter.

Auch in Muttermilch wurden Rivard und ihre Kollegen fündig: In den Proben aller zehn stillenden Frauen waren Titandioxid-Nanopartikel enthalten, allerdings variierte die Konzentration stark, wie sie berichten. So enthielt die Muttermilch einiger Frauen bis zu 15-mal mehr Nanopartikel als andere. „Diese Nachweise belegen, dass Titandioxid-Nanopartikel die Brustdrüsenbarriere passieren können“, schreiben die Forschenden. Versuche mit Ratten und Mäusen haben gezeigt, dass neugeborene Jungtiere Organveränderungen, vermindertes Wachstum und Lernbehinderungen entwickelten, wenn sie von Müttern gesäugt wurden, die Titandioxid-Nanopartikeln ausgesetzt waren.

Folgestudien dringend nötig

Nach Ansicht von Rivard und ihren Kollegen sei es daher nun wichtig, die möglichen Folgen der Belastung weiter zu untersuchen. „Unsere Ergebnisse unterstreichen den Bedarf an großangelegten epidemiologischen Studien, um die Belastung von Muttermilch sowie Tiermilch zu bestimmen. Ebenso sollten Zusammenhänge mit der Gesundheit und Entwicklung von Neugeborenen sowie mögliche Langzeitfolgen im Erwachsenenalter untersucht werden“, schreiben sie. In Bezug auf die Ursachen der Kontamination gehen die Forschenden davon aus, dass die Nanopartikel hauptsächlich aus der Umweltstammt – im Falle der Kühe aus Wasser, Böden und Luft. „Beim Menschen können zusätzliche Titandioxidquellen verantwortlich sein, etwa Produkte des täglichen Gebrauchs wie Kosmetika, Zahnpasta, Lebensmittel, Arzneimittel, abblätternde Farben und Lacke an Gebäuden, industrielle Aktivitäten oder Verkehr und Straßenstaub“, erklären die Forschenden.

Quelle: INRAE – National Research Institute for Agriculture, Food and Environment; Fachartikel: Science of The Total Environment, doi: 10.1016/j.scitotenv.2025.180040




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