Inhaltsverzeichnis
„Was sollen die Akt-Darstellungen im Kleiderbuch?“
Mode hat es immer schon gegeben. Jedenfalls behauptete dies Georg Simmel 1905 in seinem klassischen Text zur „Philosophie der Mode“. In ihr verdichte sich die grundlegende Spannung von „Egalisierungs- und […] Individualisierungstrieb“ der Menschen, das Bedürfnis nach sozialer Anlehnung versus individueller Abgrenzung. Simmels Vorstellung von sozialen „Klassenmoden“ besagt, dass die unteren Schichten gerade im Bereich der Kleidung durch „bloßen Geldeinsatz“ und billigeres Imitat die höheren Stände nachahmen können. Daraus folge eine Dynamik des schnellen Wandels, des Sich-Überbietens und Sich-Absetzens: „Die Lebensbedingungen der Mode als einer durchgängigen Erscheinung in der Geschichte unserer Gattung sind hiermit umschrieben.“
Wenn es freilich Mode immer schon gegeben hat, wie lässt sich dann von der „Geburt der Mode“ sprechen? Unter diesem Titel liegt jetzt eine umfangreiche, reich bebilderte „Kulturgeschichte der Renaissance“ von Ulinka Rublack vor, die bereits 2010 auf Englisch erschienen ist. Im Original heißt das Buch wesentlich vorsichtiger „Dressing Up. Cultural Identity in Renaissance Europe“. Tatsächlich bewegen sich die Thesen Rublacks zwischen beiden Titelversionen: Untersucht wird Mode als soziale „symbolische Praxis“.
Das neuzeitliche Interesse am Ich
Es geht um Kleidung als Form von Aneignung, Ausdruck und Absicherung einer bestimmten Vorstellung vom Selbst in der Gesellschaft. Es geht um ein Markieren oder Reklamieren von „kultureller Identität“, aber auch um ein Bedürfnis nach dem „materiellen Ausdruck neuer Gefühlswelten“ und um eine neue Lust am Konsum. Diese „symbolische Praxis“ erfuhr in der Renaissance eine entscheidende Intensivierung und Beschleunigung. So sah etwa eine 1596 in Leipzig erlassene Kleiderordnung frustriert von detaillierten Vorschriften ab, gäbe es doch „fast nichts gewisses anzuordnen vnnd fürzuschreiben, alldieweil die Trachten vnd der Zeug bey der Deutschen Nation fast alle Jar vnd also von der einen zur andern sich verändern“. Insgesamt konzentriert sich Rublack auf die Situation im „frühmodernen Deutschland“. Damit eröffnet sie eine neue Perspektive, haben doch zumindest Deutschlands reformierte Gebiete im sechzehnten. Jahrhundert bislang nicht als Mode-Hotspots gegolten.
Ulinka Rublack: „Die Geburt der Mode“. Eine Kulturgeschichte der Renaissance.
:
Bild: Klett-Cotta Verlag
Rublacks Buch liefert also keine Entwicklungsgeschichte der Kleiderstile im Zeitraum von 1300 bis 1600. Es untersucht nicht systematisch die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, herstellungstechnischen oder ästhetischen Transformationen und Gründe, warum neue, aufwendige, schnell wechselnde Kleidung in frühmodernen deutschen Landen so wichtig wurde. Und es vergleicht nicht eingehender mit anderen europäischen Mode-Szenen in Italien, Frankreich, Spanien, Burgund oder den Niederlanden. Das Buch konzentriert sich auf eine Reihe außergewöhnlicher Bild- und Textzeugnisse zum Phänomen Mode, die zwischen Straßburg, Augsburg, Nürnberg, Leipzig und Frankfurt/Oder entstanden sind. Man könnte sagen, es geht um die neuen Paratexte und Parabilder von Mode im sechzehnten Jahrhundert.
Ein respektvoller Blick auf den Anderen vor 500 Jahren
Den Auftakt macht das bekannte, spektakuläre Bilderbuch, das der Augsburger Bürgersohn und Buchhalter der Fugger, Matthäus Schwarz (1496–1574) mit dreiundzwanzig Jahren 1520 anzulegen begann, parallel zu einer heute verlorenen Autobiographie „Der welt Lauf“. In dem Manuskript (heute in Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum) lässt Schwarz sich bis zu seinem Tod mit seinen zu wichtigen Anlässen erworbenen Kleidern abbilden, teils im Abstand von nur einem Monat. Die genau datierten 137 Momentaufnahmen dieses vestimentären Lebenslaufs erinnern unweigerlich an heutige selfies auf einer time-line. Allerdings verlangten die von professionellen Malern gefertigten ganzfigurigen Porträts einen erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Außerdem ließ Schwartz seine Kindheit und Jugend rückblickend darstellen. Und im Unterschied zu heutigen Sozialen Medien ist darüber nur zu spekulieren, für welches Publikum das „klaydungsbuechlin“ eigentlich gedacht war. Dass sein Sohn Veit das Mode-Projekt dann mit einer eigenen illustrierten Autobiographie fortführte, belegt jedenfalls die Bedeutung innerhalb der Familie.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.