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„Was wirklich zählt in der Politik“
Warum durfte Laschet nicht lachen, Steinmeier aber schon? Nun, natürlich darf jeder lachen, wo und wie er will. Aber der Preis ist doch sehr unterschiedlich. Armin Laschets Lacher ist bestens bekannt geworden. Der Kanzlerkandidat selbst nannte im Gespräch mit dieser Zeitung auf die Frage nach seinem größten Fehler im Wahlkampf das Lachen im Flutgebiet.
Und in der Tat: Das Bild, das kurze Filmchen ging um die halbe Welt. Laschet mit Entourage, von der aber nicht jeder lacht, und im Kreis von Politikern aus der Region, wie er sich geradezu krümmt vor Lachen. Der Tenor war eindeutig: Peinlich, der Unionspolitiker, der doch Kanzler werden wolle, wisse nicht, wie man sich benehme, insbesondere in einem Katastrophengebiet. Unprofessionell, da doch jedem klar gewesen sein müsse, dass Kameras auch auf den Kandidaten gerichtet seien. Eine Verhöhnung der Opfer geradezu. Nur ganz wenige erfahrene Katastrophenbekämpfer warfen ein, dass auch solche Reaktionen unter Helfern nicht gerade unnatürlich seien. Gut, aber ein Kanzlerkandidat muss doch Haltung bewahren!
Laschet konnte nichts richtig machen
Aber warum sprach kaum jemand über Steinmeiers Lacher? Ein oft gehörtes Argument: Laschet habe seinerzeit für das wichtigste Amt kandidiert, Steinmeier sei ja schon im Amt. Wohl wahr – aber Steinmeier ist Staatsoberhaupt. Sein Amt ist geradezu das des Würdenträgers und Haltungswahrers schlechthin. Seine Aufgabe ist vor allem die Repräsentation. Dass er, der Deutschland repräsentiert, nun in genau derselben Lage wie Laschet, sogar noch im Gespräch mit derselben Kommunalpolitikerin, sich zwar nicht bog, aber doch herzhaft lachte, müsste mindestens ebensolche Empörung hervorrufen – zumal sich auch Steinmeier im Wahlkampf befand: in seinem eigenen um die zweite Amtszeit.
Doch nichts dergleichen. Alle Rohre auf Laschet. Nicht auf die Handlung, nicht auf das Missgeschick kommt es an, sondern auf den, der in den Fettnapf tritt, auf sein Standing, den aktuellen medialen Wert, natürlich auch auf seine Reaktion, seinen Umgang, seine Öffentlichkeitsarbeit.
Was wirklich zählt: Hauptsache gut verpackt
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Bild: dpa
Laschet hat einiges falsch gemacht – er konnte in den Augen vieler aber auch nichts richtig machen. Anders als der schon qua Amt über den Wassern schwebende Steinmeier, anders aber auch als Olaf Scholz. An ihm perlte alles ab, das an Laschet ewig geklebt hätte. Die Cum ex-Affäre ist dafür nur ein Beispiel: Dieser Zeitung sagte er im Wahlkampf auf die Frage, wann ihm klar gewesen sei, dass diese Art von Geschäften nicht rechtens waren: Schon immer. Und auf die Frage nach seinen Erinnerungslücken, was Gespräche mit Bankern in dieser Angelegenheit angeht, erwiderte er, der Fragesteller könne sich doch auch nicht an alle möglichen Gespräche in der Vergangenheit erinnern.
Wohl wahr, aber die wenigsten haben Stäbe, und Protokolle zur Verfügung, mit denen man sein Gedächtnis auffrischen kann – und können muss. Und was immer man von der Durchsuchung des Scholz-Ministeriums durch die Staatsanwaltschaft halten mag: Kaum ein anderer hätte das so unbeschadet überstanden. Die Erklärung auch hier: Es kommt auf die Person an. Und gegen eine Wechselstimmung kommt man nicht an.
Bei Merkel wurde nicht so tief gebohrt
Auch an Angela Merkel ist vieles abgeprallt. Sie ist freilich auch tief getroffen worden. Mit Kritik an ihr wurde wahrlich nicht gespart. Bemerkenswert bleibt aber der oft durchgehend geäußerte Respekt vor ihrem skandalfreien Leben, ihre unprätentiöse, bescheidene Art. Alles richtig, aber doch auch nicht ganz: Wurde womöglich gerade bei ihr nicht so tief gebohrt wie bei anderen? Klar, sie ließ niemanden zu sich in die Privaträume, konnte auch deshalb ihre Sphäre verteidigen. Zudem hielt ihre engste Entourage eisern dicht. Fast nichts, und schon gar nichts Substantielles drang über ihr engstes Umfeld nach draußen; ihre beiden wichtigsten Mitarbeiterinnen begleiten sie fortan auch im Kanzlerin-Ruhestand.
Bescheiden, unprätentiös? Im Auftreten auf jeden Fall, nicht aber in der Hinsicht, dass selbst ihr Auftritt, ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit etwa egal gewesen wären. Ganz im Gegenteil. So souverän sie war und wirkte, so sehr interessierte sie, ob jemand etwas über sie schrieb, was über sie geschrieben wurde; sie ließ gelegentlich anrufen, wenn sie kleine Fehler zu entdecken glaubte. Eine exzellente Öffentlichkeitsarbeiterin. Natürlich nicht im Sinne klassischer PR für irgendwelche Projekte. Merkel hatte ja gar keine. Aber ohne dass man ihr Schauspielkunst vorwerfen kann: Sie wusste, was zählt. Wenn sie Journalisten persönlich Kaffee einschenkt, dann ist das wirksamer als tausend Reden und Mitteilungen.
Merkel hat es auch geschafft, dass ihr Leben in der DDR, das ja keineswegs kurz war, nicht besonders breit thematisiert wurde. Einige Ungereimtheiten über Systemnähe, die bei Lichte betrachtet niemandem vorgeworfen werden können, die sie aber selbst auch nicht ausräumen konnte oder wollte, wären bei anderen wohl stärker ins Licht gerückt worden.
Angela Merkel hat sich am Ende besonders pikiert gezeigt, dass sie einmal als angelernte Bundesdeutsche bezeichnet worden war: Zieht man einmal die Überheblichkeit ab, die in einer solchen Formulierung zum Ausdruck kommt: Wie so viele war sie zwar stets Deutsche, aber eben keine gelernte Bundesdeutsche, weil sie viele Jahre eben nicht in der Bundesrepublik verbracht hat und deshalb deren Gebräuche und „Codes“ nicht kannte, nicht kennen konnte. Doch wenn ein Kennzeichen der „Wessis“ die Selbstdarstellung ist – da konnte Merkel auf ihre ganz eigene Art mehr als mithalten.
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