Warum werden Songtexte immer negativer?

Warum werden Songtexte immer negativer?

Die Texte von Liedern spiegeln die Erfahrungen der Songwriter, aber auch gesellschaftliche Trends wider. Eine Analyse zeigt nun, dass die Texte beliebter Chart-Songs seit 1973 zunehmend negative Themen behandeln und mehr stress-bezogene Wörter enthalten Zugleich sind die Liedtexte in den vergangenen 50 Jahren sprachlich weniger komplex geworden – allerdings mit einer möglichen Trendumkehr in den vergangenen zehn Jahren. Nach besonderen Schock-Ereignissen weichen die Musikvorlieben zudem vom langfristigen Trend ab – Menschen bevorzugen dann phasenweise fröhliche Lieder und vermeiden Negativität. Was steckt psychologisch dahinter?

Sehr viele Lieder handeln von der Liebe, aber auch andere emotionale Aspekte unseres Lebens werden oft in Songtexten thematisiert, darunter Trauer, Verlust, Freundschaft und Freiheit. Diese Lyrics spiegeln zunächst wider, was der Künstler beziehungsweise Songwriter beim Schreiben gefühlt hat. Welche der Lieder zu Hits werden und in den Charts landen, verrät aber auch, welche der behandelten Themen die Bevölkerung im Allgemeinen bewegen. Das heißt nicht zwingend, dass die Menschen dieselben Gefühle spüren und Erfahrungen gemacht haben wie die Künstler, aber es zeigt, wovon sie gerne hören wollen.

Was dahinter steckt und welche Trends sich dabei zeigen haben nun Forschende um Maurício Martins von der Universität Wien untersucht. Mithilfe von Sprachsoftware analysierten sie die Texte der beliebtesten englischsprachigen Songs in den Vereinigten Staaten, die in den vergangenen 50 Jahren wöchentlichen auf der Billboard Hot 100 gelistet waren. Zwischen 1973 und 2023 waren dies 20.186 Songs.

Lyrics drücken immer öfter Stress aus

Der Vergleich ergab: Die Texte der populärsten Lieder sind im Laufe der Zeit sprachlich einfacher, aber auch negativer geworden. Zudem enthielten die Lyrics immer mehr stressbezogene Wörter. Parallel dazu wurden auch Nachrichten in Medien und Belletristik-Bücher immer negativer und mehr Menschen litten unter diagnostizierten Depressionen und Angstzuständen, wie aus früheren Studien bekannt ist. Das Team um Martins sieht sich daher darin bestätigt, dass die beobachtete Entwicklung der Songtexte in den vergangenen 50 Jahren die Gemütslage und mentale Gesundheit der Menschen widerspiegelt. Ihrer Ansicht nach zeigt die Auswertung, dass Menschen durch Musik ihre Emotionen und Stress verarbeiten.

Aber welche Faktoren beeinflussen, welche Songtexte wir bevorzugen? Einen Zusammenhang mit dem Einkommen und persönlichen Wohlstand konnten Martin und seine Kollegen anhand des Datensets aus den USA nicht feststellen. Die wirtschaftliche Lage scheint demnach keine direkte Rolle bei der Musikwahl zu spielen. Indirekt allerdings doch: „Faktoren wie Arbeitsplatzsicherheit, Lebenshaltungskosten oder die Wahrnehmung von Medienberichten können die Wahrnehmung der eigenen finanziellen Stabilität erheblich beeinflussen, selbst in Zeiten allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs“, schreiben die Psychologen. „Beispielsweise können in Zeiten des Wirtschaftswachstums zunehmende Ungleichheit oder lokale wirtschaftliche Schwierigkeiten trotzdem zu weit verbreiteten Gefühlen der Unzufriedenheit oder des Stresses führen.“

Auf Schocks folgen komplexere und fröhlichere Lieder

Die Psychologen stellten aber auch fest, dass unter den beliebtesten Liedern seit 2016 wieder zunehmend komplexere Texte zu finden sind, allerdings mit weiterhin zunehmend stressbezogenen Wörtern. Das prägendste Ereignis für US-Amerikaner war in diesem Jahr die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten. Warum sich der Lyrics-Trend seither verändert hat und ob politische Entwicklung der USA direkt oder indirekt daran beteiligt war, ist allerdings noch unklar und muss weiter erforscht werden.

Die Forschenden identifizierten jedoch zwei andere Ereignisse, infolge derer das Stressniveau in der amerikanischen Bevölkerung stieg – die Terroranschläge vom 11. September 2001 und der Beginn der Covid-19-Pandemie im Jahr 2020. Erstaunlicherweise wurden die Liedtexte daraufhin jedoch nicht negativer und simpler, sondern komplexer und positiver und enthielten weniger stressbezogene Wörter. Das deutet daraufhin, dass Menschen in stressigen Phasen fröhlichere Musik mit positivem und komplexem Text als Form des Eskapismus nutzen, wie das Team erklärt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Studie zu Lyrics aus Japan. Allerdings hielten diese Vermeidungs-Phasen nur einige Wochen oder Monate an, solange der Schock nachwirkte. Anschließend setzte sich der langjährige Trend fort, sich über die Musik mit den problematischen Themen zu beschäftigen, wie die Analysen belegen.

Insgesamt zeigt die Studie, dass sich anhand der Songtexte die Grundstimmung eines Landes über die Zeit nachverfolgen lässt. „Unsere Ergebnisse stützen die Annahme, dass Musik eine doppelte Rolle bei der kollektiven Stimmungssteuerung spielt und je nach Kontext und Intensität der gesellschaftlichen Emotionen sowohl der Stimmungssteuerung als auch der Stimmungsregulierung dient“, schreibt das Team. Allerdings betonten die Psychologen auch, dass ihre Studie nur Mainstream-Musik beinhalte, keine Subkulturen und Genres wie Hip-Hop, Punkrock oder Heavy Metal, die abseits der Charts frühe Erfolge in Clubs und auf Konzerten feierten.

Quelle: Markus Foramitti (Universität Wien) et al.; Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-025-28327-5

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.

Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Wissenschaft kategorie besuchen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert