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#Wie sieht angemessenes Gedenken aus?

Wie sieht angemessenes Gedenken aus?

Das Regierungsviertel im Zentrum von Oslo ist seit ein paar Monaten eine große Baustelle. Zehn Jahre nach den Anschlägen vom 22. Juli 2011, als der Rechtsextreme Anders Behring Breivik zuerst eine Autobombe vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten in der norwegischen Hauptstadt zündete und danach auf der rund 40 Kilometer entfernten Insel Utøya unter den Teilnehmern des Sommerlagers der norwegischen Jusos ein Massaker mit 69 Todesopfern anrichtete, hat der Neubau der damals vom Terror in Mitleidenschaft gezogenen Ministerien begonnen. Endlich, sagen viele Norweger, die der langen Debatten über das Für und Wider überdrüssig geworden sind. Schrecklich, sagen andere, die mehr vom Alten erhalten wissen wollten, gegen den Abriss der beschädigten Gebäude demonstriert haben und in den Plänen für die Neubauten eine allzu glatte, geschichtsvergessene Architektur erkennen.

Wie hier, mitten in Oslo, eines Tages die Erinnerung an das Attentat und seine Opfer einen Ort finden soll, ist noch immer nicht entschieden. Es war der schlimmsten Ausbruch von Gewalt seit dem Zweiten Weltkrieg in Norwegen. Wenn an diesem Donnerstag die Spitzen von Staat und Gesellschaft, die Überlebenden und Hinterbliebenen anlässlich des zehnten Jahrestags zu Gedenkveranstaltungen zusammenkommen, werden die Gespräche auch darum kreisen.

Erinnerung bis heute eine politische Angelegenheit

Die offene Frage nach der Gestaltung eines künftigen nationalen Mahnmals, das im Grundsatz schon längst beschlossene Sache ist, spiegelt die Tatsache wider, dass die offizielle Form der Erinnerung an jenen Tag vor zehn Jahren in Norwegen bis heute eine politische Angelegenheit und mithin umstritten ist. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Attentäter es ausdrücklich auf die sozialdemokratische Arbeiterpartei und ihre Mitglieder abgesehen hatte. Er sah in ihnen Wegbereiter einer schrankenlosen muslimischen Einwanderung nach Norwegen. Die Arbeiterpartei, der unmittelbar nach den Anschlägen zunächst eine Welle von Mitleid und Sympathie entgegenkam, wurde zwei Jahre später als Regierungspartei abgewählt. Jens Stoltenberg, damals Ministerpräsident und für seine klugen, bewegenden Worte direkt nach den Anschlägen in aller Welt bewundert, verlor seinen Posten und wechselte als Nato-Generalsekretär nach Brüssel. Sprachlosigkeit machte sich breit.

Ort der Erinnerung und der Zukunft: Die Insel Utøya in Norwegen.


Ort der Erinnerung und der Zukunft: Die Insel Utøya in Norwegen.
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Bild: dpa

„Die Sozialdemokraten verstehen sich bei uns traditionell als staatstragende, das ganze Land einende Partei“, sagt der norwegische Politologe Hallvard Notaker. „Deshalb glaubten sie sich nach dem 22. Juli mit Anschuldigungen zurückhalten zu müssen, anstatt sich viel deutlicher von ihren Gegnern auf der Rechten abzugrenzen, mit denen Breivik sympathisiert hatte.“ Gemeint ist damit vor allem die Fortschrittspartei mit ihrer oft populistischen Islamkritik. Breivik war, lange vor den Attentaten, vorübergehend Parteimitglied; die Fortschrittspartei gehörte von 2013 bis 2020 der Regierungskoalition in Norwegen an. Die Sozialdemokraten dagegen sind bis heute in der Opposition. „Gleichzeitig waren sie eindeutig die Opfer des Terrors, weshalb niemand sonst sich so recht traute, öffentlich über die Taten und ihre Ursachen zu reden“, sagt Notaker. „Das Ergebnis war ein Spagat, der die Partei regelrecht zerrissen hat.“

Der Prozess gegen Breivik, an dessen Ende der Terrorist zur Höchststrafe von 21 Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde, nährte in Norwegen die Hoffnung auf einen konstruktiven Umgang mit dem Verbrechen: mehr Toleranz, mehr Friedfertigkeit sollten die Antwort auf die Gewalt sein. Inzwischen sind Filme über das Doppelattentat von Oslo und Utøya gedreht worden, eine Fernsehserie gibt es auch. Doch erst jetzt setze langsam ein parteiübergreifendes Gespräch über die tiefer liegenden Hintergründe des Attentats ein, stellt der Politologe Notaker fest, über die verbreitete Akzeptanz von Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass; weniger die Spitzenpolitiker seien daran interessiert, eher der Nachwuchs aus allen Parteien sei dafür offen.

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