#Überraschungsfunde im Eismeer

Überraschungsfunde im Eismeer

Welche Lebewesen schwimmen durch die Wassermassen unter dem Eis des Nordpolarmeers? Nicht nur Plankton und kleine Fische – auch größere Räuber sind dort offenbar unterwegs: Kabeljau und Kalmare kommen überraschend weit nördlich vor, zeigen Entdeckungen im Rahmen der MOSAiC-Expedition. Vermutlich bieten diese größeren Fische Meeressäugern und damit letztendlich auch den Eisbären des extremen Nordens Nahrung. Potenzial für die Fischerei sehen die Forscher hingegen nicht und betonen die Bedeutung des Schutzes des vom Klimawandel stark betroffenen arktischen Ozeans.

Es war die größte Arktisexpedition aller Zeiten: Ab Herbst 2019 driftete der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern ein Jahr lang im Meereis eingefroren durch das Nordpolarmeer. An Bord befanden sich Wissenschaftler, die Fragen zur klimatischen Rolle und Entwicklung des hohen Nordens der Erde nachgingen, doch auch die Biologie des eisigen Ozeans stand im Fokus von Forschungsprojekten. Eines war dabei der Erkundung der Fischbestände in der Zentralarktis gewidmet: Bei der 3170 Kilometer umfassenden Drift erfassten Forscher des EFICA-Konsortiums (European Fisheries Inventory in the Central Arctic Ocean) dabei zunächst Informationen durch das Fischerei-Echolot-System der Polarstern.

In den hydroakustischen Daten zeichnete sich ab: In einer 100 bis 600 Meter tiefen atlantischen Wasserschicht des Amundsenbeckens kommen Zooplankton und kleine Fische gehäuft vor. Offenbar kann die vergleichsweise geringe Biomasseproduktion in dem kalten und dunklen Meer diesen Lebewesen dort als Grundlage dienen. Mit einer Tiefseekamera, die unter dem Meereis angebracht wurde, entdeckten die Wissenschaftler dann allerdings, dass es nicht nur kleine Bewohner gibt: Sie fanden große Kalmare (Gonatus fabricii) und Leuchtsardinen (Benthosema glaciale) viel weiter nördlich als bisher bekannt.

Überraschung beim Eisangeln

Doch die größte Überraschung ergab sich beim Angeln mit langen Leinen an Löchern im Eis: Die Wissenschaftler fingen vier große Fische. Erstaunt stellten sie dabei fest, dass es sich bei drei von ihnen um Atlantischen Kabeljau handelte. Diese als Speisefisch bekannte Art war so weit im Norden nicht zu erwarten gewesen und als Küstenfisch schon gar nicht in einem tiefen Meeresbecken, das mehr als 500 Kilometer von jeder Küste entfernt liegt, betonen die Wissenschaftler.

Um mehr über die Fische zu erfahren, wurden später Gewebeproben verschiedenen Analyseverfahren unterzogen. Genetische Vergleiche ergaben, dass der auf der MOSAiC-Expedition in der Zentralarktis gefangene Atlantische Kabeljau aus norwegischen Laichgründen stammt. Aus bestimmten Isotopensignaturen des Körpergewebes eines der Exemplare ging hervor, dass es bis zu sechs Jahre lang in arktischen Wassertemperaturen von minus ein bis zwei Grad Celsius verbracht hat. „Selbst wenn der Atlantische Kabeljau keinen eigenen zentralarktischen Bestand hat, zeigt diese Untersuchung, dass er dort leben kann. Eine kleine Anzahl von Individuen scheint offenbar genug Nahrung zu finden, um über längere Zeit zu überleben“, sagt Erstautorin Pauline Snoeijs Leijonmalm von der Universität Stockholm.

Damit ist nun ein neues Glied in der Nahrungskette des zentralarktischen Ökosystems bekannt geworden – die Ebene der großen Raubfische und Kalmare, sagen die Wissenschaftler. Wie sie erklären, tragen neben den kleineren Fischen somit wohl auch die kontinuierlichen Einwanderungen größerer atlantischer Fische zur Nahrungsgrundlage der dortigen Säugetiere bei. „Die Verfügbarkeit von kleinen und sogar einigen größeren Fischen in der atlantischen Wasserschicht könnte erklären, warum Robben, Walrosse und Eisbären sogar am Nordpol zu finden sind. Sowohl Fische als auch Säugetiere sind sehr selten, aber sie sind da“, sagt Co-Autor Hauke Flores vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

Keine nutzbaren Fischbestände

Beim Stichwort „Kabeljau“ wird natürlich auch die Fischerei-Branche hellhörig. Doch eine Alternative zu den strapazierten Fischgründen im Nordatlantik bietet das Nordpolarmeer nicht, betonen die Forscher. „Dies war zu erwarten, da der zentrale Arktische Ozean sehr niedrige Nährstoffkonzentrationen und eine sehr geringe biologische Produktivität aufweist. Selbst wenn zukünftig mit dem Wasserzufluss aus dem Atlantik mehr atlantische Fische und deren Beutetiere eingeschleppt würden, ist die Kapazität des Ökosystems der Zentralarktis, größere Fischbestände zu ernähren, zweifellos sehr begrenzt“, sagt Snoeijs Leijonmalm. Das Gegenteil von Nutzung ist ihr zufolge deshalb nötig: Es sei von großer Bedeutung, dass dieses empfindliche, aber voll funktionsfähige Ökosystem ähnlich wie die Antarktis einen robusten internationalen Schutz erhält.

Was dies betrifft, gibt es zur Abwechslung einmal erfreuliche Entwicklungen zu verzeichnen. „Normalerweise geht die Ausbeutung neu zugänglicher natürlicher Ressourcen der wissenschaftlichen Forschung und dem Aufbau eines nachhaltigen Managements voraus und international gemeinsam genutzte Fischbestände auf hoher See sind besonders anfällig für Überfischung“, sagt Snoeijs Leijonmalm. Doch im Sinne des Vorsorgeprinzips ist bereits am 25. Juni 2021 ein multinationales Abkommen in Kraft getreten: „Es verhindert für mindestens 16 Jahre jegliche kommerzielle Fischerei und stellt die Wissenschaft an die erste Stelle, indem es wissenschaftliche Bewertungen des Zustands und der Verbreitung möglicher Fischbestände im zentralen Arktischen Ozean und des sie unterstützenden Ökosystems gewährleistet – eine kluge politische Entscheidung und ein guter Anfang auf dem Weg zu einem umfassenden Schutz“, sagt Snoeijs Leijonmalm.

Quelle: Universität Stockholm, Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Fachartikel: Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abj7536

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