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#Wenn der Bär beißt

Wenn der Bär beißt

„Das Ereignis an diesem 25. August ist nicht: Irgendwo in den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an. Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich, und die Grenzen zwischen den Welten implodieren. Nicht nur die physischen Grenzen zwischen Mensch und Tier, die bei ihrem Zusammenstoß Breschen in ihrem Körper und ihrem Kopf aufreißen. Es ist auch die Zeit des Mythos, die die Realität einholt; der Traum, der sich verkörpert.“

So heißt es in Nastassja Martins eindringlichem Überlebensbericht „An das Wilde glauben“. Der Angriff des Bären auf den vulkanischen Hochebenen der russischen Halbinsel wird der jungen Anthropologin und Schriftstellerin zum Anlass klugen Nachdenkens über unser Zusammenleben mit der Vielfalt an Wesen auf diesem Planeten. Nach einer langwierigen Genesungsgeschichte und mehreren Operationen in russischen und französischen Krankenhäusern kehrt sie an den Ort des Ereignisses zurück und beginnt, darüber zu schreiben.

Die Traumwelt greift in die Wirklichkeit ein

Dem Resonanzrahmen des Lebens will Martin entkommen, als sie während ihrer Feldforschungen bei den Ewenen von Itscha mit zwei Begleitern ins vulkanische Hochgebirge aufbricht. Das Bedürfnis nach Leere, auch der gedanklichen, treibt sie an. Sie will sich von den Sinnzusammenhängen der Zeichen befreien und erhofft sich von den Gletscherwüsten des Kljutschewskoi neue Denkanstöße. Dieses Ansinnen hat Tradition. Schon seit dem Zeitalter der Industrialisierung projizierten stadt- und zivilisationsmüde Menschen ihre Sehnsucht nach Reinheit und Authentizität immer wieder auf den Norden. Nur taugt die gebändigte skandinavische Natur heute kaum noch zur Erfüllung dieser Sehnsucht, weshalb es Martin wohl zunächst nach Alaska und dann ins entfernteste Sibirien zog. Spezialisiert auf die Erforschung der Kosmologie und Bräuche indigener Völker, lebte Martin, eine Schülerin Philippe Descolas, einige Monate mit den Ewenen von Itscha zusammen, einem der letzten indigenen Völker Sibiriens. Aber erst der Zusammenprall mit dem Bären eröffnet tatsächlich die ersehnte semantische Leere.

Nastassja Martin: „An das Wilde glauben“


Nastassja Martin: „An das Wilde glauben“
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Bild: Verlag Matthes & Seitz

Schon vorher hatte Martin wiederholt Träume, in denen Bären eine Rolle spielten. Für die Ewenen ist das nichts Ungewöhnliches. Die Jägerin Darja und ihr Sohn Iwan, die die Forscherin in ihrer Waldhütte aufgenommen haben, verstehen Träume als Möglichkeit, mit den anderen Wesen der Wälder in Kontakt zu treten. Sobald die Anderswelt jedoch auch physisch ins menschliche Dasein einbricht, verschwimmen die Grenzen. Körper und Psyche des Menschen, der eine solche Begegnung überlebt, verändern sich existentiell. Die Traumwelt greift in die Wirklichkeit ein.

Ein kalter Krieg, ausgetragen im Körper der Patientin

Nun ist Nastassja Martin einerseits Wissenschaftlerin genug, Distanz zu ihrem Gegenstand zu wahren, und hat andererseits einen wachen schriftstellerischen Blick für das literarische Potential ihrer Geschichte, um es in einer reflektierten und dabei äußerst anschaulichen und atmosphärisch dichten Erzählweise voll ausschöpfen zu können. So entsteht eine fesselnde Annäherung, ein lebendiger literarischer Bericht, eine essayistisch-philosophische Auseinandersetzung mit ihrer inneren und äußeren Verwandlung, die sich jeder Genrebezeichnung entzieht.

Das Buch beginnt, als Martin blutüberströmt und mit schweren Kopfverletzungen von einem russischen Armeehubschrauber zunächst zu einer Militärbasis geflogen wird, wo eine alte Frau notdürftig die Wunden versorgt. Mit einem Eispickel hatte Martin sich erfolgreich gegen den Bären gewehrt, der ihr ins Gesicht und in den Kopf biss und mit einem Stück ihres Unterkiefers die Flucht antrat. Am nächsten Tag wird sie in ein Krankenhaus im sibirischen Petropawlowsk verlegt. Hier beginnt eine abenteuerliche, groteske und oft schmerzhafte Heilungsgeschichte, die Martin sehr plastisch schildert: Da ist der russische Chirurg mit seinen Goldzähnen und Goldkettchen und dem Harem von Krankenschwestern, die ihm nachts sexuell zur Verfügung stehen, während die Kranke nach einem Luftröhrenschnitt nackt an ein Bett gefesselt ist und von einer unzufriedenen jungen Krankenschwester brutal zwangsernährt wird. Da sind später die französischen Ärzte der Salpêtrière, die sie aus Angst vor russischen Keimen zunächst unter Quarantäne stellen, um dann die russische Platte in Martins Unterkiefer schnellstmöglich gegen eine angeblich feinere westliche Platte auszutauschen. Die Ironie daran: Ein französischer Krankenhauskeim verursacht daraufhin eine gefährliche Entzündung, die zu weiteren Operationen zwingt. Ein kalter Krieg, ausgetragen im Körper der Patientin.

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