#Was wirklich zählt in der Politik

Was wirklich zählt in der Politik

Warum durfte Laschet nicht lachen, Steinmeier aber schon? Nun, natürlich darf jeder lachen, wo und wie er will. Aber der Preis ist doch sehr unterschiedlich. Armin Laschets Lacher ist bestens bekannt geworden. Der Kanzlerkandidat selbst nannte im Gespräch mit dieser Zeitung auf die Frage nach seinem größten Fehler im Wahlkampf das Lachen im Flutgebiet.

Reinhard Müller

Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

Und in der Tat: Das Bild, das kurze Filmchen ging um die halbe Welt. La­schet mit Entourage, von der aber nicht jeder lacht, und im Kreis von Politikern aus der Region, wie er sich geradezu krümmt vor Lachen. Der Tenor war eindeutig: Peinlich, der Unionspolitiker, der doch Kanzler werden wolle, wisse nicht, wie man sich benehme, insbesondere in ei­nem Katastrophengebiet. Unprofessionell, da doch jedem klar gewesen sein müsse, dass Kameras auch auf den Kandidaten gerichtet seien. Eine Verhöhnung der Opfer geradezu. Nur ganz we­nige erfahrene Katastrophenbekämpfer warfen ein, dass auch solche Reaktionen unter Helfern nicht gerade unnatürlich seien. Gut, aber ein Kanzlerkandidat muss doch Haltung bewahren!

Laschet konnte nichts richtig machen

Aber warum sprach kaum jemand über Steinmeiers Lacher? Ein oft gehörtes Ar­gument: Laschet habe seinerzeit für das wichtigste Amt kandidiert, Steinmeier sei ja schon im Amt. Wohl wahr – aber Steinmeier ist Staatsoberhaupt. Sein Amt ist geradezu das des Würdenträgers und Haltungswahrers schlechthin. Seine Aufgabe ist vor allem die Repräsentation. Dass er, der Deutschland repräsentiert, nun in genau derselben Lage wie La­schet, sogar noch im Gespräch mit derselben Kommunalpolitikerin, sich zwar nicht bog, aber doch herzhaft lachte, müsste mindestens ebensolche Empörung hervorrufen – zumal sich auch Steinmeier im Wahlkampf befand: in seinem eigenen um die zweite Amtszeit.

Doch nichts dergleichen. Alle Rohre auf Laschet. Nicht auf die Handlung, nicht auf das Missgeschick kommt es an, sondern auf den, der in den Fettnapf tritt, auf sein Standing, den aktuellen medialen Wert, natürlich auch auf seine Reaktion, seinen Umgang, seine Öffentlichkeitsarbeit.

Was wirklich zählt: Hauptsache gut verpackt


Was wirklich zählt: Hauptsache gut verpackt
:


Bild: dpa

Laschet hat einiges falsch gemacht – er konnte in den Augen vieler aber auch nichts richtig machen. Anders als der schon qua Amt über den Wassern schwebende Steinmeier, anders aber auch als Olaf Scholz. An ihm perlte alles ab, das an Laschet ewig geklebt hätte. Die Cum ex-Affäre ist dafür nur ein Beispiel: Dieser Zeitung sagte er im Wahlkampf auf die Frage, wann ihm klar gewesen sei, dass diese Art von Geschäften nicht rechtens waren: Schon immer. Und auf die Frage nach seinen Erinnerungslücken, was Gespräche mit Bankern in dieser An­gelegenheit angeht, erwiderte er, der Fragesteller könne sich doch auch nicht an alle möglichen Gespräche in der Vergangenheit erinnern.

Wohl wahr, aber die wenigsten haben Stäbe, und Protokolle zur Verfügung, mit denen man sein Ge­dächtnis auffrischen kann – und können muss. Und was immer man von der Durchsuchung des Scholz-Ministeriums durch die Staatsanwaltschaft halten mag: Kaum ein anderer hätte das so unbeschadet überstanden. Die Erklärung auch hier: Es kommt auf die Person an. Und ge­gen eine Wechselstimmung kommt man nicht an.

Bei Merkel wurde nicht so tief gebohrt

Auch an Angela Merkel ist vieles abgeprallt. Sie ist freilich auch tief getroffen worden. Mit Kritik an ihr wurde wahrlich nicht gespart. Bemerkenswert bleibt aber der oft durchgehend geäußerte Respekt vor ihrem skandalfreien Leben, ihre un­prätentiöse, bescheidene Art. Alles richtig, aber doch auch nicht ganz: Wurde wo­möglich gerade bei ihr nicht so tief ge­bohrt wie bei anderen? Klar, sie ließ niemanden zu sich in die Privaträume, konnte auch deshalb ihre Sphäre verteidigen. Zudem hielt ihre engste Entourage eisern dicht. Fast nichts, und schon gar nichts Substantielles drang über ihr engstes Um­feld nach draußen; ihre beiden wichtigsten Mitarbeiterinnen begleiten sie fortan auch im Kanzlerin-Ruhestand.

Bescheiden, unprätentiös? Im Auftreten auf jeden Fall, nicht aber in der Hinsicht, dass selbst ihr Auftritt, ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit etwa egal gewesen wären. Ganz im Gegenteil. So souverän sie war und wirkte, so sehr interessierte sie, ob jemand etwas über sie schrieb, was über sie geschrieben wurde; sie ließ gelegentlich anrufen, wenn sie kleine Fehler zu entdecken glaubte. Eine exzellente Öffentlichkeitsarbeiterin. Na­türlich nicht im Sinne klassischer PR für irgendwelche Projekte. Merkel hatte ja gar keine. Aber ohne dass man ihr Schauspielkunst vorwerfen kann: Sie wusste, was zählt. Wenn sie Journalisten persönlich Kaffee einschenkt, dann ist das wirksamer als tausend Reden und Mittei­lungen.

Merkel hat es auch geschafft, dass ihr Leben in der DDR, das ja keineswegs kurz war, nicht besonders breit thema­tisiert wurde. Einige Ungereimtheiten über Systemnähe, die bei Lichte betrachtet niemandem vorgeworfen werden können, die sie aber selbst auch nicht aus­räumen konnte oder wollte, wären bei an­­deren wohl stärker ins Licht gerückt worden.

Angela Merkel hat sich am Ende be­sonders pikiert gezeigt, dass sie einmal als angelernte Bundesdeutsche bezeichnet worden war: Zieht man einmal die Überheblichkeit ab, die in einer solchen Formulierung zum Ausdruck kommt: Wie so viele war sie zwar stets Deutsche, aber eben keine gelernte Bundesdeutsche, weil sie viele Jahre eben nicht in der Bundesrepublik verbracht hat und deshalb deren Gebräuche und „Codes“ nicht kannte, nicht kennen konnte. Doch wenn ein Kennzeichen der „Wessis“ die Selbstdarstellung ist – da konnte Merkel auf ihre ganz eigene Art mehr als mithalten.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.

Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.

Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert