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Nach dem Unfall mit drei Todesopfern in einer Gerberei im mittelhessischen Runkel an der Lahn untersuchen die Ermittler, woran die Arbeiter gestorben sind. Die Behörden vermuten, dass sie in einer Grube auf dem Gelände der Gerberei eine Kohlenmonoxidvergiftung erlitten haben.
Eine wichtige Rolle für die Ermittlungen spielen die besonderen Verfahren, die nötig sind, um verderbliche Tierhaut zu haltbarem Leder zu veredeln. In einer Gerberei kommen viele chemischen Produkte zum Einsatz. Die meisten sind nicht gefährlicher als ein starker Haushaltsreiniger, einige bergen aber auch größere Risiken. Die größte Gefahr beim Gerben rührt allerdings nicht von den Chemikalien selbst her, die bei der Herstellung von Leder zum Einsatz kommen, sondern von den Abfällen.
Bei der Bearbeitung der Tierhäute fallen Reste an, die bis zur Entsorgung in einer Klär- oder Abfallgrube zwischengelagert werden. Dieses organische Material beginnt nach einer gewissen Zeit zu gären und zu verrotten. Dabei können sich Kohlenmonoxid, Schwefelwasserstoff und Faulgase bilden, also Substanzen, die hochgiftig sind.
Ein Veredelungsprozess mit 40 Arbeitsschritten
„Die meisten schweren Unfälle in einer Gerberei ereignen sich erst nach dem eigentlichen Herstellungsprozess“, sagt Martin Kleban, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Lederindustrie mit Sitz in Frankfurt. Schwefelwasserstoff, der bei der Verrottung tierischer Abfälle freigesetzt werden kann, sei weltweit der häufigste Grund für tödliche Unfälle beim Gerben. Das Gas ist hochgiftig und kann den Geruchssinn lahmlegen. Unter ungünstigen Umständen merkt man also gar nicht, dass man einer giftigen Dosis ausgesetzt ist.
Die Herstellung von Leder ist ein aufwendiger Prozess mit bis zu 40 Verarbeitungsschritten. Vor der Gerbung werden die Felle eingeweicht, gereinigt, entfleischt, enthaart und in rotierenden Fässern behandelt. Während des Gerbens nehmen die Hautfasern die Gerbstoffe auf. Die rohe Haut wird zu Leder, einem widerstands- und strapazierfähigen Material.

In Deutschland gibt es nicht mehr viele Gerbereien. „Inzwischen ist der Prozess stark industrialisiert“, sagt Kleban. Die meisten Betriebe befinden sich in Regionen, in denen besonders viele Tierhäute anfallen, also in Nord- und Südamerika, China und Indien. Die deutsche Lederindustrie umfasst nach Angaben des Verbands noch mehr als 70 Lederhersteller mit rund 2000 Beschäftigten. Darunter sind zehn industriell arbeitende Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern, zwanzig kleine Unternehmen und 40 bis 50 sehr kleine Betriebe. Damit sei Deutschland der drittgrößte Lederproduzent in Europa, hinter Italien und Spanien.
Die Betriebe hierzulande unterliegen hohen Auflagen. Alle Abwässer werden regelmäßig überprüft, die Unternehmen haben eine eigene Kläranlage oder einen Vertrag mit der kommunalen Kläranlage. In den großen Betrieben falle der Arbeitsschutz jedoch leichter als in kleineren Unternehmen, sagt Kleban. Die Unfallgefahr sei in kleineren Gerbereien größer, denn dort würden die Chemikalien zum Teil nicht automatisiert eingesetzt.
Hohe Auflagen an Umwelt- und Arbeitsschutz
Die im internationalen Vergleich nachhaltige Produktionsweise führt dazu, dass in Deutschland hergestelltes Leder trotz der höheren Kosten noch Abnehmer findet. Die Betriebe hätten sich oft auf Nischen spezialisiert, erläutert Kleban. Sie bürgen beispielsweise für eine besonders hohe Qualität oder umweltfreundliche Herstellung. Viele konzentrieren sich auf das sogenannte Premiumsegment und stellen hochwertiges Möbelleder her oder Leder für die Autoindustrie. Der Betrieb in Runkel, in dem sich der tödliche Unfall ereignet hat, ist auf die Herstellung von Tierfellen als Teppichware und zur Dekoration spezialisiert. Die Tierhäute, die dort verarbeitet werden, stammen beispielsweise von Schäfern oder Jägern aus der Region.
Im Rhein-Main-Gebiet gibt es nur noch eine Handvoll kleinere Gerbereien. Das war früher anders. Insbesondere Offenbach galt als wichtiger Standort der Lederindustrie, mit dem Schwerpunkt auf der Verarbeitung von Feinleder zu hochwertigen Lederwaren. Auch das Restaurant Gerbermühle am Frankfurter Mainufer erinnert an einen alten Standort dieser Branche.
An den Bächen und Mühlen im Taunus gab es ebenfalls zahlreiche Lederfabriken und Gerbereien, etwa in Oberursel, Idstein und Hofheim. In den Siebzigerjahren begann das große Sterben der hiesigen Lederindustrie. Die Betriebe konnten gegen die Konkurrenz im Ausland nicht mehr bestehen, wurden geschlossen und teilweise abgerissen.
Für die Wasserqualität war das immerhin ein Gewinn. Der Schwarzbach, der durch Hofheim und Eppstein fließt und bei Okriftel in den Main mündet, heißt so, weil die zahlreichen Gerbereien an seinem Ufer das Wasser schwarz färbten. In den Fünfzigerjahren galt er als Hessens dreckigstes Gewässer. Die Abwässer der Lederfabriken wurden ungereinigt in den Bach geführt. In einem Bericht in dieser Zeitung wurde der Schwarzbach mit einem „offenen Abwasserkanal“ verglichen. Inzwischen schwimmen dort wieder Forellen.
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