Vom Strand in den Pott

Vom Strand in den Pott

Über das Absperrgitter hinweg schüttelt Alexander Walkenhorst Hände, winkt Bekannten, führt Gespräche und gibt Anweisungen. Wie der Buhmann der deutschen Beachvolleyballszene wirkt der 37-Jährige nicht: Er bekommt Zuspruch für seinen Plan, viele Unterhaltungen enden aber mit einem verständnisvollen „Schade!“

Am liebsten würde Walkenhorst an Tagen wie diesen in Timmendorfer Strand ja gar nicht über Dortmund sprechen: „Das ist, als käme ich mit der Neuen zur Beerdigung der Ex“, scherzt er. Lieber würde er nur schauen – und genießen: Die Sonne strahlt, der Wind pustet, die Wellen schaukeln. Dazu diese feinperlige Ostsee-Luft. Und die Menge hüpft auf und ab in der „Ahmann/Hager“-Arena, benannt nach den Olympia-Medaillengewinnern von Sydney 2000.

Die deutsche Beachvolleyball-Meisterschaft war seit 1993 der Jahreshöhepunkt der kleinen Gemeinde nahe Lübeck. Mit vielen Besuchern, hohen Umsätzen, aufpoliertem Image. Hier baggerten und pritschten spätere Olympiasieger: Kira Walkenhorst und Laura Ludwig, Jonas Reckermann und Julius Brink. Für sie war es das herbeigesehnte Klassentreffen mit Sport, Party und guter Laune.

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Stopp! Walkenhorst sagt: „Das Wort ,Klassentreffen’ kann ich nicht mehr hören.“ Man müsse die Entertainment-Plattform Beachvolleyball weiterentwickeln. „Ich verkaufe Beachvolleyball mit meinem jungen Unternehmen als professionelle erste Liga einer sehr relevanten olympischen Sportart, und dann reden hier alle von Klassentreffen – das geht nicht.“

Wer so spricht, eckt an. Und das tut Walkenhorst, Chef des Düsseldorfer Unternehmens „Spontent“ und bis Ende 2028 Rechteinhaber der Deutschen Meisterschaften. Er hat die German Beach-Tour daraus gemacht, eine Serie, die jeden Sommer in Timmendorf endete. Etwa 750.000 Euro Budget erwirtschaften die fünf Tage an der Ostsee. Die Plätze kosten 150 Euro für alle Tage. Mit den Gewinnen gleicht Walkenhorst Verluste an anderen Orten der Tour aus. Das Seebad an der Lübecker Bucht war also sein wichtigstes Event. Es weiter auszuquetschen, Preise zu erhöhen, wollte Walkenhorst nicht: „Du hättest ein Crème-de-la-Crème-1-a-Turnier hinstellen können, für Leute die es sich leisten können. Das hätte sich gerechnet.“

Streitbarer Macher: der frühere Beachvolleyballspieler Alexander Walkenhorst
Streitbarer Macher: der frühere Beachvolleyballspieler Alexander Walkenhorstdpa

Doch nun sind die Tage des Ostseebades als Beachvolleyball-Epizentrum gezählt. Weil die Arena mit ihren 4500 Sitzplätzen längst zu klein ist – umrahmt von Düne, Ostsee, Seebrücke – wandert das Tour-Finale 2026 nach Dortmund. Obwohl die Stimmung grandios wie nirgends sonst ist – bis spät in den Abend. „Ich selbst habe 14-Mal hier gespielt. Bin 20 und 21 noch deutscher Meister hier geworden. Aus Spielersicht weiß ich, wie besonders es war, hierherzukommen. Aber wir werden es schaffen, dass sie es auch nach Dortmund sagen“, sagt Walkenhorst. Der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) geht den Weg in die Großstadt mit.

Aber Präsident Markus Diekmann sagt auch: „Bisher ist es nur ein Plan.“ Erst 6000, dann bis zu 10.000 Menschen sollen dort Beachvolleyball schauen, auf die Eventfläche, groß wie 55 Fußballplätze, passen 20.000 Menschen – angemessen, findet Walkenhorst: „Wir sind neben Hockey doch die erfolgreichste Teamsportart bei Olympischen Spielen.“

Weicher Boden, wenig Platz, Naturschutz

Walkenhorst zerbrach sich mit Timmendorfs Tourismus-Chef Joachim Nitz den Kopf, wie mehr Fans auf den Tribünen unterzubringen sein könnten. Statiker wurden bemüht, Stadionbau-Fachleute. Aber: weicher Boden, wenig Platz, Naturschutz. Keine Chance.

Zwischen Meer, Düne und Seebrücke eingekeilt: Beachvolleyball am Timmendorfer Strand
Zwischen Meer, Düne und Seebrücke eingekeilt: Beachvolleyball am Timmendorfer Strandpicture alliance

Zuletzt wurden tiefe Spundwände in den Sand gegraben, damit das Meer nicht ins Stadion schwappte. Walkenhorst sagt: „Es wird immer schwieriger, die Tribünen aufzubauen, das Sponsorendorf aufzubauen, weil die Bäume hier immer heiliger werden. Ich verstehe die Emotionalität. Aber wenn ich völlig rational drauf schaue, kann ich mich nicht für Stillstand entscheiden.“

Mackerodt versteht den Weggang nicht

Der frühere Spitzenspieler Frank Mackerodt war Anfang der 90er-Jahre Timmendorfs Wegbereiter. Er versteht den Weggang nicht, sagte den „Lübecker Nachrichten“, das sei, als ginge man mit Wimbledon nach Southampton. Walkenhorst schmunzelt: „Mackerodt hat hier alles aufgebaut. Dem wäre es nicht so leicht gefallen, wegzugehen. Ich sehe anderswo mehr Umsatzpotenziale für die Sportart“.

Die Athleten sehen es differenziert. „Wir blicken zurück auf große Tradition“, sagt Nils Ehlers, „aber zum Wachstum gehört, Risiken einzugehen.“ Karla Borger, 36, verdrückt ein paar Tränen: „Ich verbinde mit Timmendorf so viele gute Erinnerungen. Unglaublich, dass es nun vorbei sein soll.“ Die Furcht ist, dass es in Dortmund mehr um Party, weniger um Sport gehen könnte, ein Trend, der sich im Beachvolleyball ohnehin abzeichnet.

Die letzte Auflage gewinnen Cinja Tillmann und Svenja Müller sowie Lukas Pfretzschner und Sven Winter. Das war es dann für den Traditions-Standort. „Mit Beach geht es hier nicht weiter“, sagt Alexander Walkenhorst. Er hat Timmendorf nicht nur die Deutsche Meisterschaft weggenommen, sondern den Standort gleich ausradiert? Denn auch in den Kalender der Beach-Tour als einfaches Turnier passt Timmendorf nicht mehr. Mut hat er, dieser 206 Zentimeter lange Querkopf.

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